netzeitung.deEin Leben für die Mäuse

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Walt Disney mit seinem Bruder und Geschäftspartner Roy (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Walt Disney mit seinem Bruder und Geschäftspartner Roy
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Vom Cartoonisten stieg Walt Disney zu einem der bedeutendsten Produzenten der Filmgeschichte auf. Am 5. Dezember vor hundert Jahren wurde der Vater von Mickey Mouse und Co. geboren.

«Denken Sie immer daran, dass die ganze Sache mit einer Maus anfing», sagte
Walt Disney gern. Mit Mickey Mouse begann die Karriere des Zeichentrick-Pioniers und Produzenten Disney. Er war es, der als erster abendfüllende Trickfilme machte, in Farbe und mit Ton. Insgesamt erhielt er mehr als 950 internationale Auszeichnungen und 48 Oscars für sein Werk.

Durch den Erfolg der Maus wurde auch der Grundstein für den hoch profitablen Unterhaltungskonzern mit dem Mausohren-Logo gelegt. Bis heute entstehen in Disneys verschiedenen Produktionsfirmen Trick- und Real-Filme, betreibt das Unternehmen Vergnügungsparks in Frankreich, Japan und den USA. Außerdem wird die ganze Welt (nicht nur von über 500 Disney-Stores) mit Merchandising versorgt.
Disney zeichnete nicht selbst
Dabei waren die ersten Projekte, die Walt Elias Disney in Kansas realisierte, nicht unbedingt erfolgreich. Er entschloss sich,
Walt Disney mit seinem Bruder und Geschäftspartner RoyFoto: Disney.com
nach Los Angeles zu gehen. Dort gründete er mit seinem Bruder Roy und seinem Freund Ub Iwerks als Art Director ein Zeichentrick-Studio, aus dem 1929 «Walt Disney Productions» wurde. Sie produzierten in ihrem Studio eine sehr erfolgreiche Serie von Kurzfilmen mit dem Titel «Alice in Cartoonland» und später mit der Figur Oswald the Lucky Rabbit.

Bereits 1926 gab Disney allerdings das Zeichnen auf und verlagerte sich darauf, Trickfilme zu produzieren. Fortan lieferte er die Ideen, seine Mitarbeiter setzten sie um. Manchmal geriet er in Verlegenheit, wenn Kinder glaubten, er habe alle seine Filme selbst gezeichnet. In Wirklichkeit konnte er, so wird immer wieder kolportiert, kaum eine Skizze von Pluto oder Goofy anfertigen.

Disney behielt immer die völlige Kontrolle über seine Projekte. «Er war gefürchtet und respektiert. Sein Studio führte er wie ein gutmütiger und väterlicher Diktator», sagte sein Zeichner Ward Kimbell einmal über Disney, der Zeit seines Lebens als Perfektionist galt. Diese Perfektion erwartete er auch von seinen Mitarbeitern. Er ließ zum Beispiel in den Studios einen kleinen Zoo bauen, damit sie die Tiere, die sie zeichneten, auch genau studieren konnten.

Mickey Mouse's Debüt in «Steamboat Willie»
Seine berühmteste Figur Mickey Mouse (eingedeutscht: Micky Maus) entstand nur durch einen Rechtstreit. Disney verlor die Urheberrechte an seiner Figur Oswald the Lucky Rabbit und war gezwungen, sich etwas Neues ausdenken. Ihm kam die Idee zu einer Cartoon-Maus, die zuerst Mortimer heißen sollte, dann aber von Disneys Frau Lilly in Mickey umbenannt wurde.

Am 18. November 1928 fand in New York

Mickey Maus in 'Steamboat Willie'Foto: Disney.de
die Leinwandpremiere mit dem
weltberühmten Nager statt. «Steamboat Willie» hieß dieser erste Cartoon, der mit Musik und Geräuschen unterlegt war. Disney selbst lieh der Maus seine Stimme. Da er immer das Ziel hatte die Animationstechnik weiter zu entwickeln, folgte nach dem ersten vertonten Kurztrickfilm mit «Trees and Flowers» die erste Produktion in Farbe. Dafür erhielt Disney einen Oscar, den ersten, der jemals für einen Trickfilm verliehen wurde.
Der erste Zeichentrickspielfilm der Welt
Mickeys Erfinder schwebte aber noch Größeres vor, ein Projekt, das in Hollywood nur «Disneys Folly», Disneys Verrücktheit, genannt wurde: Der erste
'Schneewittchen und die sieben Zwerge'Foto: Filmcritic.com
abendfüllende Zeichentrickfilm. 1937 präsentierte er «Schneewittchen und die sieben Zwerge», der mit großem finanziellen Aufwand und einer Produktionszeit von über zwei Jahren entstand. Das Trickmärchen war ein überwältigender Erfolg, das von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die den Oscar vergibt, mit einem Spezialpreis belohnt wurde – einem großen Oscar für Schneewittchen und sieben kleinen für die Zwerge. Disneys drei nächsten Werke «Pinocchio» (1939), «Fantasia» (1940) und «Bambi» (1942) wurden zu Klassikern.

Doch nicht immer war die Maus das Symbol für den amerikanischen Traum, für Moral und Anstand. In ihren frühen Jahren durfte sie noch rauchen und sogar Alkohol trinken. Noch 1931 stand auf einer deutschen Postkarte: «Klein Micky Maus ist sehr vergnügt und trinkt, bis sie am Boden liegt.» Zu sehen war der besoffene Nager und die Unterschrift: «mit freundlicher Genehmigung von Walter E. Disney». Dessen erster Maus-Film, «Steamboat Willie», wurde noch von Sittenwächtern beanstandet, da die Euter der Kühe riesig waren.

Disney war weniger am Anstand interessiert, dafür sehr geschäftstüchtig. Schnell bekamen die Kühe Kleider und gingen aufrecht, Anzügliches verschwand, die Filme wurden kindertauglich und sehr erfolgreich.

Propaganda-Filme
Auch wenn Disney als unpolitisch galt, Berührungsängste hatte er keine, erklärte sich im Krieg auch gern bereit, Propaganda zu machen. Vor allem, nachdem das Geschäft mit Europa vollkommen zusammen gebrochen war. 1940/41 war das schlechteste Jahr für den Konzern.

In den kommenden Jahren produzierte er auf eigene Kosten mehrere Filme für die Regierung, darunter «Victory through Air Power», der erläutert, dass der Luftkrieg das wirksamste Mittel sei, die Deutschen zu besiegen. Oder 1943 «The Führer's Face», für den er sogar einen weiteren Oscar bekam. Donald spielt dort die Hauptrolle, schuftet als deutscher Arbeiter in einer Munitionsfabrik, überrannt von Hakenkreuzen und Nazi-Fahnen. Am Ende wacht Donald auf und ist glücklicherweise wieder in Amerika, alles nur ein Alptraum.

Wachsendes Imperium
Nach dem Zweiten Weltkrieg widmete sich Walt Disney auch realen Filmen. Neben Zeichentrick-Klassikern wie «Alice im Wunderland» produzierte er zum Beispiel die Jules-Vernes-Verfilmung «20.000 Meilen unter dem Meer» oder das Musical «Mary Poppins», Naturdokumentationen und Cartoon-Sendungen für das amerikanische Fernsehen. Er trat auch selbst im Fernsehen auf, erzählte als Märchenonkel den Kindern Geschichten.

Mit seinem Freizeitpark «Disneyland» in Anaheim, Kalifornien, schuf er Mitte der 50er Jahre eine Vergnügungswelt, in der die Disney-Figuren für Besucher zum Greifen nah sind.

Nicht uneingeschränkte Bewunderung
Disney wurde für sein Werk und für seine phantasievollen Zeichentrickwelten weltweit bewundert. Der britische Cartoonist David Low nannte ihn sogar «den bedeutendsten Künstler der graphischen Kunst seit Leonardo da Vinci». Doch Disney wurde auch immer wieder kritisiert.

Richard Schickel, ein Kritiker des «Time Magazine«, veröffentlichte 1968 eine erste Biographie, die die Person Disney und den Mythos hinterfragte. Er warf ihm eine durchweg unpolitische Haltung vor und beklagte die abstumpfende Wirkung der Disney-Filme. Extrem war seine Schlussfolgerung: «Wenn der Faschismus in Amerika jemals Fuß fassen sollte, dann nur mit Mäuseohren.»

Schöne heile Welt
Walt Disney bekam das allerdings gar nicht mehr mit. Der König der Familienunterhaltung, der sein Leben lang ein starker Raucher war, starb am 15. Dezember 1966, kurz vor der Fertigstellung von «Das Dschungelbuch», an Lungenkrebs. Doch auch nach seinem Tod wuchs das riesige Film- und Entertainment-Imperium weiter.

1995 wurden die Disney Studios durch den Kauf des amerikanischen TV-Senders ABC

und der Produktionsgesellschaft «Capital Cities» zum weltgrößten Entertainment-Unternehmen. Neben ABC und seinen angeschlossenen Fernsehstationen gehören auch noch 26 Radiosender zum Disney-Besitz. Bis heute setzt das Studio die technischen Standards bei Zeichentrickproduktionen und ist inzwischen ein Synonym für Moral, politische Korrektheit und die «schöne heile Welt».