netzeitung.deBilly Wilder mag es heiß

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James Cagney, Horst Buchholz in "Eins, zwei,drei" (Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH)

Lupe James Cagney, Horst Buchholz in "Eins, zwei,drei"
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH

Kühle Sprüche und heiße Filme. Billy Wilder steht für beides. «Ich mache kein Kino, ich mache Movies,» sagt er. Am Freitag wird der Meister 95 Jahre alt.

BERLIN. Auf welche seiner Arbeiten er besonders stolz sei, wurde er einmal gefragt. Billy Wilder antwortete: «Darauf, dass ich das Kreuzworträtsel der New York Times lösen konnte.» Solche Statements sind typisch für den «sophisticated comedian», der mit Marilyn Monroe, Greta Garbo und Audrey Hepburn drehte.

Wortwitz zeigte er schon zu Beginn seiner Karriere. Ende 1926 arbeitete der 20-jährige zwei Monate lang als Eintänzer im Eden-Hotel in Berlin. Ein Freund riet ihm, seine Erlebnisse für die «B.Z. am Mittag» aufzuschreiben. Wilders lakonisch humorige Schilderungen schlugen sofort ein wie eine Bombe. Er war danach zwei Jahre lang freier B.Z.-Reporter, oft mit leerem Magen.

1929 beteiligte sich Wilder dann an dem avantgardistischen Querschnittsfilm «Menschen am Sonntag» und erhielt daraufhin die Chance, für die Ufa Drehbücher zu verfassen. 1933, einen Tag nach dem Reichstagsbrand, verließ er Deutschland. Er floh über Paris in die USA und konnte sich nach einer Durststrecke in Hollywood als Drehbuchautor etablieren.

Grüße vom Kanzler
Geboren wurde der Regisseur, dessen Vorname eigentlich Samuel ist, 1906 in der kleinen galizischen Stadt Sucha, die damals zur Donaumonarchie gehörte. 1914 zog die jüdische Familie nach Wien. Bereits als 18-Jähriger schrieb der sport- und jazzbegeisterte Wilder seine ersten Zeitungsreportagen.

Wilder, der bislang mit sechs Oscars, einem Goldenen Bären, zwei Filmbändern in Gold und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, hat prominente Bewunderer. Berlins Ex-Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen gehört dazu, der Wilders «Eins, zwei, drei» den «Film meines Lebens» nannte.

Und auch der Bundeskanzler bekannte, Wilder-Fan zu sein. Zu dessen Geburtstag würdigte Gerhard Schröder Leben und Werk des Regisseurs. Der Kanzler räumt zwar ein, kein Filmkritiker zu sein. Wilders Werke, besonders «Manche mögen's heiß», «Irma La Douce» und «Das Appartement» seien aber «großartige Beispiele geistreicher Unterhaltung.«
Bilder der amerikanischen Seele
Wilders bekannteste Filme zeigen die amerikanische Seele in ihren typischen Formen. Die Mechanismen des Aufstiegs beschreibt «Das Appartment» (1960), die Doppelmoral der Sechziger Jahre «Avanti, Avanti!» (1972), die Hoffnung auf das schnelle Geld «Der Glückspilz» (1966). Wie kein anderer verkörpert der Schauspieler Jack Lemmon in Wilders Filmen den kleinen Angestellten in den Netzen des «American Dream».
Sein großes Vorbild war Ernst Lubitsch. Er wolle nur unterhalten, hat Billy Wilder immer betont. Aber er war nicht nur Entertainer. Seine Filme geben sich hintersinnig, manchmal sarkastisch. Sittenwächter witterten Anrüchiges in ihnen. Wilder stellte mit Vorliebe das Lächerliche seiner amerikanischen Wahlheimat bloß.

Viele Kritiker halten Wilder etwa mit Lubitsch, Hitchcock und Truffaut für den genialsten Humoristen der Kinogeschichte. Genial nicht wegen technischer Tricks oder filmischer Raffinessen, sondern wegen der Verbindung zentraler Eigenschaften großen Kinos: Gefühl, Humor, Spannung, Tempo, Aussage.

Fünf Filme für die Insel
«Wenn ich die berühmte Liste der zehn Filme für die einsame Insel zusammenstellen müsste,» schreibt ein begeisterter Filmjournalist, «wären bestimmt fünf Wilder-Filme dabei.» «Frau ohne Gewissen», «Boulevard der Dämmerung» und «Zeugin der Anklage» gelten als cineastische Glanzleistungen.
«Ich will eigentlich, daß die Leute in meinen Filmen vergessen, dass es da eine Kamera und einen Regisseur gegeben hat. Sie sollen vergessen, dass das da eine Leinwand ist, worauf sie blicken. Sie sollen meinen, sie seien mit den Personen der Handlung im selben Zimmer oder auf derselben Straße», beschreibt Wilder selbst seinen Regiestil.

Wilder maß der Vorbereitung eines Films immense Bedeutung bei und schrieb seine Drehbücher stets selbst, zusammen mit Co-Autoren. Aus der Zusammenarbeit mit I.A.L. Diamond ging der berühmte Satz «Nobody is perfect» hervor. Mit ihm kommentiert in «Manche mögen's heiß» ein Heiratswilliger die Tatsache, dass sich seine «Freundin» als Mann entpuppt.
Komik als Selbstschutz
Der jüdische Emigrant Wilder, dessen Angehörige in Auschwitz ermordet wurden, hat viele Filme mit «deutscher» Thematik gedreht. In der Tradition der Anti-Nazi-Filme Hollywoods steht etwa der relativ unbekannte «Five Graves to Cairo» (1943).

Wilders Faible für Komödien, so ein Kritiker, wirke ein wenig wie Selbstschutz. «Vielleicht steckt in Lemmons C. C. Baxter (in «The Apartment») viel von seinem Schöpfer: das Lachen angesichts der Angst und der Wille, trotz vielfacher Anzeichen fürs Gegenteil an das Gute im Menschen zu glauben.»

Gegen Ende des Krieges kehrte Wilder für kurze Zeit als Mitarbeiter der

Abteilung für psychologische Kriegsführung nach Deutschland zurück, um den Schnitt von «Todesmühlen», einem aufrüttelnden Dokumentarfilm über die Öffnung der Konzentrationslager, zu überwachen. Sein «deutsches» Meisterwerk aber ist «Eins, zwei, drei» (1961), eine Satire über das zweigeteilte Deutschland vor dem Bau der Berliner Mauer.
«Buddy, Buddy» (1981) war Billy Wilders letzter Film. Über sich selbst sagt der Regisseur: «Ich habe mich als preisgekrönter Witzbold dargestellt, der sich über alles ein wenig lustig macht.»

Für das Web ediert von Klaus J. Ramm