Kontroversen um Lars von Triers «Antichrist»: 

netzeitung.deAggression statt Depression

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Charlotte Gainsbourg in Antichrist (Foto: Promo<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Charlotte Gainsbourg in Antichrist
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Sex im Wald, zerschmetterte Hoden, die Invasion der Hexen: In «Antichrist» erzählt Lars von Trier in expliziten Bildern vom Horrortrip eines trauernden Paares. Blutiger Trash oder eine gelungene Meditation über die Psyche?

«Er» (Willem Dafoe) und «Sie» (Charlotte Gainsbourg) sind die Protagonisten von «Antichrist» – und die einzigen Erwachsenen, deren Gesichter im Film nicht digital verwischt wurden, er ist Psychologe, sie Historikerin mit gescheitertem Dissertationsprojekt über Hexenverfolgung und Misogynie. Die beiden trauern um den Tod ihres zweijährigen Sohnes, der zu Filmbeginn aus dem Fenster stürzt, während die Eltern unter der Dusche vögeln.
Penetration in Großaufnahme
«Was gab’s noch nicht in Cannes? Ficken!?», fragte von Trier vor der Premiere, um dann die Penetration in Großaufnahme und Superzeitlupe ins Bild zu setzen, elegant und gelackt wie den tiefen Fall des Kindes. Das ist bloß das Entrée, und Lars von Trier will sich stets gerne steigern.

Also gibt es in «Antichrist» später noch Sex im Wald, Hodenzerschmetterung, eine Gewindestange im Bein des Mannes, an der ein Schleifstein klemmt, ein Close-up der Frau, die ihr Genital mit der Schere verstümmelt, Brandopfer und Hexeninvasion. Das ist natürlich spekulativ, aber zugleich auch mehr als das. «Antichrist» lässt sich als blutiger Horrorfilm über einen Therapeuten betrachten, der seine Frau mit einer Konfrontationstherapie in einer einsamen Hütte im Wald von ihren Ängsten und Depressionen befreien will.

Verschmitzter Unernst und spürbares Mitgefühl
Aber noch reizvoller ist es, «Antichrist» als Meditation über psychische Abwehrmechanismen, über Übertragung und Gegenübertragung und das schwierige Ringen um Ambivalenz zu lesen, das im Zentrum jeder Analyse steht.

Gewidmet hat der bei Drehbeginn schwer depressive, sein Leben lang von Ängsten aller Art geplagte von Trier seinen «Antichrist» ausgerechnet dem russischen Regisseur Andrej Tarkowskij, und tatsächlich steht alles in einem kuriosen Dialog mit der Bilderwelt von «Der Spiegel» (1975): die animistische Naturinszenierung, die mythische Hütte, die Slow-Motion-Regentropfen, die unberechenbaren Tiere, der Wechsel von Schwarz-Weiß und Farbe, die Pointierung durch klassische Musik, die Verwandlung von physischer Landschaft in eine mentale Landschaft, in eine meditative Reise, die zugleich schläfrige Erinnerung und Erzählung vom Erwachen des Bewusstseins ist.

All das findet sich auch in «Antichrist» wieder, in einer Mischung aus verschmitztem Unernst und spürbarem Mitgefühl für die von Charlotte Gainsbourg (Darstellerpreis in Cannes) so schonungslos gespielte Heldin. Sie hat keine Lust mehr, Opfer zu sein: Aggression statt Depression ist ihre Wahl. (RW)

Diese Filmkritik hat die Netzeitung mit freundlicher Genehmigung von den Kollegen des Tip-Magazins übernommen.