«Die Milch des Leids»siegt bei 59. Berlinale: 

netzeitung.deDie unsichtbaren Tränen der Meerjungfrau

 Herausgeber: netzeitung.de

Die junge Fausta will sich vor ihrer Umwelt schützen (Foto: Berlinale<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Die junge Fausta will sich vor ihrer Umwelt schützen
Foto: Berlinale
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Eine Kartoffel in der Vagina, und das Herz wie von Bändern aus Eisen umschlossen: «La Teta Asustada» zeigt eine traumatisierte junge Frau, die sich ins Leben zurückkämpft. Der Überraschungs-Sieger aus Peru hat den «Goldenen Bären» verdient, findet Kerstin Rottmann .

Felicitaciones Peru! Regisseurin Claudia Llosa gelang am Wochenende ein echter Coup: Mit «La Teta Austada» hat erstmals überhaupt ein Film aus dem lateinamerikanischen Land an den Internationalen Filmfestspielen in Berlin teilgenommen - und gleich den Hauptpreis gewonnen. «La Teta Austada», zu deutsch «die Milch des Leids» ist ein bildstarkes, symbolträchtiges und gleichwohl überraschend leises Porträt einer jungen, traumatisierten Frau in Lima. Die junge Fausta (phantastisch gespielt von Magaly Solier) verliert gleich in den ersten Filmminuten ihre innig geliebte Mutter.
Ein poetisches Bild für ein Krankheitsbild
Die erinnert sich in einem letzten Monolog noch auf dem Sterbebett an das große Trauma ihres Lebens - hochschwanger mit ihrer Tochter, wurde sie vergewaltigt, ihr Mann unter grausamen Umständen getötet. Auch die damals noch im Mutterleib befindliche Fausta ist schwer von der Tat gezeichnet. Kein Wunder, denn schließlich, so glaubt man in Peru, werden Kinder wie Fausta mit der «Milch des Leids» genährt, der Muttermilch, die die Kinder schwermütig und ängstlich macht.

Ein Volksglaube, der in unserer westlichen Welt durchaus als ernst zunehmende Krankheit erkannt wird. Die Kinder schwer traumatisierter und/oder vergewaltigter Frauen, das wissen auch europäische Psychologen - etwa am Beispiel der Kinder von deutschen Vertriebenen im Zweiten Weltkrieg - sind oft die «Ko-Leidenden» ihrer Mütter, wenn auch zunächst auf eine oft unsichtbare Art und Weise. Auch Faustas Leid äußert sich scheinbar undramatisch. Sie ist ausgesprochen schüchtern, und reagiert auf emotionale Anstrengungen stets mit Nasenbluten.
Bizarrer Trick gegen die Penetration
Gegen ihre Ängste vor einer Vergewaltigung wiederum schützt sich die Frau auf eine geradezu bizarre Art und Weise: Sie hat in ihre Vagina eine Kartoffel eingeführt. Solchermaßen physisch und psychisch lädiert, wartet auf die verarmte Vollwaise nun eine große Aufgabe - das Begräbnis der Mutter zu arrangieren, und das nicht in der trockenen, verarmten Hochebenenlandschaft, in der sie bei ihrem Onkel (Marino Ballon) und seiner Familie Obhut gefunden hat.

Zusätzlich erschwert wird Faustas Aufgabe noch durch einen eigentlich freudigen Anlass: Die Tochter ihres Onkels, die ebenso eitle wie einfältige Maxima (Maria del Pilar Guerro) möchte heiraten, und das trotz bescheidener Mittel so protzig wie möglich. Großer Störfaktor: Die mittlerweile einbalmasierte Mutter von Fausta, die, so will es die Sitte wie auch ihr Onkel, gar nicht mehr im Hause sein dürfte. Claudia Llosa gelingt gerade in diesen Szenen der Spagat zwischen einer bunten fröhlichen Alltagswelt und Faustas überaus dunklem Innenleben ganz famos.

Denn auch Fausta muss nun hinaus in die Welt, und versucht, sich das Geld für die Beerdigung im Hause einer alternden Pianistin zu verdienen. Beide Frauen nähern sich einander an, und auch dem zurückhaltenden Gärtner scheint sich Fausta zu öffnen. Llosa wählt streng durchkomponierte, ebenso kühle wie hoch emotionale Bilder für die Reise ihrer Protagonistin zu einem neuen Ich. Das macht «Die Milch des Leids» zu einem ebenso sehenswerten wie hart zu ertragenden Film.
Bleiben oder gehen?
Der Kummer seiner fast immer schweigenden und nie lächelnden Protagonistin greift auch dem Zuschauer ans Herz. Die politischen Hintergründe werden dabei nicht thematisiert, nur die Auswirkungen auf's Private, auf die Frauen, die neben den Kindern schwächsten Glieder in der peruanischen Gesellschaft interessieren die junge Filmemacherin. Auf viel Solidarität und Verständnis kann Fausta nicht hoffen, auch das macht Llosa klar. Still und stumm sitzt die schöne junge Frau in ihrem blauen Kleid am Rande des Hochzeitstrubels herum, wie eine trauernde Meeresjungfrau, die an Land gespült wurde. Spätestens hier ist klar: Fausta muss ihren Weg zurück in die Welt alleine finden, und auch nur sie kann die Entscheidung treffen, ob sie sich von der keimenden, krank machenden Kartoffel in ihrer Vagina trennt - oder ob sie die Erinnerung und das Leid der Vergangenheit weiterhin in ihrem Körper zirkulieren lassen will. Mit der Entscheidung für «Die Milch des Leids» hat die Jury der Berlinale Mut bewiesen.

Zu exotisch, zu schwer fanden viele Kritiker den Film nach seiner Pressevorführung. Doch Faustas stiller Kampf, und ihr bewegender Gesang, die beinah einzige Emotion, die sie sich gestattet, bleibt in Herz und Hirn der Zuschauer haften. Bleibt zu hoffen, dass «La Teta Asustada» auch den Weg in die deutschen Kinos findet.

Dem Vorjahressieger, «Tropa De Elite», über eine grausame Elite-Einheit, die in den Slums von Rio des Janeiro gegen den Drogenhandel kämpft, war dies leider nicht vergönnt. Und das, obwohl die Bildkraft und Entschlossenheit des lateinamerikanischen Kinos derzeit von keiner der müden Großproduktionen aus Europa oder den USA, die bei dieser 59. Berlinale massenhaft zu sehen waren, auch nur ansatzweise erreicht wurde. Viel Glück also, Claudia Llosa, oder auch auf Spanisch: Buena suerte! und hoffentlich auf ein baldiges Wiedersehen im Kino.