Kino-Doku über Joy Division:
«Mehr als nur die Geschichte einer Band»
03.12.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Drei Filme sind in den vergangenen Jahren über Joy Division entstanden. Michael Winterbottoms «24 Hour Party People» erzählte 2002 die Geschichte ihres Labels Factory Records als atemlose Pop-philologische Revue. 2007 widmete der Fotograf und Videoclip-Regisseur Anton Corbijn dem kurzen Leben des Ian Curtis einen vielbeachteten Spielfilm: In «Control» inszenierte er Curtis' Biografie nach dem romantischen Modell vom scheiternden Künstler.
Zu sehen sind etwa Tony Wilson, Entdecker der Band und Chef von Factory Records (gestorben 2007); der geniale Klang-Ingenieur Martin Hannett, der die beiden Studio-Alben produzierte (gestorben 1992); vor allem aber die drei überlebenden Mitglieder Bernard Sumner, Peter Hook und Stephen Morris, die sich nach dem Tod von Ian Curtis unter dem Namen New Order neu zusammenfanden.
Die Schönheit, die Sumner und seine Freunde dann fanden, wurde die Hässlichkeit nicht mehr los: Zu dieser Dialektik sagte man damals Punk. Ihr Erweckungserlebnis hatten sie 1976 beim ersten Konzert der Sex Pistols in Manchester. «So etwas Chaotisches, Aufregendes, Rebellisches hatten wir noch niemals gesehen», erinnert sich Peter Hook, später Bassist von Joy Division. «Wir dachten, was die können, können wir auch. Also gründeten wir eine Band.» Über eine Kleinanzeige gelangten sie an Ian Curtis; auf den ersten Konzerten boten sie - noch unter dem Namen Warsaw - einen schematisch-ruppigen Punkrock dar. Doch änderte sich der Stil der Band in atemberaubendem Tempo. Den dunklen Elektropop David Bowies sogen sie ebenso auf wie die Industrial-Kunst von Throbbing Gristle (deren Sänger Genesis P-Orridge ebenfalls im Interview zu sehen ist) und den Northern Soul, zu dem die farbigen Kids in den Slums von Manchester tanzten.
Bei den ersten Studioaufnahmen, die Joy Division für das RCA Label machen, versuchte der Produzent Richard Searling sogar, Ian Curtis wie James Brown singen zu lassen. «Das funktionierte natürlich nicht», erinnert sich Schlagzeuger Stephen Morris. Aber seine Erinnerung wird sogleich relativiert: Über den Anfang 1978 aufgenommenen Song «Interzone» montiert Regisseur Gee einfach Bilder tanzender Northern-Soul-Kids - und es passt! Dank der Montage versteht man sofort, woher dieser sonderbare Punk-fremde, voranruckende Rhythmus kommt, der den frühen Joy Division ihre besondere Dynamik verleiht.
So ist es in diesem Film durchweg. Und darin besteht - über die Erkundung des Phänomens Joy Division hinaus - seine besondere historiografische Qualität: Durch die Montage von Sounds und Bildern erkundet er das Unbewusste der Musik, ohne sie besserwisserisch-historisierend zu überformen, aber auch, ohne sich schlicht auf das Gedächtnis und die Deutungen der Protagonisten zu verlassen.
Am 18. Mai 1980, kurz vor dem Erscheinen des zweiten Albums «Closer» und vierundzwanzig Stunden vor dem Abflug zur ersten USA-Tournee, erhängt sich Ian Curtis in seiner Küche. Im Film sind noch die Kostenkalkulation für die geplante Reise und die Tourneedaten zu sehen: «21./22./ 23. Mai, Hurrahs Club, New York City; 25. Mai, The Edge, Toronto; 26. Mai, Bookies, Detroit.»
«Ich erhielt den Anruf beim Mittagessen», erinnert sich Peter Hook: «Unser Manager Rob Gretton sagte, Ian hat sich umgebracht. Oh, sagte ich und setzte mich wieder zum Essen. Ich aß einfach weiter. Ich war nicht in der Lage, das zu verstehen.»
«Joy Division»: Ab Donnerstag in Berlin zu sehen im Eiszeit Kino und im White Trash.
Übernommen mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».

