Kino-Doku über Joy Division: 

netzeitung.de«Mehr als nur die Geschichte einer Band»

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Die Band im Januar '79, fotografiert von Kevin Cummins (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Die Band im Januar '79, fotografiert von Kevin Cummins
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

In den vergangenen Jahren sind drei Filme über Joy Division entstanden. Nun kommt auch die Dokumentation von Grant Gee und Jon Savage ins Kino. Ein Film, der über die Erkundung des Band-Phänomens hinausgeht, freut sich Jens Balzer .

Kaum mehr als zwei Jahre hat die Karriere dieser Gruppe gedauert, vom Frühjahr 1978 bis zum Freitod ihres Sängers Ian Curtis im Mai 1980. Lediglich zwei Langspielplatten nahm sie auf, «Unknown Pleasures» und «Closer», die zweite davon wurde bereits postum herausgebracht. Doch das Wenige an Musik, das von Joy Divison geblieben ist, gehört zum bleibenden Kanon des Pop: Songs, die in posthistorischer Kälte klirren; kristallene Bilder einer Introspektion, der nichts, was sie findet zur Heimat wird.

Drei Filme sind in den vergangenen Jahren über Joy Division entstanden. Michael Winterbottoms «24 Hour Party People» erzählte 2002 die Geschichte ihres Labels Factory Records als atemlose Pop-philologische Revue. 2007 widmete der Fotograf und Videoclip-Regisseur Anton Corbijn dem kurzen Leben des Ian Curtis einen vielbeachteten Spielfilm: In «Control» inszenierte er Curtis' Biografie nach dem romantischen Modell vom scheiternden Künstler.

Corbijns Film war geschmackvoll fotografiert und teilweise grandios gespielt. Was über der Konzentration auf Ian Curtis verloren ging, waren jedoch Joy Division als Band; die Dissonanzen und Antagonismen, aus denen ihre unwahrscheinliche Größe erwuchs; und vor allem: der historische Kontext, in dem ihre zeitlose Musik entstand. Umso interessanter ist daher der ebenfalls 2007 entstandene Dokumentarfilm «Joy Division» von Regisseur Grant Gee und dem Pop-Historiker Jon Savage; nach einigen Festival-Aufführungen kommt dieser jetzt erstmals regulär in die Kinos. «Joy Division» zeigt seltene, teilweise noch nie gesehene Konzertaufnahmen aus den Jahren 1978 bis 1980 und verbindet sie mit ausführlichen Interviews.

Zu sehen sind etwa Tony Wilson, Entdecker der Band und Chef von Factory Records (gestorben 2007); der geniale Klang-Ingenieur Martin Hannett, der die beiden Studio-Alben produzierte (gestorben 1992); vor allem aber die drei überlebenden Mitglieder Bernard Sumner, Peter Hook und Stephen Morris, die sich nach dem Tod von Ian Curtis unter dem Namen New Order neu zusammenfanden.

Schönheit an einem hässlichen Ort
«Das ist mehr als nur die Geschichte einer Band», erklärt Tony Wilson gleich zu Beginn des Films: «Es ist auch die Geschichte von Manchester. Hier war das Zentrum der modernen Welt, hier begann die industrielle Revolution. Aber in den 70ern war das nur noch ein schmutziger, kaputter Ort; Straßen voller Unrat; überall Beton.» Dazu sieht man Kinder im Schutt abgerissener Häuser spielen, sie schlagen mit Löffeln auf geborstenen Betonplatten herum. «An so einem hässlichen Ort sucht man überall nach Schönheit», sagt Gitarrist Bernard Sumner.

Die Schönheit, die Sumner und seine Freunde dann fanden, wurde die Hässlichkeit nicht mehr los: Zu dieser Dialektik sagte man damals Punk. Ihr Erweckungserlebnis hatten sie 1976 beim ersten Konzert der Sex Pistols in Manchester. «So etwas Chaotisches, Aufregendes, Rebellisches hatten wir noch niemals gesehen», erinnert sich Peter Hook, später Bassist von Joy Division. «Wir dachten, was die können, können wir auch. Also gründeten wir eine Band.» Über eine Kleinanzeige gelangten sie an Ian Curtis; auf den ersten Konzerten boten sie - noch unter dem Namen Warsaw - einen schematisch-ruppigen Punkrock dar. Doch änderte sich der Stil der Band in atemberaubendem Tempo. Den dunklen Elektropop David Bowies sogen sie ebenso auf wie die Industrial-Kunst von Throbbing Gristle (deren Sänger Genesis P-Orridge ebenfalls im Interview zu sehen ist) und den Northern Soul, zu dem die farbigen Kids in den Slums von Manchester tanzten.

Bei den ersten Studioaufnahmen, die Joy Division für das RCA Label machen, versuchte der Produzent Richard Searling sogar, Ian Curtis wie James Brown singen zu lassen. «Das funktionierte natürlich nicht», erinnert sich Schlagzeuger Stephen Morris. Aber seine Erinnerung wird sogleich relativiert: Über den Anfang 1978 aufgenommenen Song «Interzone» montiert Regisseur Gee einfach Bilder tanzender Northern-Soul-Kids - und es passt! Dank der Montage versteht man sofort, woher dieser sonderbare Punk-fremde, voranruckende Rhythmus kommt, der den frühen Joy Division ihre besondere Dynamik verleiht.

So ist es in diesem Film durchweg. Und darin besteht - über die Erkundung des Phänomens Joy Division hinaus - seine besondere historiografische Qualität: Durch die Montage von Sounds und Bildern erkundet er das Unbewusste der Musik, ohne sie besserwisserisch-historisierend zu überformen, aber auch, ohne sich schlicht auf das Gedächtnis und die Deutungen der Protagonisten zu verlassen.

Vom Künstlermythos um Ian Curtis bleibt wenig übrig
Vom Künstlermythos, den Anton Corbijn um Ian Curtis konstruierte, bleibt wenig übrig. «Für einen Produzenten waren sie ein Geschenk», sagt etwa Martin Hannett über die Studioaufnahmen mit Joy Division: «Sie hatten von Tuten und Blasen keine Ahnung. Ich konnte mit ihnen machen, was ich wollte, experimentieren, kleine Tricks ausprobieren und all das, und sie haben sich niemals beschwert. Oder auch nur nachgefragt.» Wenigstens Bernard Sumner und Peter Hook mochten die eigene Musik jedenfalls gar nicht mehr, als sie erstmals auf Platte hörten. «Wir wollten, dass sie so klingt, wie wir live spielten, nicht so düster und melancholisch,» sagt Hook, und Sumner ergänzt: «Ich hab mir die Platte nicht gerne angehört, mir war das zu heavy, zu hart, zu undurchdringlich.»

Am 18. Mai 1980, kurz vor dem Erscheinen des zweiten Albums «Closer» und vierundzwanzig Stunden vor dem Abflug zur ersten USA-Tournee, erhängt sich Ian Curtis in seiner Küche. Im Film sind noch die Kostenkalkulation für die geplante Reise und die Tourneedaten zu sehen: «21./22./ 23. Mai, Hurrahs Club, New York City; 25. Mai, The Edge, Toronto; 26. Mai, Bookies, Detroit.»

«Ich erhielt den Anruf beim Mittagessen», erinnert sich Peter Hook: «Unser Manager Rob Gretton sagte, Ian hat sich umgebracht. Oh, sagte ich und setzte mich wieder zum Essen. Ich aß einfach weiter. Ich war nicht in der Lage, das zu verstehen.»

«Joy Division»: Ab Donnerstag in Berlin zu sehen im Eiszeit Kino und im White Trash.


Übernommen mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».