Charles (Goode), Julia (Atwell) und Sebastian (Whishaw)
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Jeremy Irons brillierte einst in der TV-Serie, nun ist Evelyn Waughs Roman «Wiedersehen mit Brideshead» erstmals fürs Kino adaptiert worden - und hat sich so freiwillig einer schönen künstlerischen Möglichkeit beraubt, findet Carmen Böker.
«Sicherlich bin ich doch für etwas anderes geschaffen als dies?» Diese Frage, der unglücklich verheirateten Julia zugeschrieben, ist eine Art Geistererscheinung in Evelyn Waughs Roman «Wiedersehen mit Brideshead»; sie wird nie ausgesprochen, teilt sich aber durch ein «gescheitertes Aussehen» beständig mit. So liest man das 1945 erstveröffentlichte, autobiografisch gedeutete Buch heute, in den Zeiten großer Selbstverwirklichungsversprechen. Waugh hingegen, 1930 zum Katholizismus konvertiert, benannte als sein Sujet: «Die Wirkung göttlicher Gnade auf einen Kreis unterschiedlicher, aber eng miteinander verknüpfter Charaktere», die er anhand des Zerfalls der katholischen Adelsfamilie Marchmain im England der Zwanziger bis Vierziger Jahre demonstriert. Und Charles Ryder, der Ich-Erzähler, wird zum Chronisten jener «grimmen kleinen Menschentragödie».
Dieser Agnostiker aus gutbürgerlichem Hause ist derjenige, den Sebastian liebt: der jüngere Sohn des Hauses, der von seiner unnachgiebig gläubigen Mutter (Emma Thompson) immer tiefer ins Elend des Alkoholismus getrieben wird und zuletzt bei Mönchen landet. Charles hingegen liebt nicht Sebastian, sondern dessen Schwester Julia (Hayley Atwell), die diese Gefühle erwidert, aber Roms Missbilligung im Falle einer Scheidung zu sehr fürchtet, um das Glück zu versuchen. Gnade wird den Marchmains nur zuteil, indem sie Buße tun, Verzicht üben, leiden - und zugleich zu Statisten werden beim Untergang einer Welt des reichen Müßiggangs und einer vermeintlichen zivilisatorischen Überlegenheit. Darauf blickt Charles in der Rahmenhandlung zurück, derweil er als Offizier im Zweiten Weltkrieg Quartier nimmt im aufgelassenen Brideshead.
Herrliche Bilder und die innige Blicke
«Wiedersehen mit Brideshead» ist nun von Julian Jarrold erstmals fürs Kino adaptiert worden. Und der Film verlässt sich eher auf herrliche Bilder und die innigen Blicke binnen zweier Liebesgeschichten, als dass er das eigentliche Thema der literarischen Vorlage in die Zange nimmt, nämlich: Kann die Religion tatsächlich Halt geben in einer Zeit brutaler Umbrüche; wie kommt man ohne sie über Dramen hinweg?
Der Zuschauer darf sich delektieren am pittoresken Oxford, wo Charles und Sebastian studieren, wenn sie sich nicht bei Ruderpartien an Champagner und Erdbeeren laben. Es gibt Maskenbälle in Venedig zu besichtigen, wohin der seiner dauerbetenden Frau überdrüssige Lord Marchmain entflohen ist, um sich eine Geliebte zu nehmen. Der Abtrünnige wird krank nach Brideshead zurückkehren und kurz vor dem Tod die letzte Ölung zulassen - wofür sich ein letztes Mal die ganze Familie versammelt, beobachtet von Charles, der Gottes Gnade nicht traut und ahnt, dass er ohne sie dennoch sehr einsam weiterlebt.
Whishaw wurden Teekanne und Fallhändchen verordnet
Emma Thompson spielt die unnachgiebig gläubige Mutter
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Aus dem Roman ist zuvor bereits eine elfteilige britische TV-Serie (1979-1981) entstanden; sie machte Jeremy Irons in der Rolle des Charles Ryder endgültig berühmt und gilt als beispielhafte Literaturverfilmung - begehrenswert ausgestattete, großartig besetzte, geistreiche Unterhaltung. Der Kinofilm hat in 133 Minuten episch begrenztere Möglichkeiten, beraubt sich aber auch freiwillig einer schönen künstlerischen Möglichkeit: indem er, anders als die Fernsehversion, auf die Stimme des Ich-Erzählers im Off verzichtet, in der sich Sarkasmus und Umgangssprache mit zauberhaft poetischen Wendungen verbinden. So heißt es bei Waugh über die erste Begegnung von Charles und Julia: «...als ich die Zigarette aus dem Mund nahm und ihr zwischen die Lippen steckte, vernahm ich einen dünnen Fledermausschrei der Sexualität, hörbar nur für mich.»
In seinem Vorhaben, die homoerotischen Komponenten stärker auszuweisen als im Roman, ist der Film auch nicht unbedingt wegweisend. Evelyn Waugh belässt es bei Andeutungen, womöglich weniger aus Schamhaftigkeit, sondern um eine gewisse nonchalante Modernität in besseren Kreisen widerzuspiegeln, die der biederen Realität keinesfalls entsprach. Matthew Goode in der Rolle des Charles reagiert auf die Annäherungsversuche Sebastians so hölzern, wie er sich insgesamt in seiner Rolle als Beobachter eingerichtet hat. Besonders schade aber ist es um Ben Whishaw, der genau so charmant, koboldhaft und hinreißend ist, wie sein Sebastian von Evelyn Waugh beschrieben wurde. Zusätzlich wurden ihm aber tuntige Gesten wie die Teekanne und das Fallhändchen verordnet - anstatt sich auf seine Unwiderstehlichkeit zu verlassen und ihre grausame Zerstörung umso tragischer illustrieren zu können.
Übernommen mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».