Thriller im Transsibirien-Express: 

netzeitung.deEisige Zugfahrt in den Tod

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Emily Mortimer überzeugt als Opfer und als Täterin (Foto: Verleih<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Emily Mortimer überzeugt als Opfer und als Täterin
Foto: Verleih
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Wenn Hollywood in Russland dreht, ist Vorsicht geboten: Brad Andersons «Transsiberian» mag einen fesselnden Krimi abgeben, verheddert sich aber zu oft in Klischees, findet Maike Schultz . Mit Video.

«In einem Zug kann man sich nicht verstecken», sagt der russische Drogenfahnder Grinko alias Sir Ben Kingsley. Recht hat er. Und Regisseur Brad Anderson («The Machinist») weiß die Aura dieser Spielstätte in seinem neuen Psychothriller «Transsiberian» packend in Szene zu setzen.

Schon Alfred Hitchcock wandte sich 1951 der Falle auf Schienen zu, als er Patricia Highsmiths Roman «Der Fremde im Zug» verfilmte. Während sein Krimi auf jeder beliebigen Strecke spielen könnte, dreht sich bei Anderson alles um die legendäre Transsibirische Eisenbahn. Eine 20 Jahre zurückliegende Reise inspirierte ihn zu dem Film, der seine Weltpremiere bei der diesjährigen Berlinale feierte.
Amouröse Verwicklungen
Darin will ein US-Paar die 9000 Kilometer von Peking nach Moskau zurücklegen. Nach einem längeren China-Aufenthalt für seine Kirchengemeinde reizt besonders Lok-Fan Roy (Woody Harrelson) das Abenteuer – soll es doch auch wieder ein wenig Leben in die Ehe mit Jessie (Emily Mortimer) bringen. Ihre Beziehung kriselt, weil die Fotografin seinen Kinderwunsch ablehnt.

Im engen Abteil lernen sie zwei Rucksacktouristen kennen: Den zwielichtigen Spanier Carlos (Eduardo Noriega) und seine amerikanische Freundin Abby (Kate Mara). Ihre geheimnisvolle Art und die offensichtliche Erotik zwischen den beiden fasziniert vor allem Jessie, die sich an längst vergangene Zeiten erinnert fühlt. Der Konflikt ist vorprogrammiert: Als Roy nach einem Zwischenstopp den Zug verpasst, löst eine Begegnung zwischen Jessie und Carlos eine tragische Verkettung von Verrat, Betrug und Mord aus.

Nichts ist so wie es scheint
Genau wie die über 100 Jahre alte Eisenbahn braucht auch der Film «Transsiberian» eine Weile, bis er richtig in Fahrt kommt. Sodann entwickelt er einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Falsche Fährten und das doppelte Spiel der Protagonisten bewirken, dass einem die eigene Vorahnung immer wieder einen Streich spielt.

Mit der Wahrheit in «Transsiberian» verhält es sich wie mit den verdächtigen Matrjoschka-Puppen in Carlos' Gepäck: Öffnet man eine, verbirgt sich in ihr schon wieder die nächste. Als zwei russische Polizeibeamte (Kingsley und Thomas Kretschmann) Roy und Jessie schließlich in eine blutige Folterkammer entführen, wähnt man sich sogar kurz in einem Horrorstreifen gelandet.
Der Russe als Feindbild
Schade nur, dass Andersons Drehbuch sich allzu oft in xenophoben Klischees verfängt. Natürlich fallen die braven US-Bürger auf den Latino von der Ost-Mafia herein; natürlich sind die russischen Polizisten korrupt; natürlich trauern sie der Sowjetunion hinterher; natürlich muss Roy in seiner Verzweiflung «Aber wir sind doch Amerikaner!» sagen.

Einzig das Psychogramm von Jessie überzeugt, was vor allem Emily Mortimers intensivem Spiel zu verdanken ist. Ansonsten wird Russland als unzivilisiertes und bedrohliches Land dargestellt, auch wenn die an Originalschauplätzen gedrehten Aufnahmen zum Teil eine bizarre Schönheit entwickeln.

Psychoterror im klaustrophobischen Umfeld
Immer wieder blickt die Kamera aus der Vogelperspektive auf den fahrenden Zug hinunter, der sich wie eine lange, giftige Blechschlange durch schneebedeckte, karge Landstriche windet. In ihrem Bauch ist die Atmosphäre so düster wie die Wodka-geschwängerten Gruselgeschichten ihrer Passagiere - und bei den Zwischenhalten bestimmen Armut, Isolation und Gewalt das Bild.

Das alles würde den Film immer noch sehenswert machen. Doch leider enttäuscht auch das zunächst hochspannende Finale: Ausgerechnet aus Tschetschenien heimkehrende Soldaten retten Roy und Jessie, aber wie, erfährt der Zuschauer gar nicht.

Zwischen ihrer Begegnung mit dem Militär und dem Treffen mit einem US-Anwalt vor der Ausreise gibt es einfach einen Schnitt, dann sitzen die beiden auch schon im Flugzeug Richtung Heimat. Von der vorderen Sitzreihe grinst ihnen das Happy End in Gestalt eines Kindes entgegen. An dieser Stelle würde man sich gerne unter dem Kinosessel verstecken.

Video: Trailer zu «Transsiberian»