09. Okt 2008 17:49
hat «nach zwei Wochen blutigem Reality-Kino eine erste Zwischenbilanz» gezogen und hält fest: Der RAF-Film ist bislang in jeder Hinsicht gescheitert.
Genau zwei Wochen ist es jetzt her, dass «Der Baader Meinhof Komplex» von einer beispiellosen - und teilweise auch geschmacklosen - medialen Werbekampagne in die deutschen Kinos geleitet wurde. Sollte bis zu diesem Zeitpunkt noch jemand der Meinung nachgehangen haben, eine Terroristenvereinigung wie die RAF tauge nicht zum nationalen Erinnerungsort, dann wurde er von den Titelseiten unzähliger Magazine, von öffentlich-rechtlichen Diskussionssendungen und diversen Buchveröffentlichungen eines Besseren belehrt. Dieser Film werde schonungslos die Realität abbilden, hieß es. Er werde den Tätern die Heldenmaske vom Gesicht reißen, hieß es. Er werde die Nachkriegsgeschichte neu definieren, hieß es. Und er werde natürlich den nächsten deutschen Oscar gewinnen. Zunächst einmal hat der große Bernd-Eichinger- Entmythologisierungsfilm dem Mythos also keineswegs geschadet. Er hat ihn vielmehr zu neuem Leben erweckt.
Wenn man nun nach zwei Wochen blutigem Reality-Kino eine erste Zwischenbilanz zieht, darf man festhalten, dass dieser Film bislang in jeder Hinsicht gescheitert ist. Dass die Nachfahren der RAF-Opfer entrüstet sein würden, war ja noch abzusehen. Clais Baron von Mirbach, Sohn des 1975 in Stockholm erschossenen Andreas Clais Baron von Mirbach, meldete sich schon vor knapp drei Wochen in einer von Anne Will moderierten RAF-PR-Veranstaltung zu Wort und kritisierte, dass die angeblich detailgetreu abgebildete Hinrichtung seines Vaters auf zehn Sekunden Actionkino komprimiert eben doch wie lapidares «Wegmähen» aussehe.
Ignes Ponto, die Witwe des 1977 ermordeten Bankiers Jürgen Ponto, gab nun aus Protest gegen den Eichinger-Film sogar ihr Bundesverdienstkreuz zurück. Es gehe zu sehr um die Täter, beklagen fast alle Angehörigen der RAF-Opfer. Und das Einzige, was man dieser Feststellung entgegnen könnte, ist, dass Bernd Eichinger und sein Co-Autor Stefan Aust nie behauptet haben, einen Opfer-Film drehen zu wollen. Sie haben aus einem Täter-Buch einen Täter-Film gemacht.
Nun ist eben noch zu fragen, ob es denn wenigstens ein guter Täter-Film geworden ist? Keineswegs, lautet die Antwort. Dieser Ansicht ist zumindest Bettina Röhl. Sie sieht die Tätergeschichte ihrer Mutter Ulrike Meinhof durch die Filmversion des «Baader Meinhof Komplex» nicht historisch gerade gerückt, sondern weiter verfälscht. Mehr Heldenverehrung gehe nicht, schreibt sie in ihrem Webblog. Es werde nämlich nicht, wie behauptet, die Realität verfilmt, sondern das, was Stefan Aust seit zwei Jahrzehnten als seine Realität verkaufe.
Verkaufen ist ein gutes Stichwort. Denn nicht einmal an der Stelle, wo man diesem Film alles zugetraut hätte, erfüllt er seine Erwartungen. Nach dem ersten Kinowochenende meldeten die Agenturen für den «Baader Meinhof Komplex» 390.000 Zuschauer, gut 100.000 weniger als für die Roboter-Romanze «Wall-E». Inzwischen bleiben in den Berliner Kinos viele Sitze frei, Reservieren war schon nach wenigen Tagen sinnlos.
Das ist nicht nur überraschend, das ist eingedenk der national orchestrierten Pressearbeit geradezu lächerlich. Und so ist es seltsam ruhig geworden um Andreas Baader, Ulrike Meinhof und all die anderen Lederjackenhelden. Sie schießen, feiern und schimpfen wie nie, und die Deutschen wenden sich gähnend ab. Die Streitgespräche sind verstummt, der Entmythologisierungs-Mythos ist verpufft.
Um zu verstehen, was da gerade passiert, muss man den Komplex aus dem Filmtitel wahrscheinlich in seiner Doppeldeutigkeit begreifen - als ein inhaltliches Faktenmonster, das nicht für die Kinoleinwand taugt, und als einen kollektiven Seelenzustand, dem viele Menschen mit Verdrängung begegnen.Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung».