Aus Empörung über Darstellung im RAF-Film :
Ponto-Witwe gibt Bundesverdienstkreuz zurück
07.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Moritz Bleibtreu als Baader, Johanna Wokalek als Ensslin in "Der Baader Meinhof Komplex"
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Den Opfern ein Gesicht geben wollte Uli Edel mit seinem «Baader Meinhof Komplex». Nun bemängeln ausgerechnet die Angehörigen von Jürgen Ponto schwere Versäumnisse in dem Film - und werfen den Machern Sensationsgier vor.
Eklat um die Filmversion des «Baader Meinhof Komplex»: Die Witwe des 1977 von RAF-Terroristen erschossenen Bankiers Jürgen Ponto hat aus Protest über die Verfilmung von Uli Edel ihr Bundesverdienstkreuz an Bundespräsident Horst Köhler zurückgeschickt. Das berichtet «Welt Online» unter Berufung auf Pontos Tochter Corinna. Die 79-jährige Ignes Ponto, eine Musikerin, erhielt das Bundesverdienstkreuz 1988 unter anderem für die Gründung und Begleitung der «Bundesbegegnung 'Schulen musizieren'». Die Familie Pontos kritisiert vor allem die Darstellung der Ermordung des Bankiers. Daran sei «so gut wie alles falsch», sagte Corinna Ponto. «Während man sich anderswo bis zu korrekten Fahrzeug-Kennzeichen zu den historischen Details bekennt, verfährt man in dieser Szene frei nach Fantasie, was Haus, Interieur und Geschehen angeht. Von dem RAF-Attentat auf meinen Vater gab es bisher keine Bilder. Das war für uns immer ein gewisser Trost und auch ein Schutz. Diese falsche Überschreitung der Film-Version ins Private empfinde ich als besondere Perfidie.»
«Let's go Oscar»Ihre Mutter habe sprachlos die verfälschte, öffentlich dargebotene filmische Hinrichtung ihres Mannes in vielen verschiedenen Programmen der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten erlebt. «Ihr und uns, einschließlich der noch sehr jungen Familienmitglieder, wurde zugemutet, als unvorbereitete Zuschauer die Szene dieses filmisch inszenierten Attentats ertragen zu müssen - als Vermarktungs-Thriller, unkommentiert, sogar hin und wieder angeregt angekündigt unter dem Motto 'Let's go Oscar'», kritisierte Corinna Ponto.
«Menschenwürde verletzt»Sie sprach von einer neuen Stufe öffentlicher Demütigungen. «Hier werden die Menschenwürde meiner Mutter und der ganzen Familie in ihrem Kern getroffen sowie Pietät und Andenken eines Toten in geschmacklosester Weise verletzt», sagte die Tochter. Seit Jahrzehnten vermöge es die Bundesrepublik nicht, den Opfern der RAF eine Gedenktafel zu widmen, kritisiert die Familie laut Welt Online.
Statt Aufklärung zu betreiben, etwa über die Erforschung des von der DDR unterstützten Terrorismus, teilfinanziere der Staat mittels öffentlich-rechtlicher Anstalten und den Filmförderfonds «diesen trickreich unhistorischen und gefährlich auch zur Gewalt verführenden Film und fördert ihn damit auch ideell», kritisierte Corinna Ponto. Das Interview mit Ponto führte die Publizistin Bettina Röhl, die Tochter der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof ist. (nz/AP)