Paul Kalkbrenner im Interview: 

netzeitung.de«Die Love Parade ist ein Ballermann-Event»

 Herausgeber: netzeitung.de

In der Klapse entsteht das "Berlin Calling"-Plattencover (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe In der Klapse entsteht das "Berlin Calling"-Plattencover
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Für den Kinofilm «Berlin Calling» stand Paul Kalkbrenner erstmals vor der Kamera. Maike Schultz sprach mit dem Elektromusiker über Lampenfieber, Techno-Sozialisation und Drogen in der Szene. Mit exklusivem Video

Technostar Martin (Paul Kalkbrenner) alias DJ Ickarus tourt mit seiner Managerin und Freundin Mathilde (Rita Lengyel) durch die Nachtclubs der Welt. Sie stehen kurz vor ihrer größten Albumveröffentlichung. Doch dann wird Ickarus im Drogenrausch in eine Berliner Nervenklinik eingeliefert.

Die Tragikomödie «Berlin Calling» lief im Wettbewerb des Filmfestivals Locarno und kommt diesen Donnerstag ins Kino. Regisseur Hannes Stöhr («Berlin is in Germany») zeichnet darin ein fiktives Musikerporträt im Berlin von heute nach. Dennoch gibt es einige Parallelen zum realen Leben von Paul Kalkbrenner: Er steuerte seine eigenen Tracks bei, lebt auch in Friedrichshain und hat wie Ickarus die Schule abgebrochen.

Der 31-Jährige kommt aus einer Leipziger Künstlerfamilie: Seine Großeltern waren Maler, seine Mutter Carla leitete das Kulturmagazin «Kaos» im DDR-Fernsehen und erhielt dafür den Grimme-Preis. Er selbst bezeichnet sich als Elektro-Komponist. Für Ellen Alliens Label BPitch Control produzierte Kalkbrenner die beiden Alben «Superimpose» und «Zeit». Seine Musik nennt er «energetisch, gefühlvoll, melancholisch, aber auch fröhlich».

Netzeitung: Paul, «Berlin Calling» ist Dein erster Film. Wie ist das Projekt zustande gekommen?

Paul Kalkbrenner: Hannes Stöhr fand meine Platten gut und hat mich zunächst nur als Berater hinzugezogen, um Insider-Szenen wie Label-Meetings so authentisch wie möglich darzustellen. Wir haben zwei Jahre zusammen am Skript gebastelt. Als nächstes sollte ich den Soundtrack machen und dann hat er mich plötzlich gefragt, ob ich die Rolle nicht selbst spielen will. Er meinte diese Entscheidung fiel in den Gesprächen, in denen es gerade nicht um den Film ging.

Netzeitung: Und wie hast Du auf das Angebot reagiert?

Kalkbrenner: Keine Sekunde gezögert und sofort zugesagt. Erst nach den ersten Proben, so zwei Tage vor Drehbeginn habe ich dann richtig Bammel bekommen. Ich dachte, oh weia, was passiert wenn ich jetzt aus reiner Selbstüberschätzung ein Zwei-Millionen-Euro-Projekt einfach mal fett in den Sand setze? Aber dann hat der Kameramann gesagt, «Die Kamera liebt dich» und alles war gut.

Netzeitung: Du musstest zum ersten Mal in einem Team arbeiten. Wie hat das funktioniert?

Kalkbrenner: Ich habe mich total wohl gefühlt. Hannes Stöhr hat mich einfach machen lassen. Seine große Stärke ist sein Vertrauen, er kann problemlos Kompetenzen an alle möglichen Leute abgeben, ohne an Autorität zu verlieren. Oft habe ich die Kamera auch vergessen, zum Beispiel bei den Clubszenen. Da stand ich ja als Paul Kalkbrenner auf der Bühne und plötzlich hat mich beim Mixen eine Kamera von hinten angerempelt (lacht).

«So wie Ickarus endet man, wenn man sich zu sehr treiben lässt»
Netzeitung: Wie viel Paul Kalkbrenner steckt in der Filmfigur DJ Ickarus?

Kalkbrenner: Erstmal würde ich mich nie DJ nennen, denn ich lege keine Platten auf. Aber ich kenne Ickarus sehr gut. In ihm steckt mein persönlicher Dämon – er ist so, wie ich geworden wäre, wenn ich nicht besser auf mich aufgepasst hätte. So wie er endet man, wenn man sich zu sehr treiben lässt, zu stark den Drogen zusagt und letztlich die Kontrolle verliert.

Netzeitung: Was für Erfahrungen hast Du selbst mit Drogen gemacht?

Kalkbrenner: Man kommt natürlich in der Szene damit in Kontakt. Aber jeder, der Drogen nimmt, kann darüber frei entscheiden. Auch bei mir gewinnt an manchen Tagen der Dämon. Der Mensch muss begreifen, dass er für sein Handeln selbst verantwortlich ist, das sagt ja auch Ickarus' Vater in der Kirche. Ich trete auch in Japan und anderen Ländern auf, wo das Thema gar keine Rolle spielt. Es gibt Techno mit und Techno ohne Drogen.

Netzeitung: Also ist eure Darstellung der Szene eine rein Berlin-spezifische?

Kalkbrenner: Das, was sich in diesem Film abspielt, würde in keiner anderen deutschen Stadt so passieren. Aber die Rezeption meiner Musik ist überall auf der Welt gleich. Da ist die Techno-Sozialisation stärker als die eigentliche gesellschaftliche, die ja in Asien und Südamerika nicht unterschiedlicher sein könnte. Anscheinend ist Techno eine weltumspannende Sprache, in der sich jeder wiederfinden kann.

«Die Story würde auch mit jedem anderen Künstler funktionieren»
Netzeitung: À propos Sozialisation: Glaubst Du Ickarus ist – auch gerade in seinem Scheitern – eine Identifikationsfigur für die heutige Jugend?

Kalkbrenner: Ich habe gelesen, dass jeder Siebte heute einen Plattenspieler besitzt, an dem er elektronische Frickeleien ausprobiert. Das ist das Äquivalent zur Gitarre vor 30 Jahren, die jeder Zweite zu Hause stehen hatte, weil er Rockstar werden wollte. Deshalb finden sich bestimmt viele in Ickarus und seinem Erfolgsstreben wieder. Die Drogenhandlung ist ja nur der Pinsel, mit dem wir das Bild malen. Die eigentliche Geschichte über Liebe, Familie, Genie und Wahnsinn ist viel universeller und würde auch mit einem ganz anderen Künstler funktionieren.

Netzeitung: Mit Corinna Harfouch spielst Du eine Szene, die den Konflikt zwischen Jugend und Alt-68ern auf den Punkt bringt.

Kalkbrenner: Das ist so ein kleiner Seitenhieb. Die ach so alternative 68er-Generation ist nach ihrem Marsch durch die Institutionen eben doch in einem Haus mit Garten angekommen und geht abends in die Oper. Da fällt mir der Spruch ein «Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz, aber wer es mit 40 immer noch ist, hat keinen Verstand». Wahrscheinlich passiert mir irgendwann dasselbe. Diese Angst ist immer da, deshalb versuche ich einfach, so unkonventionell wie möglich zu bleiben und bin nicht Cutter bei der ARD geblieben.

«Alle denken, Techno sei nur schnelles Bumm Bumm»
Netzeitung: Glaubst Du, dass der Film das Phänomen Techno auch Leuten näher bringt, die vorher noch nie in einem Club waren?

Kalkbrenner: Auf jeden Fall. Wir hatten ja Test-Screenings mit durchschnittlichen Bundesbürgern. Die haben zu mir gesagt: «Ich hätte nie gedacht, dass das jemand so ernst nehmen kann». Diese Unterscheidung von E- und U-Musik haben ja nicht wir, sondern die klassischen Musiker erfunden. Dabei haben viele bedeutende Komponisten Sinfonien zur reinen Unterhaltung geschrieben. Und ich kenne viele Techno-Künstler, deren Musik sehr ernst ist.

Netzeitung: Zum Beispiel Deine.

Kalkbrenner: Meine ist E-Musik im Sinne von ernst gemeint – sie plätschert nicht nur dahin, sondern zwingt auch mal genau hinzuhören und nimmt einen mit. Das ist das große Techno-Missverständnis: Alle denken, das sei nur so schnelles Bumm Bumm. Aber gerade indem das Schnelle sich ständig wiederholt, kann man darin einen Moment der Langsamkeit finden.

Netzeitung: Aber das öffentliche Bild von Techno wird durch freakige Raver auf der Loveparade bestimmt.

Kalkbrenner: Das ist ein reines Ballermann-Event. Jede Jugendbewegung erlebt irgendwann ihren Ausverkauf, das hat die Basis aber nie erschüttert. Techno hat seit 20 Jahren eine vitale und sehr strapazierfähige Szene in Deutschland. In der Musikindustrie hat Techno sogar den Weg vorgezeichnet, den jetzt der Mainstream geht: Wir verkaufen unsere Tracks über Downloads und sind auf diese Weise unabhängig von großen Majors.

Netzeitung: Bist Du beim Komponieren des Soundtracks eigentlich anders vorgegangen als bei der Produktion eines «normalen» Albums?

Kalkbrenner: Auf den Soundtrack kommen fünf bis sechs meiner Songs, die schon veröffentlicht sind und den Rest habe ich eigens dafür geschrieben. Allerdings musste ich für den Film zunächst ein ganz neues Längenformat ausprobieren. Die Szenen sind ja nur jeweils eine Minute lang, so ein Club-Song dauert mindestens sechs. Bei solchen Arrangements habe ich gemerkt, dass ich auch in kurzer Zeit eine musikalische Dramaturgie aufbauen kann. Schwierig war, dann für den Soundtrack wieder auf Länge zu kommen, damit die Tracks auf der CD nicht so kurz sind.

Netzeitung: Hast Du nach der Locarno-Premiere schon Angebote für weitere Filme erhalten?

Kalkbrenner: Nein, und ich will auch nicht einfach so irgendwo mitspielen. Wenn ich Filme mache, dann nur so, wie es jetzt gelaufen ist. Nur fürs Kino und am besten auch nur mit Hannes Stöhr. Mir macht das nur Spaß, wenn ich ein Projekt so wie dieses vier Jahre lang begleite und vom Sound-Design bis zur Post-Production überall eingebunden bin.

Netzeitung: Auf Dauer wäre so ein Schauspielerdasein womöglich weniger anstrengend als Dein exzessives Nachtleben. Das kann man doch nicht bis ins Alter durchziehen.

Kalkbrenner: Wenn ich am Wochenende auftrete, habe ich danach immer viel Freizeit. Außerdem bin ich ja erst 31. Herbie Hancock ist 62 und spielt noch, Johannes Heesters ist 104. Aber man muss so ein Globetrotter-Dasein schon mögen. Die meisten Leute schlafen am liebsten in ihrem eigenen Bett, ich wollte schon immer weg und reisen.

Das Gespräch führte Maike Schultz. «Berlin Calling» läuft am 2. Oktober in den Kinos an.

Exklusives NZ-Video: Szene aus «Berlin Calling»