Paul Kalkbrenner im Interview:
«Die Love Parade ist ein Ballermann-Event»
30.09.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Der 31-Jährige kommt aus einer Leipziger Künstlerfamilie: Seine Großeltern waren Maler, seine Mutter Carla leitete das Kulturmagazin «Kaos» im DDR-Fernsehen und erhielt dafür den Grimme-Preis. Er selbst bezeichnet sich als Elektro-Komponist. Für Ellen Alliens Label BPitch Control produzierte Kalkbrenner die beiden Alben «Superimpose» und «Zeit». Seine Musik nennt er «energetisch, gefühlvoll, melancholisch, aber auch fröhlich».
Netzeitung: Paul, «Berlin Calling» ist Dein erster Film. Wie ist das Projekt zustande gekommen?
Paul Kalkbrenner: Hannes Stöhr fand meine Platten gut und hat mich zunächst nur als Berater hinzugezogen, um Insider-Szenen wie Label-Meetings so authentisch wie möglich darzustellen. Wir haben zwei Jahre zusammen am Skript gebastelt. Als nächstes sollte ich den Soundtrack machen und dann hat er mich plötzlich gefragt, ob ich die Rolle nicht selbst spielen will. Er meinte diese Entscheidung fiel in den Gesprächen, in denen es gerade nicht um den Film ging.
Netzeitung: Und wie hast Du auf das Angebot reagiert?
Netzeitung: Du musstest zum ersten Mal in einem Team arbeiten. Wie hat das funktioniert?
Kalkbrenner: Ich habe mich total wohl gefühlt. Hannes Stöhr hat mich einfach machen lassen. Seine große Stärke ist sein Vertrauen, er kann problemlos Kompetenzen an alle möglichen Leute abgeben, ohne an Autorität zu verlieren. Oft habe ich die Kamera auch vergessen, zum Beispiel bei den Clubszenen. Da stand ich ja als Paul Kalkbrenner auf der Bühne und plötzlich hat mich beim Mixen eine Kamera von hinten angerempelt (lacht).
Kalkbrenner: Erstmal würde ich mich nie DJ nennen, denn ich lege keine Platten auf. Aber ich kenne Ickarus sehr gut. In ihm steckt mein persönlicher Dämon er ist so, wie ich geworden wäre, wenn ich nicht besser auf mich aufgepasst hätte. So wie er endet man, wenn man sich zu sehr treiben lässt, zu stark den Drogen zusagt und letztlich die Kontrolle verliert.
Netzeitung: Was für Erfahrungen hast Du selbst mit Drogen gemacht?
Netzeitung: Also ist eure Darstellung der Szene eine rein Berlin-spezifische?
Kalkbrenner: Das, was sich in diesem Film abspielt, würde in keiner anderen deutschen Stadt so passieren. Aber die Rezeption meiner Musik ist überall auf der Welt gleich. Da ist die Techno-Sozialisation stärker als die eigentliche gesellschaftliche, die ja in Asien und Südamerika nicht unterschiedlicher sein könnte. Anscheinend ist Techno eine weltumspannende Sprache, in der sich jeder wiederfinden kann.
Kalkbrenner: Ich habe gelesen, dass jeder Siebte heute einen Plattenspieler besitzt, an dem er elektronische Frickeleien ausprobiert. Das ist das Äquivalent zur Gitarre vor 30 Jahren, die jeder Zweite zu Hause stehen hatte, weil er Rockstar werden wollte. Deshalb finden sich bestimmt viele in Ickarus und seinem Erfolgsstreben wieder. Die Drogenhandlung ist ja nur der Pinsel, mit dem wir das Bild malen. Die eigentliche Geschichte über Liebe, Familie, Genie und Wahnsinn ist viel universeller und würde auch mit einem ganz anderen Künstler funktionieren.
Netzeitung: Mit Corinna Harfouch spielst Du eine Szene, die den Konflikt zwischen Jugend und Alt-68ern auf den Punkt bringt.
Kalkbrenner: Das ist so ein kleiner Seitenhieb. Die ach so alternative 68er-Generation ist nach ihrem Marsch durch die Institutionen eben doch in einem Haus mit Garten angekommen und geht abends in die Oper. Da fällt mir der Spruch ein «Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz, aber wer es mit 40 immer noch ist, hat keinen Verstand». Wahrscheinlich passiert mir irgendwann dasselbe. Diese Angst ist immer da, deshalb versuche ich einfach, so unkonventionell wie möglich zu bleiben und bin nicht Cutter bei der ARD geblieben.
Netzeitung: Zum Beispiel Deine.
Netzeitung: Aber das öffentliche Bild von Techno wird durch freakige Raver auf der Loveparade bestimmt.
Kalkbrenner: Das ist ein reines Ballermann-Event. Jede Jugendbewegung erlebt irgendwann ihren Ausverkauf, das hat die Basis aber nie erschüttert. Techno hat seit 20 Jahren eine vitale und sehr strapazierfähige Szene in Deutschland. In der Musikindustrie hat Techno sogar den Weg vorgezeichnet, den jetzt der Mainstream geht: Wir verkaufen unsere Tracks über Downloads und sind auf diese Weise unabhängig von großen Majors.
Kalkbrenner: Auf den Soundtrack kommen fünf bis sechs meiner Songs, die schon veröffentlicht sind und den Rest habe ich eigens dafür geschrieben. Allerdings musste ich für den Film zunächst ein ganz neues Längenformat ausprobieren. Die Szenen sind ja nur jeweils eine Minute lang, so ein Club-Song dauert mindestens sechs. Bei solchen Arrangements habe ich gemerkt, dass ich auch in kurzer Zeit eine musikalische Dramaturgie aufbauen kann. Schwierig war, dann für den Soundtrack wieder auf Länge zu kommen, damit die Tracks auf der CD nicht so kurz sind.
Kalkbrenner: Nein, und ich will auch nicht einfach so irgendwo mitspielen. Wenn ich Filme mache, dann nur so, wie es jetzt gelaufen ist. Nur fürs Kino und am besten auch nur mit Hannes Stöhr. Mir macht das nur Spaß, wenn ich ein Projekt so wie dieses vier Jahre lang begleite und vom Sound-Design bis zur Post-Production überall eingebunden bin.
Kalkbrenner: Wenn ich am Wochenende auftrete, habe ich danach immer viel Freizeit. Außerdem bin ich ja erst 31. Herbie Hancock ist 62 und spielt noch, Johannes Heesters ist 104. Aber man muss so ein Globetrotter-Dasein schon mögen. Die meisten Leute schlafen am liebsten in ihrem eigenen Bett, ich wollte schon immer weg und reisen.
Das Gespräch führte Maike Schultz. «Berlin Calling» läuft am 2. Oktober in den Kinos an.

