18.09.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Posen wie im Tarantino-Film: Peter-Jürgen Book (Vinzenz Kiefer; l) und Willy Peter Stoll (Hannes Wegener) bei der Schleyer-Entführung
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Noch schamloser als «Der Baader Meinhof Komplex» ist die Werbekampagne, die Uli Edels Film begleitet. Das alles dann als Aufklärung zu verkaufen, findet Kerstin Rottmann ganz schön dreist.
Der große Knall beginnt mit einem Idyll. Sylt, im Jahre 1967, eine Frau im Strandkorb, die sich in eine Klatschzeitschrift vertieft hat, während ihre zwei kleinen Töchter im Meer tollen. Doch die Oberfläche trügt. Die Frau ist Ulrike Meinhof (Martina Gedeck), die scharfzüngige Kolumnistin der linken Zeitschrift «konkret», und aus dem Blick auf die bunten Bilder um den anstehenden Besuch des persischen Schahs in Berlin entsteht ein flammender offener Brief, der Armut und politische Missstände anprangert. «Die Revolution macht gerade Ferien», witzelt zwar ihr Ehemann, der Publizist Klaus Rainer Röhl (Hans-Werner Meyer) noch. Er macht seinen Ausspruch nur allzubald für sich selbst wahr, mit einer nackten Blondine, die er in einem Hinterzimmer auf dem Fensterbrett nimmt.
Werbung in der QualitätspresseAuch deshalb wird die Meinhof bald mit den beiden Kindern verlassen, suggeriert der Film von Uli Edel in schnellen Schnitten, während parallel dazu in Berlin eine Demonstration gegen den Schah von Schlägertrupps aufgemischt wird, und der Student Benno Ohnesorg auf der Straße verblutet. Willkommen zur Terror-Sozialisation im Schnelldurchlauf, willkommen im ganz persönlich inszenierten «Baader Meinhof Komplex». Übrigens: Im Kino zu sehen sein wird der Film erst nächste Woche. Doch die PR-Maschine der Produktionsfirma Constantin leistet schon seit Wochen ganze Arbeit. Selten zuvor wurde das «A-Hörnchen/B-Hörnchen»-Prinzip des deutschen Journalismus deutlicher, als in der gelungen orchestrierten Vorab-Berichterstattung rund um die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Ex-«Spiegel»-Chef Stefan Aust.
Empfindsamkeiten in der «FAS»Klar, dass das der «Spiegel» schon vergangene Woche mächtig Werbung für den Film machte, mit einer opulent bebilderten Titelgeschichte, in der Regisseur wie Schauspieler immer wieder barmen durften, wie unglaublich «realistisch» der Dreh doch gewesen sei und wie nah ihnen ihre Arbeit doch gegangen sei. Ähnlich mystisch überhöhend raunte in der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» wenig später Frank Schirrmacher von dem Eindruck des Streifens. Der lasse den Zuschauer seltsam «empfindlich» zurück, geblendet von einem fast magischen Licht. Und während Autor Stefan Aust nun auch in der «Zeit» Werbung für seine Buch-Neuauflage des «Baader Meinhof Komplexes» machen durfte, scharrten die anderen Berichterstatter mit den Füßen - denn selbst wer den Film schon gesehen hatte, durfte gegen Androhung einer Konventionalstrafe trotzdem nichts schreiben.
Soundtrack zum ShowdownUnd wer ihn nicht gesehen hat - und das waren die meisten - der konnte nur staunen ob der Marketingmacht, die sich da weit vor dem Filmstart am 25. September breit gemacht hatte. RAF reloaded also, oder: Was hätten denn Sie gerne? Hörbücher mit den Originalstimmen aus dem Stammheim-Prozess etwa? Oder lieber das Buch zum Film von Eichingers Ehefrau Katja verfasst, oder doch lieber den Soundtrack, inklusive Janis Joplins «Lord, won't you buy me an Mercedes Benz». Erleichterung unter den Berliner Medienschaffenden dann, als die ersten Zeilen des Liedes endlich auch im Kinosaal erklangen, und der Film am Mittwoch bei der Pressevorführung zu sehen war.
«Willst Du meine Alte ficken?»Doch wie das manchmal so ist - auf den Hype folgt die Ernüchterung. So neugierig wie Uli Edels immerhin über 150 Minuten lange Verfilmung in ihren ersten, eher stillen Szenen macht, so rasch landet der Film bei den ersten Klischees. Auftritt Andreas Baader, den Moritz Bleibtreu durchgängig als Vollproll, Ober-Macho und 70er-Jahre-Rambo geben darf. «Check ich das richtig, oder willst Du meine Alte ficken», ist einer jener Zeilen, bei denen sich der Zuschauer förmlich im Kinosessel windet. Deutlich später, im betont als «Kampf der Kulturen» inszenierten Terrorcamp der bereits formierten RAF in Jordanien wird sein Andreas Baader endgültig zur wild um sich schießenden Lachnummer. Ganz anders Kampfgefährtin Gudrun Ensslin, die von Johanna Wokalek als bleiche, rachsüchtige Madonna mit einer beeindruckenden Kälte gegeben wird. Überhaupt die Frauen - neben Gedecks immer stärker zweifelnder Ulrike Meinhof werden sie wahlweise zu kreischenden, eiskalten Killern oder albernen Hippie-Mädchen in kurzen Röcken, die mit ihren Pistolen nicht richtig umgehen können.
Auch die einzig nennenswerte Verkörperung der Gegenseite - Bruno Ganz als BKA-Chef Horst Herold - schwankt zwischen Klischee und verkopfter Reißbrettfigur. Wenn Ganz in viel zu kurzer Hose und bei selbstgekochter Hummersuppe als scharfsinniger Kleinbürger im Dienst über das Verstehen der «Motive» raunt und immer wieder die ansonsten vom Film sträflich vernachlässigte politische Großwetterlage (Vietnam-Krieg, Palästina-Konflikt) ins Spiel bringt, fühlt man sich ungewollt in Eichingers «Untergang» zurückversetzt.
Gut, dass die Schuhe richtig sitzenKlar, der «Baader Meinhof Komplex» atmet eben das typische Constantin-Flair, nicht nur wegen der typischen, leider ewig gleichen Promibesetzung (wieder mal Heino Ferch, wieder Alexandra Maria Lara) und der beispiellosen Materialschlacht (gemunkelte 20 Millionen Euro, so dass wirklich «jeder Clark Boots perfekt sitzt», wie Schirrmacher beeindruckt konstatierte). Viel gewollt, und offenbar zu viel vorgenommen hat sich Regisseur Uli Edel da mit jenen 10 Jahren RAF-Geschichte, die er von dem Schah-Besuch bis hin zu der Schleyer-Ermordung am 19. Oktober 1977 angelegt hat. Besonders im letzten Teil des Filmes fliegen dem Zuschauer die Kugeln ebenso wie die Ereignisse (Schwarzer September! Stockholm! Entführung der «Landshut»!) nur so um die Ohren. Wer da nicht ganz sicher im Stoff ist oder einfach schon einer anderen Generation angehört, hat ein Problem.
Dabei gelingen Edel durchaus starke Bilder und berührende Momente. Der Wagen von Generalbundesanwalt Buback, der nach dem tödlichen Attentat von 7. April 1977 einfach weiterrollt. Der ausgezehrte Holger Meins (Stipe Erceg), der am Ende seines letztlich tödlichen Hungerstreiks wie ein auf der Bahre festgeschnallter Jesus wirkt. Oder die zarten, so noch nie in Szene gesetzten Sommersprossen der Martina Gedeck, die bei ihrer immer fragiler werdenden Ulrike Meinhof fast zu verblassen drohen.
Opfer nur im Sterben starkDer Blick auf die Opfer hingegen, mit denen sich die Macher im Vorfeld so sehr gerühmt hatten, reduziert sich letztlich auf die Brutalität ihres Sterbens, das immerhin kugelgenau (Schleyer: 119 . Buback: 15, so der Regisseur) und mit zuletzt wie im Trashfilm wild zuckenden Körpern in Szene gesetzt wird. Der Zuschauer ist da längst überrollt, wird zum Sensations-Gaffer wie bei einem überdimensionierten Verkehrsunfall. Doch der Film treibt ihn weiter, durch die wieder ruhiger werdenden Bilder im Gefängnis Stammheim, wo eine der zwei ganz wichtigen Thesen des Films noch in Szene gesetzt werden muss. Erstens: Ja, Baader, Raspe und Ensslin haben Selbstmord begangen. Und zweitens: Nein, das reicht nicht für einen Mythos. Ulrike Mohnhaupt (Nadja Uhl) darf den wohl wichtigsten Satz des Films sprechen, der sich nicht nur an ihre letzten Verbündeten, sondern eine ganze Generation von RAF-Sympathisanten wendet: «Ihr habt sie nie gekannt. Hört auf, sie so zu sehen, wie sie nie waren». Hier wird der Film, der sonst so stolz auf seine originalgetreuen Dialoge und hart recherchierten Fakten verweist, missionarisch, gar doch wieder ein wenig mythisch. Was bleibt also vom «Mythos RAF»? Letztlich nur die Einsicht, dass irgendwann alles vom Mainstream vereint wird.