Werner Schroeters pathetisches Melodram: 

netzeitung.deBürgerkrieg am Lido

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Immer für einen extravaganten Auftritt gut: Werner Schroeter (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Immer für einen extravaganten Auftritt gut: Werner Schroeter
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der Krieg hat Venedig erreicht: Nach einer ersten Festivalwoche, in der sich fast alles um familiäre Nöte drehte, hat Regisseur Werner Schroeter mit dem Wettbewerbsfilm «Nuit de Chien» eine ganz andere Seite aufgeschlagen.

Der für seine melodramatischen Akzente bekannte Wener Schroeter schildert in «Nuit de Chien» äußerst pathetisch, provokativ und opernhaft die katastrophale Nacht in einer Hafenstadt, die völlig im Chaos der Gewalt versinkt.

In der französisch- deutsch-portugiesischen Koproduktion sucht ein Arzt und Bürgerkriegskämpfer (Pascal Greggory) erfolglos seine alte Liebe und verstrickt sich in die allerletzten Versuche der Menschen, einfach zu überleben oder die Macht an sich zu reißen.
Gewalt, Scheitern und Zerstörung
«Gewalt, Scheitern und Zerstörung sind das Thema», erläutert der deutsche Regisseur, der mit seinem schwarzen Hut und weißer Rose am Lido vor die Presse trat. Natürlich wirft der Film, der in pessimistischen Bildern geradezu schwelgt, für ihn die Frage auf, wie es nach einem solchen Tanz auf dem Vulkan Platz für Zukunft und Utopie geben kann.

Die Hafenstadt Santa Maria ist ein Niemandsland zwischen Leben und Tod, in der die Frauen unter einem Kruzifix ausgepeitscht werden und einer der Guerilla-Chefs in seinem Versteck endlich den Sprengstoffgürtel zündet, den er sich um den Smoking geschnallt hat. Letztes Aufbäumen, letzte Ausschweifungen: Zur Opernmusik noch ein Glas Champagner, während der Luftballonverkäufer seine bunte Ware aufsteigen lassen muss. Keiner entkommt aus der Stadt des Grauens.

Warum Angst vor dem Tod haben?
«Diese Nacht», das sei der richtige Filmtitel, korrigiert der sprachgewandte Autorenfilmer («Palermo oder Wolfsburg») noch rasch die Angaben des Festivals zu seinem Werk. Schroeter fragt im Film, warum die Menschen Angst vor dem Tod haben, wenn dieser doch ohnehin kommt. Aber wann? Etliche Kritiker reagierten deutlich reserviert auf das mit intellektuellem Pathos düster in Szene gesetzte Endzeitmelodram.

Junta-Diktatur und Bürgerkrieg bringt neben «Nuit de Chien» auch das episch-politische Werk «Teza» des äthiopischen Filmemachers Haile Gerima auf dem Festival am venezianischen Strand ein: Elegisch schöne und gleichzeitig elendig-traurige Bilder aus einem von Gewalt und Blutvergießen traumatisierten Land unter dem marxistischen Mengistu- Regime und in der Zeit danach prägen den 140-Minuten-Streifen.

Im Mittelpunkt steht der Arzt Anberber, der sein armes Land von Krankheiten befreien will, gegen die Krankheit des Bürgerkriegs und der Gewalt jedoch keine Rezepte hat: Blauäugig waren die äthiopischen Intellektuellen, die auf die marxistische Zukunft setzten. Anberber versucht, in seine Jugenderinnerungen zu flüchten. Der Film mit deutscher Koproduktionsbeteiligung ufert aber stark aus und verliert sich in einer Lektion äthiopischer Geschichte voller Desillusionierungen.

Die Rückkehr von Krieg und Bürgerkrieg in die Festivalsäle am Lido ist mit den beiden Streifen nicht beendet. Mit viel Spannung erwarten Kritiker und die Jury um Wim Wenders vor allem das Irak-Kriegsdrama «Hurt Locker» mit Star Ralph Fiennes. Die amerikanische Regisseurin Kathryn Bigelow stellt ihr Werk um die körperlichen und emotionalen Strapazen einer US-Eliteeinheit im Irak am Donnerstag in Venedig vor. (Hanns-Jochen Kaffsack/dpa)