28.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Brad Pitt und George Clooney in Venedig
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
In Venedig ist der Startschuss für die 65. Filmfestspiele gefallen. Neben zahlreichen ernsten Beiträgen sorgen die Coen-Brüder mit ihrem Eröffnungsfilm für eine extra Portion Humor, freut sich Sascha Rettig .
Pressekonferenzen zählen oft nicht gerade zu den Höhepunkten von Filmfestivals, geschweige denn zu den Meilensteinen journalistischer Intelligenzbekundung. Man bekommt Regisseure und Schauspieler vorgeführt und die antworten dann brav auf die Fragen, die ihnen von der versammelten Filmpresse gestellt werden. Unterhaltsam ist das selten, sondern meist eine Anhäufung einfallsloser Fragen oder sogar wie sich bei der Vorstellung der Jury der diesjährigen Filmfestspiele von Venedig zeigte eine extrem zähe Angelegenheit. Erst saßen Präsident Wim Wenders und seine Jury den schweigenden Journalisten gegenüber, dann tröpfelten die Fragen und Statements vor sich hin. «Die Frauen sagen, was sie mögen und dann stimmen wir Männer dafür», sagte Wenders. Viel aufregender wurde es nicht.
Ein Geflecht aus Schuld und BetrugGlücklicherweise gibt es aber auch Filme zu sehen. «Jerichow» von Christian Petzold beispielsweise, den einzigen deutschen Beitrag gleich zu Beginn des Wettbewerbs, in dem erneut zwei seiner favorisierten Schauspieler die Hauptrollen übernommen haben: Benno Fürmann arbeitete bereits zwei Mal mit dem Berliner Regisseur («Yella») zusammen, Nina Hoss sogar schon viermal. «Wir haben eine gemeinsame Arbeitssprache gefunden und können dadurch etwas wagen und ausprobieren», schwärmte Hoss in Venedig. «Man beflügelt sich in der Arbeit.»
Die fand diesmal erneut in der Prignitz im Nordosten Deutschlands statt, eine verlassen wirkende Region mit hoher Arbeitslosigkeit. Dort arbeitet Fürmann als Ex-Soldat nach seiner Rückkehr aus Afghanistan für einen türkischen Betreiber von Imbissbuden (Hilmi Sözer) und lässt sich auf eine Affäre mit dessen Frau (Hoss) ein. Bis kurz vor Schluss folgt «Jerichow» dem Ablauf klassischer Dreiecksgeschichten, bei der aus Leidenschaft Mordpläne geschmiedet werden. Doch simple Schuldzuweisungen findet man bei Petzold nicht. Vielmehr entwirft er in der Wirklichkeit verhaftet ein spannungsreiches Geflecht aus Schuld und Betrug mit ambivalenten Figuren und eindrucksvollen Momenten geheimer Leidenschaft.
Während vor allem das Geld in Petzolds Film zum Antrieb der Geschichte wird, ist es im Leben des Malers in Takeshi Kitanos Wettbewerbsbeitrag «Archilles and the Tortoise» durchweg Mangelerscheinung. Dabei beginnt der Film tragisch wie die Biographie eines künftigen Genies: Der kleine Machisu, der eigentlich aus gut situitiertem Elternhaus stammt und Maler werden will, erleidet eine Reihe von Schicksalsschlägen und hält doch an seiner vermeintlichen Bestimmung fest. Es ist eine graue Welt aus der die Bilder des sehr jungen, jungen und später mittelalten Malers mit Baskenmütze bunt herausleuchten. Nur fehlt ihm die Originalität, die Einzigartigkeit und die Inspiration zu etwas ganz Eigenem jenseits der Plagiate großer Meister, wenngleich Kitano später dessen ambitionierte Action-Painting-Versuche recht amüsant in Szene setzt, bevor Machisu letztlich so etwas wie Erlösung aus dem Künstlerleiden durch die Liebe erfährt.
Die Liebe ist vor allem ein trügerisches SpielIm Eröffnungsfilm «Burn After Reading», der dem Festival mit Brad Pitt, George Clooney, Tilda Swinton und Frances McDormand gleich zu Beginn die höchste Starkonzentration bescherte, ist Joel und Ethan Coen so etwas wie Erlösung Wurst und auch die Liebe ist vor allem ein trügerisches Spiel. Während die beiden Filmemacherbrüder dabei das Genre des Spionagefilms Coen-isieren, werden in rund 90 böse-komischen Minuten die Leben fast aller Hauptfiguren, vornehmlich aber der Männer, in ein Trümmerfeld verwandelt. Mit Erpressungen, Scheidungen, Internetdatingschwindeleien und diversen Todesfällen bekommen die Ereignisse zwischen der Welt des CIA und der Fitnessstudios eine absurde Eigendynamik und das alles wegen eines Nichts, einer CD mit Informationen, die fälschlicherweise für Geheiminformationen gehalten werden.
«Wir wollten mit diesen Schauspielern einen Film drehen und haben die Rollen jeweils für sie geschrieben», erklärten die Brüder. In Anbetracht, dass «Burn After Reading» nach «O Brother, Where Art Thou?» und ein «Ein unmöglicher Härtefall» ihre sogenannte «Idioten-Trilogie» vollendet, überlegte Pitt augenzwinkernd, ob die Besetzung denn schmeichelhaft oder beleidigend war. Etwas mehr noch als bei allen anderen konnten die Coens bei ihm als liebenswert debilem Fitnesskerlchen tatsächlich jede Menge Idiotentalent entdecken.
Ganz ähnliches Potenzial sahen die Coens möglicherweise in einigen der Journalisten bei der Pressekonferenz. Denn statt Fragen zum Film zu stellen, fanden viele ausgelutschten Klatsch offenbar viel interessanter: So ging es um Pitts Zwillinge, Clooneys Singletum und darum, ob er sich nicht eine Venezianerin angeln wolle. Eine spanische Journalistin warf sich Clooney sogar verbal an den Hals, was bei ihm jedoch eher Fluchtreflexe auslöste. Ein bisschen schlimmer geht es offenbar immer.