28. Aug 2008 16:12
In Venedig ist der Startschuss für die 65. Filmfestspiele gefallen. Neben zahlreichen ernsten Beiträgen sorgen die Coen-Brüder mit ihrem Eröffnungsfilm für eine extra Portion Humor, freut sich
.
Glücklicherweise gibt es aber auch Filme zu sehen. «Jerichow» von Christian Petzold beispielsweise, den einzigen deutschen Beitrag gleich zu Beginn des Wettbewerbs, in dem erneut zwei seiner favorisierten Schauspieler die Hauptrollen übernommen haben: Benno Fürmann arbeitete bereits zwei Mal mit dem Berliner Regisseur («Yella») zusammen, Nina Hoss sogar schon viermal. «Wir haben eine gemeinsame Arbeitssprache gefunden und können dadurch etwas wagen und ausprobieren», schwärmte Hoss in Venedig. «Man beflügelt sich in der Arbeit.»Die fand diesmal erneut in der Prignitz im Nordosten Deutschlands statt, eine verlassen wirkende Region mit hoher Arbeitslosigkeit. Dort arbeitet Fürmann als Ex-Soldat nach seiner Rückkehr aus Afghanistan für einen türkischen Betreiber von Imbissbuden (Hilmi Sözer) und lässt sich auf eine Affäre mit dessen Frau (Hoss) ein. Bis kurz vor Schluss folgt «Jerichow» dem Ablauf klassischer Dreiecksgeschichten, bei der aus Leidenschaft Mordpläne geschmiedet werden. Doch simple Schuldzuweisungen findet man bei Petzold nicht. Vielmehr entwirft er in der Wirklichkeit verhaftet ein spannungsreiches Geflecht aus Schuld und Betrug mit ambivalenten Figuren und eindrucksvollen Momenten geheimer Leidenschaft.
Während vor allem das Geld in Petzolds Film zum Antrieb der Geschichte wird, ist es im Leben des Malers in Takeshi Kitanos Wettbewerbsbeitrag «Archilles and the Tortoise» durchweg Mangelerscheinung. Dabei beginnt der Film tragisch wie die Biographie eines künftigen Genies: Der kleine Machisu, der eigentlich aus gut situitiertem Elternhaus stammt und Maler werden will, erleidet eine Reihe von Schicksalsschlägen und hält doch an seiner vermeintlichen Bestimmung fest. Es ist eine graue Welt aus der die Bilder des sehr jungen, jungen und später mittelalten Malers mit Baskenmütze bunt herausleuchten. Nur fehlt ihm die Originalität, die Einzigartigkeit und die Inspiration zu etwas ganz Eigenem jenseits der Plagiate großer Meister, wenngleich Kitano später dessen ambitionierte Action-Painting-Versuche recht amüsant in Szene setzt, bevor Machisu letztlich so etwas wie Erlösung aus dem Künstlerleiden durch die Liebe erfährt.
Im Eröffnungsfilm «Burn After Reading», der dem Festival mit Brad Pitt, George Clooney, Tilda Swinton und Frances McDormand gleich zu Beginn die höchste Starkonzentration bescherte, ist Joel und Ethan Coen so etwas wie Erlösung Wurst und auch die Liebe ist vor allem ein trügerisches Spiel. Während die beiden Filmemacherbrüder dabei das Genre des Spionagefilms Coen-isieren, werden in rund 90 böse-komischen Minuten die Leben fast aller Hauptfiguren, vornehmlich aber der Männer, in ein Trümmerfeld verwandelt. Mit Erpressungen, Scheidungen, Internetdatingschwindeleien und diversen Todesfällen bekommen die Ereignisse zwischen der Welt des CIA und der Fitnessstudios eine absurde Eigendynamik – und das alles wegen eines Nichts, einer CD mit Informationen, die fälschlicherweise für Geheiminformationen gehalten werden.«Wir wollten mit diesen Schauspielern einen Film drehen und haben die Rollen jeweils für sie geschrieben», erklärten die Brüder. In Anbetracht, dass «Burn After Reading» nach «O Brother, Where Art Thou?» und ein «Ein unmöglicher Härtefall» ihre sogenannte «Idioten-Trilogie» vollendet, überlegte Pitt augenzwinkernd, ob die Besetzung denn schmeichelhaft oder beleidigend war. Etwas mehr noch als bei allen anderen konnten die Coens bei ihm als liebenswert debilem Fitnesskerlchen tatsächlich jede Menge Idiotentalent entdecken.