Film der Woche: 

netzeitung.deEin stürmischer zweiter Frühling

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Lachen, wenn es im Bett mal nicht klappt: Inge und Karl (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Lachen, wenn es im Bett mal nicht klappt: Inge und Karl
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Alter schützt vor Torheit nicht - und erst recht nicht vor gebrochenem Herzen. Andreas Dresen zeigt in «Wolke Neun», dass Sexualität im Alter kein Tabuthema sein muss - und rührte Maike Schultz zu Tränen. Mit Video

Sie wollte es gar nicht – es ist einfach passiert. Inge ist Mitte 60 und seit 30 Jahren glücklich mit Werner verheiratet. Obwohl sie ihn von Herzen liebt, fühlt sich die Änderungsschneiderin plötzlich magisch zu ihrem Kunden Karl hingezogen. Wortlos fällt sie über den 76-Jährigen her. Es ist Leidenschaft. Es ist Sex. Und plötzlich fühlt sich Inge wieder wie ein junges Mädchen.

Die Angst vor den Bildern
Mit «Wolke Neun» bricht Andreas Dresen gleich ein dreifaches «Tabu»: Nicht nur, dass er faltige Körper in Nahaufnahme beim Kopulieren zeigt. Er erzählt auch die ungewöhnliche Geschichte eines Ausbruchs im Alter. Und es ist eine Frau, die den riskanten Schritt aus jahrzehntelanger Gewohnheit wagt.

Dass Männer ihre Gattinnen für Jüngere verlassen, kennt man ja. Aber dass Inge alles Vertraute für einen fast 80-jährigen Liebhaber aufgibt? Eine derartige Dreieckskonstellation läuft wohl kaum auf eine herzerwärmende Liebesschnulze für den Herbst hinaus.

Schlimmer noch: Sie geht einem so richtig unter die Haut. Die mutigen Darsteller Ursula Werner, Horst Westphal und Horst Rehberg schildern den Konflikt so kraftvoll, dass man beinahe vergisst, eine fiktive Geschichte zu sehen. Das liegt zum einen an Dresens Arbeitsweise, ohne Drehbuch zu filmen: Alle Dialoge in «Wolke Neun» sind improvisiert.

Ruhig und sinnlich
So offenbaren die Schauspieler gerade in den Streit-Szenen einen großen Teil ihrer Persönlichkeit. Zum anderen kommt der Film auch ohne große Worte aus: Immer wieder fährt die Kamera ganz nah an die Gesichter heran, ruht auf Inges sinnlichem Mund oder Karls leuchtenden, lebenshungrigen Augen.

Ihre Wirkung stellt sich ganz ohne Filmmusik ein. Inges emotionale Entwicklung im Verlauf der Handlung wird nur durch die tragisch-romantischen Lieder untermalt, die sie mit ihrem Chor singt.

Werners festgefahrene Lebenswelt spiegelt sich dagegen in Schallplatten, auf denen er sich Lokomotiv-Geräusche aus der DDR-Zeit anhört. Es gibt wunderschön fotografierte, stille Szenen wie Inges Gang durch einen Blütenstaubwirbel, und das Sonnenlicht auf ihrer Haut beim heimlichen Badeausflug.

Doch der zweite Frühling dauert nicht lange an: Inge hält es nicht aus, Werner zu belügen. Auch an dieser Stelle schildert Dresen ein interessantes gesellschaftliches Phänomen. Denn während Inges Tochter die Affäre ohne Weiteres toleriert und sich sogar für ihre Mutter freut, kann sie die fairste Lösung nicht ertragen: Ehrlichkeit.
Preis der Einsamkeit
«Wolke Neun» kommt von «Cloud Nine», der englischen Version der Redensart «Auf Wolke Sieben». Die höhere Zahl meint auch eine stärkere Intensität: Wer mit 70 verlassen wird, fällt tiefer als ein Teenager. Vor dem Verlieben ist dagegen keine Altersstufe gefeit.

«Ist doch völlig egal, ob ich 60 oder 16 bin», sagt Inge, als der verzweifelte Werner sie als «dummes Gör» beschimpft. Ob es ihr vergönnt ist, mit Karl noch einmal neu anzufangen, bleibt offen, aber Dresen ist kein Regisseur, der alles nur dem Zufall überlässt. Am Ende wird Inge für ihre Entscheidung bitter bestraft – für nichts als die Wahrheit.

Das Drama feierte seine Weltpremiere in der Reihe «Un certain regard» bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes, wo es mit dem Jurypreis «Coup de Coeur» ausgezeichnet wurde. «Wolke Neun» ist der bisher ernsteste Film des Potsdamer Regisseurs, der schon so wunderbar humorvolle Werke wie «Halbe Treppe» und «Sommer vorm Balkon» auf die Leinwand gebracht hat - und vielleicht sogar sein bester.

Video: Trailer zu «Wolke Neun»