28.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Hier sah es noch nach heiler Welt aus: Brian Steidle in Afrika
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Der Völkermord in Darfur ist in den Medien angekommen. Bislang fehlten jedoch die Bilder, um das Ausmaß der Gewalt begreifbar zu machen. Ein Dokumentarfilm zeigt die Gräueltaten - und die sind nur schwer zu ertragen, findet Maike Schultz .
Auch in unserer global vernetzten Welt gibt es Geschichten, die sich jahrelang unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit abspielten: So weiß kaum jemand, dass die blutigen Auseinandersetzungen in Darfur seit nunmehr fünf Jahren andauern. Dem Konflikt zwischen den dort ansässigen Stämmen und der Zentralregierung in Khartum sind bereits etwa eine halbe Million Menschen zum Opfer gefallen, fast drei Millionen wurden vertrieben.
Nun soll auch das große Kinopublikum auf die menschenunwürdigen Zustände in der westsudanesischen Region aufmerksam gemacht werden. Nach der Weltpremiere beim Sundance Festival 2007 startet an diesem Donnerstag die preisgekrönte Dokumentation «Die Todesreiter von Darfur» im Kino, die das Geschehen aus Sicht eines unbewaffneten US-Amerikaners schildert.
Gehandelt wie ein JournalistDie Regisseurinnen Annie Sundberg und Ricki Stern, die bereits 2006 gemeinsam den Dokumentarfilm «The Trials Of Daryl Hunt» realisierten, begeisterte vor allem die Geschichte von Brian Steidle für das Projekt. Ihr Skript basiert auf dem Buch «The Devil Came on Horseback», das der ehemalige Marineinfanterist gemeinsam mit seiner Schwester Gretchen Wallace schrieb.
Als offizieller militärischer Beobachter bekam er 2004 Zugang zu Regionen, in denen keine Journalisten zugelassen waren. Bei Patrouillen für die Afrikanische Union (AU) wurde Steidle Zeuge eines kaltblütigen Genozids. Er musste miterleben, wie Milizen der arabischstämmigen Regierung mit dem Schlachtruf «Tötet die Sklaven!» schwarzafrikanische Staatsbürger ermordeten, vergewaltigten und ganze Dörfer niederbrannten und durfte nicht eingreifen.
Verkohlte LeichenStattdessen begann Steidle, zu fotografieren. Durch seine über tausend Aufnahmen wird der Zuschauer mit den brutalen Attacken der «berittenen Teufel» namens Janjaweed konfrontiert. Die erschütternden Bilder verkohlter und zerstückelter Leichen sprechen eine klare Sprache, auch wenn rasante Schnitte und Kamerafahrten die Einordnung von Zeit, Ort und so letztlich auch Authentizität manchmal erschweren. Es gibt sogar Interviews mit den Killern, die offen über ihre Auftraggeber sprechen. Der historische Zusammenhang der Krise wird nur über eine anfängliche Texteinblende erklärt, aber darum ging es den Macherinnen des Films auch nicht.
«Die Todesreiter von Darfur» fungiert in erster Linie als Porträt und zugleich Therapie Steidles. Frustriert von seiner Machtlosigkeit und der Untätigkeit der AU quittierte er 2005 seinen Beobachterjob und kehrte zurück in die USA, um seine Bilder und Erlebnisse zu publizieren. Bei dieser Gelegenheit traf er auch Sundberg und Stern. Steidles Einsatz führte dazu, dass sich bis heute 180 Organisationen in der «Save Darfur Coalition» engagieren.
Ohnmacht versus PatriotismusIm Frühjahr 2006 rief diese eine 22.000 Meilen lange Tour ins Leben, auf der Steidle in Universitäten und Kirchen über seine Erlebnisse berichtete. Die Filmemacherinnen haben ihn bei seiner Vortragsreise begleitet: Man sieht, wie der Ex-Soldat von Sudanesen als Lügner beschimpft wird, aber auch, wie er seine Geschichte bis in den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) nach Den Haag trägt. Vor allem spürt man innerhalb von Minuten die Jahre verstreichen, in denen keinerlei politische Konsequenzen gezogen wurden.
Zermürbt von der Ignoranz und Vorwürfen, sich nur bereichern zu wollen, besuchte Steidle Hinterbliebene in Ruanda und die Flüchtlingslager im Tschad. «Ich danke Gott für die Amerikaner», ruft dort ein sichtlich aufgelöster Familienvater. «Sie sind so gut zu uns. Die arabische Welt dagegen hat keinen Finger für uns krumm gemacht.»
Dass Sundberg und Stern ausgerechnet dieses patriotisch anmutende Zitat in den Film aufgenommen haben, gibt der Szene einen schalen Beigeschmack, der nur von Steidles eigener Hilflosigkeit konterkariert wird. «Man muss doch irgendetwas tun können», schluchzt er in die Kamera. Dass in Darfur auch auf ihn geschossen und er als Geisel genommen wurde, kommt nur am Rande vor. Sein größtes Problem ist, dass er als ausgebildeter US-Soldat nicht wenigstens das Leben von kleinen Kindern retten konnte.
Versagen der StaatengemeinschaftInsgesamt gelingt den Filmemacherinnen eine spannende Gratwanderung zwischen persönlicher Geschichte und Polit-Doku. Vor allem dokumentiert «Die Todesreiter von Darfur» das Versagen der internationalen Staatengemeinschaft. Denn beim Zuschauen stellt sich immer wieder die gleiche Frage: Warum hat der Westen trotz aller Belege nicht früher Maßnahmen ergriffen, um den Völkermord zu stoppen?
«Ich will, dass sich die Welt für Afrika interessiert», sagte Brian Steidle über seine Motivation zu dem Film. «Die Ereignisse, die ich miterlebt habe, müssen eine Öffentlichkeit finden. Um die Menschen in Darfur zu unterstützen, die jeden Tag ums Überleben kämpfen, aber auch, um der Millionen von Toten zu gedenken, die umgekommen sind, während die Welt feige und kleinlaut wegschaute.»
Video: Trailer zu «Die Todesreiter von Darfur»