18.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Der mexikanische Film «Parque Vía» von Enrique Rivero hat am Samstag den Hauptpreis beim Filmfestival Locarno erhalten. Auch eine deutsche Koproduktion zählt zu den Gewinnern.
Hunderttausende Besucher und mehr als 1000 akkreditierte Journalisten aus der ganzen Welt haben zum 61. Internationalen Filmfestival von Locarno dessen Ruf als «das große der kleinen Festivals oder das kleine der großen» im Rennen mit Berlin, Cannes und Venedig bestätigt. Insbesondere die abendlichen Open-Air-Veranstaltungen auf der jeweils von rund 8000 Zuschauern besuchten Piazza Grande ernteten viel Beifall und Jubel.
Auf der vermutlich größten Filmleinwand der Welt auf der Piazza Grande dominierte anspruchsvolle Unterhaltung. Von den dort außerhalb des Wettbewerbs gezeigten 18 Filmen waren neun Uraufführungen. Der Bogen spannte sich dabei vom schrillen Fantasythriller «Outlander» (USA) über die stilvolle Literaturadaption «Brideshead revisited» (England) bis zum herzerwärmenden Kinderabenteuerfilm für Erwachsene «Son of Rambow», zum Festivalabschluss mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.
Düstere ThemenDas deutsche Kino triumphierte auf der Piazza mit «Berlin Calling» von Hannes Stöhr, einer stimmigen Milieustudie aus der hauptstädtischen Musikszene, und mit «Nordwand». In dem spannungsgeladenen, mit atemberaubenden Aufnahmen fesselnden Bergsteigerdrama erzählt Philipp Stölzl das tragische Scheitern der versuchten Erstbesteigung der Eigernordwand im Jahr 1936.
Im internationalen Wettbewerb um den mit 56.000 Euro dotierten Hauptpreis, den Goldenen Leoparden, gab es kaum Unterhaltsames. Die 18 Filme aus 24 Ländern wurden von düsteren Themen wie Armut, Altern und Ausbeutung dominiert. Viele internationale Festivalbeobachter kritisierten die auffallende künstlerische Schwäche der Wettbewerbsfilme. Zu viele der Beiträge enttäuschten nach Meinung zahlreicher Kritiker mit platten Geschichten, uninspirierten Bilderfluten und vordergründigen Dialogen.
Beeindruckende Julia JentschDie internationale Jury, dabei war der in Deutschland lebende Schweizer Regisseur Dani Levy («Alles auf Zucker!»), kürte den sozialkritischen Spielfilm «Parque Vía» von Regisseur Enrique Rivero aus Mexiko mit dem Goldenen Leopard. Wie diese Auszeichnung unterstützen offenkundig auch alle anderen von den Juroren vergebenen Ehrungen das gesellschaftskritische Engagement vor allem junger Filmschöpfer.
Dem entspricht der Spezialpreis der Jury (19.000 Euro) für die deutsch-polnische Koproduktion «33 Szenen aus dem Leben», ein Psychodrama um eine Frau zwischen Kindheit und Erwachsensein mit der beeindruckenden Julia Jentsch («Sophie Scholl - Die letzten Tage»).
Gesellschaftskritische Töne stimmt auch der für die beste Regie ausgezeichnete Dennis Côté aus Kanada an. Er beleuchtet in «Elle Veut le Chaos», einem in Schwarz-Weiß gedrehten Familiendrama, die Schwierigkeiten eines Mädchens an der Schwelle zum Erwachsensein in einer von Männern geregelten Gesellschaft.
Zwischen Kunst und KommerzEngagement für Sozialkritik und Gesellschaftsanalysen spiegeln auch die weiteren wichtigen Auszeichnungen des Festivals. Bester Hauptdarsteller wurde der Türke Tayanç Ayay, Protagonist der Sozialsatire «The Market a Tale of Trade», beste Hauptdarstellerin die Italienerin Ilaria Occhini, die in «Mar Nero» eine überraschend zu neuem Lebensmut erwachende Frau in hohem Alter verkörpert. Der Leopard für den besten Erstlingsfilm ging an «März», das düster-satirische Regiedebüt des österreichischen Bühnenkünstlers Händl Klaus, der darin die Folgen eines Gruppensuizids beobachtet.
Das eher kommerziell ausgerichtete Piazza-Programm und die politisch engagierten Filme im Wettbewerb boten als Ganzes betrachtet den Versuch einer ausgewogenen Balance von Kasse und Kunst. Dabei ist jedoch anzunehmen, dass die mit Blick auf den Kassenerfolg gedrehten Filme nach dem Festival im weltweiten Verleihgerangel größere Chancen haben werden als die vielen gut gemeinten Wettbewerbsfilme um die Schicksale von Menschen am Rande der bürgerlichen Gesellschaft. Immerhin konnte das Festival einige Lizenzverkäufe melden. Der selbst gestellte Anspruch, die Chancen des anspruchsvollen Kinos zu erhöhen, wurde damit eingelöst. (Peter Claus/dpa)