11.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Paul Kalkbrenner in 'Berlin Calling'
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Zwei deutschen Produktionen gelten beim Filmfest in Locarno als aussichtsreichste Anwärter auf den Goldenen Leoparden. Wirklich fesselnde Geschichten für ein großes Kinopublikum blieben bislang aus.
Filmvorführungen unter freiem Himmel für die Fans: Beim 61. Internationalen Filmfestival von Locarno sind die abendlichen Open-Air-Aufführungen auf der Piazza Grande die Attraktion. Jeweils ein bis zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn ist die Mehrzahl der Plätze schon reserviert, jeweils rund 8000 Zuschauer finden sich dort ein. Von den dabei außerhalb des Wettbewerbs um den Goldenen Leoparden bisher gezeigten Filmen haben die zwei deutschen Produktionen «Berlin Calling» und «Nordwand» den stärksten Eindruck hinterlassen. Beide Filme gelten zur Zeit als aussichtsreichste Anwärter auf den begehrten Publikumspreis und die erstmals von der US-amerikanischen Filmfachzeitschrift «Variety» vergebene Ehrung des besten Piazza-Films.
In «Berlin Calling» schildert Regisseur Hannes Stöhr die Hochs und Tiefs eines psychisch ausgebrannten DJ. In der Hauptrolle gibt Paul Kalkbrenner überzeugend sein Debüt als Schauspieler. Kalkbrenner, tatsächlich als DJ in der internationalen Club-Szene bekannt, schrieb auch die Musik zum Film. Nach der mit viel Beifall und Bravo-Rufen bedachten Aufführung des Films lud er das Publikum auf der Piazza Grande spontan zu einer Musik-Session und brachte Tausende zum Tanzen und Swingen.
«Nordwand» von Philipp Stölzl rekonstruiert das wirkliche Drama der Erstbesteigung der Eigernordwand im Jahr 1936. Zwei junge Alpinisten, eindrucksvoll verkörpert von Florian Lukas und Benno Fürmann, wollen auf den Berg und scheitern. Angesichts der aktuellen tatsächlichen Bergsteigertragödien hat der atemberaubende, spannungsgeladene Film eine ungewollte Brisanz bekommen. Sie wird verstärkt, weil Philipp Stölzl deutlich Kritik am überzogenen Medienrummel um derartige Ereignisse übt. Die Zuschauer auf der Piazza Grande ließen sich von der Dramatik und den fantastischen Bildern des Bergdramas vollkommen packen. Am Ende gab es stürmischen Jubel.
Armut, Fremdenhass, ProfitgierIm Wettbewerb um den Hauptpreis des Festivals, den mit 90.000 schweizer Franken (rund 56.000 Euro) dotierten Goldenen Leoparden, war noch kein Film zu sehen, der um die Welt gehen dürfte. Die bisher gelaufenen zehn der insgesamt achtzehn Wettbewerbsbeiträge befassen sich allesamt mit gesellschaftlichen Missständen wie Armut, Fremdenhass, Profitgier. Wirklich fesselnde Geschichten für ein großes Kinopublikum waren jedoch nicht zu sehen. Auch die gezeigten vier der fünf mit deutscher Beteiligung gedrehten internationalen Koproduktionen überzeugten nicht: «33 Szenen aus dem Leben» (Polen/ Deutschland), «Yuris Tag» (Russland/ Deutschland), «Dioses» (Peru/ Argentinien/ Frankreich/ Deutschland) und «Sonbahar» (Türkei/ Deutschland). Mit «The Market - A Tale of Trade» (Deutschland/ England/ Türkei/ Kasachstan) geht bis zum Samstag allerdings noch ein deutscher Hoffnungsträger an den Start.
In der renommierten «Woche der Kritik» hatte Deutschland mit dem filmischen Essay «NoBody's Perfect» von Regisseur Niko von Glasow einen großen Publikumserfolg. Selbst durch das Medikament «Contergan» geschädigt, zeigt von Glasow sich und elf Schicksalsgefährten bei der Arbeit an einem Aktkalender. Schonungslos offen, dabei überaus humorvoll, will er so Vorbehalte abbauen. Der Dokumentation werden gute Chancen auf den Preis der «Woche der Kritik» eingeräumt.
Frédéric Maire nimmt als künstlerischer Direktor nach nur drei Jahren bei diesem Festival vorzeitig seinen Abschied. Er übernimmt zum 1. November 2009 den Posten als Direktor des Schweizer Filmarchivs. Das 61. Internationale Filmfestival Locarno zeigt bis zum 16. August noch etwa zweihundert kurze und abendfüllende Filme in zwölf Sektionen. Den Abschluss bildet die Preisvergabe am Samstagabend auf der Piazza Grande. (Peter Claus, dpa)