Filmfestspiele in Cannes: 

netzeitung.deSinnsuche mit Wim und Campino

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Filmszene mit Campino aus "Palermo Shooting" (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Filmszene mit Campino aus "Palermo Shooting"
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Enthusiasmus über die Filme im Wettbewerb hat Sascha Rettig nicht verspürt. Dafür erlebte er Filmemacher Tarantino mit rotem Kopf und sah Campino in Wim Wenders neuem Film jammern und sinnieren.

Quentin Tarantino betrat die Bühne, reckte die Arme unter tosendem Beifall nach oben und los ging’s: Bei einer Masterclass auf den Filmfestspielen in Cannes berichtete der filmemachende Z-Movie-Veredler Hollywoods («Kill Bill») davon, wie er denn so seine Filme macht und redete und redete und redete. Von der Unwichtigkeit von Filmschulen. Über Komik in Filmszenen, die eigentlich nicht komisch sind. Oder davon, wie sehr er Filmkomponisten misstraut. Manches Mal schraubte sich Tarantino bei seiner «Quentin Show» dabei so hoch, dass er gar keine Luft mehr holen konnte und einen ungesund roten Kopf bekam. «Man liebt mich oder auch nicht. Das ist der Deal», sagt er, bevor man sich nach knapp zwei Stunden schon irgendwie in Grund und Boden geredet fühlte. Doch Tarantinos Enthusiasmus ist nach wie vor so beängstigend wie beeindruckend.

Von Enthusiasmus in bezug auf den diesjährigen Wettbewerb von Cannes konnte in den letzten Tagen hingegen kaum noch die Rede sein. Der düsteren Konkurrenz ging nach dem starken Start zum Ende hin ohne allgemeinen großen Favoriten gewaltig die Luft aus und im Kritikerkonsens blieb es mit Clint Eastwoods Drama «The Changeling» und der Anti-Kriegs-Animation «Waltz with Bashir» bei den Palmenkandidaten der ersten Tage. Die viel versprechenden Wettbewerbsnewcomer wie die Argentinierin Lucrecia Martel mit «The Headless Woman» enttäuschten ebenso wie Arthousegrößen vom Schlage Atom Egoyans mit seinem verschwurbelt verqueren «Adoration». Auch Wim Wenders reihte sich mit seinem Wettbewerbsbeitrag, dem einzigen aus Deutschland, bei den enttäuschenden Altvorderen der letzten Festivaltage ein.

Furchtbar prätentiöse Sinnsuche mit finaler Liebeserlösung
In «The Palermo Shooting», Wenders' erstem deutschen Film seit 12 Jahren, hat der «Tote Hosen»-Sänger Campino seine erste Hauptrolle. Als 40jähriger Fotograf und Krisenkloß Finn jammert, sinniert und philosophiert er über sein bislang offenbar leeres, vertanes Leben und über den Tod, der ihm in Palermo in geisterhafter Gestalt von Dennis Hopper nach demselben trachtet.

Allerdings stellt sich das Werk dabei als furchtbar prätentiöse Sinnsuche mit finaler Liebeserlösung in Palermo heraus, bei der Campino für das Aufsagen der teils während der Vorführung verlachten Dialoge meistens einen, manchmal aber auch immerhin einen zweiten Gesichtsausdruck bemüht. Zwischendurch hat er dann noch alpträumerische Visionen und klammert sich dabei über den Wolken an eine große Uhr. Nein, wie die Zeit vergeht und das Leben an einem vorbeirast.

268 Minuten Episoden aus dem Leben von Che
Immer? Nicht immer! Die gefühlte Länge von «The Palermo Shooting» deckte sich schließlich mindestens mit der tatsächlichen Länge von Steven Soderberghs «Che». Satte viereinhalb Stunden – oder in Zahlen 268 Minuten – nahm sich der Amerikaner Zeit, um in zwei unter dem Titel «Che» zusammengefassten Filmen wichtige Episoden
aus dem Leben des argentinischen Revolutionärs Ernesto «Che» Guevara mit Benicio Del Toro in der Titelrolle auf die Leinwand zu bringen. «Ich will mit den Filmen zeigen, wie es war, mit Che herum zu hängen», erklärte der experimentierfreudige Regisseur.

Allerdings tut Soderbergh dabei über die schier ewige Laufzeit offenbar alles, um seinen Film auch ja als komplettes Gegenstück zu den Bio-Pic-Konventionen Hollywoods zu inszenieren. Hier wird bewusst jede Dramatik, jede Emotion verweigert; es gibt keine Psychologie und keinen Versuch, Guevaras Persönlichkeit näher zu ergründen. «Che» ist vielmehr eine staubtrockene Fleißarbeit, eine reine Außenbetrachtung der gewonnen Revolution in Kuba und der verlorenen Kämpfe über ein Jahrzehnt später in Bolivien. Bei der Kritik rief «Che» aber nur mäßige Begeisterung hervor.

Mammutirritation, ein überdimensionaler Wahnwitz
Als letzte Hoffnung auf die Offenbarung lief gestern nun noch «Synechdoche, New York», das Regiedebüt des Drehbuchgenies Charlie Kaufman („Adaption“). Es beginnt wie «The Palermo Shooting» ebenfalls als Film über die Krise und die Todesangst eines Mannes, des Theaterregisseurs Caden (Philip Seymour Hoffman), und mündet darin, dass er New York für ein Stück in einer Lagerhalle nachbaut und darin sein eigenes Leben als Theaterfiktion inszeniert. «Meine Geschichten sollen nicht in irgendwelche vorgefertigten Formen passen», sagte Kaufman in Cannes – und auf «Synechdoche, New York» trifft das noch mehr noch zu als auf alle seine anderen filmischen Hirnverknotungen bisher.

Seine erste Regiearbeit ist eine herausragend besetzte Mammutirritation und ein überdimensionaler Wahnwitz, gegen den selbst «Vergiss mein nicht» wie eine konventionelle Hollywood-Romanze wirkt. Wird «Synechdoche, New York» nach der ersten Hälfte scheinbar vollends der Wirklichkeit entrückt, weiß man nach zwei Stunden nicht mehr wirklich, was gerade mit einem geschehen ist und vielleicht nicht einmal, was das alles en détail bedeutete.
Doch der Film hängt einem nach und man merkt spätestens dann, dass er bei all seinem Wahnsinn mehr über das Leben erzählt als die meisten anderen Filme im diesjährigen Cannes-Wettbewerb und dabei völlig einzigartig ist. Sicherlich polarisiert das, macht schwindelig und überfordert und ist doch nicht nur in Anbetracht der Beiträge der letzten, müden Festivaltage absolut Palmen-würdig.