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Erscheinung bei den Filmfestspielen: 

Einmal Maradona, immer Gott

21. Mai 2008 14:33
Papa, muss das schon wieder sein - scheinen die Töchter von Diego Maradona angesichts von dessen Ballzauber zu denken.
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«Wer feiern kann, kann auch aufstehen» - außer, er ist eine lebende Legende. Sascha Rettig erfuhr in Cannes, für wen sich Diego Maradona die «Hand Gottes» abhacken würde, und was «Muttertier» Jolie damit zu tun hat.

In Cannes wird eigentlich immer irgendwo irgendwas gefeiert. Auch die Deutschen machen da keine Ausnahme: Für Schampus und Bier, Grillfleisch und Branchensmalltalk wurden zum deutschen Empfang hunderte Gäste in eine Villa in die Berge der Stadt gekarrt. Gründe gibt es ja genug: Mit Alexandra Maria Lara und Fatih Akin sitzen zwei Deutsche in verschiedenen Jurys und die deutschen Filme sind über sämtliche Festivalsektionen versprengselt. Ebenfalls vor allem zum Feiern und offenbar weniger zum Arbeiten kam Diego Maradona.

Entgegen der Redewendung «Wer feiern kann, kann auch aufstehen» sagte der moppelige Ex-Fußballgott angeblich gleich alle Interviews am Tag nach der Premiere von Emir Kusturicas Bio-Doku «Maradona by Kusturica» ab. Im Film folgt der Regisseur zu einer Reihe öffentlicher Auftritte seit 2005, betreibt eine Heldenverehrung von «Einmal Gott immer Gott»-Ausmaßen und zeigt nochmal die Höhepunkte vergangener Fußballkunst. Dabei lässt er Maradona immer wieder erstaunlich offen losreden (über seine exzessive Koksschnupferei), schwärmen (über Fidel Castro) und schimpfen (über W. Bush, die USA, England und die italienische Mafia).

Wo ist er denn jetzt schon wieder?

Ärgerlich ist allerdings die penetrante Selbstinszenierung des Regisseurs, der seine Persönlichkeit fast schon zwanghaft auch immer in Bezug zu Maradona setzt. «Es gab aber einen Grund dafür», sagte der klamaukanfällige Balkanchaot bei der Cannes-Pressekonferenz über die Notwendigkeit seiner Anwesenheit. «Es gab Zeiten, da konnte ich Maradona in Buenos Aires nicht finden, weshalb ohne meine Szenen der Film nicht fertig geworden wäre.»

Maradona allerdings ist im Film und in der Pressekonferenz ziemlich unterhaltsam, bei der er etwa auch seine heimliche Liebe zu Julia Roberts gestand: «Ich würde alles tun, um sie hier auf der Croisette zu sehen und hinter ihr herlaufen zu können“, sagte er. »Ich würde mir sogar die Hand abhacken lassen, mit der ich das Tor gegen England geschossen habe.«

Jolie & Eastwood = Drama

Jolie, Eastwood und der berühmteste Bauch der Welt
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Roberts ist allerdings gar nicht in Cannes. Vielleicht wäre aber Angelina Jolie ein ebenso heiß machender Ersatz gewesen? Anlässlich der Premiere von Clint Eastwoods «The Exchange» hatte das derzeit wohl prominenteste Muttertier seinen zweiten Festivalauftritt: »Für mich wäre es das Schlimmste, wenn ich eines meiner Kinder verlieren würde«, sagte die Vielfachmutti Angelina Jolie neben Clint Eastwood bei der Pressekonferenz zu dessen Wettbewerbsbeitrag «The Exchange». Basierend auf einem wahren Fall aus den 1920ern passiert ihr darin als alleinerziehender Mutter genau das. Doch sie stellt sich unbeirrt dem Kampf mit der korrupten, willkürlichen Polizei von Los Angeles – in den zweieinhalb Stunden dieses sehr gut erzählten, gespielten und ausgestatteten Films, der ohne Pathos und ganz beiläufig unterschiedlichste Schattierungen zwischen Drama, Serienmördergeschichte und Detectivestory annimmt.

Halbzeit!

Auffällig ist zur Festivalhalbzeit, wie viele der Geschichten im Wettbewerb um Hoffnungslosigkeiten und deprimierende Realitäten in Familien kreisen. Während etwa Walter Salles‘ «Linha de Passe» um den täglichen Überlebenskampf von vier Brüdern und ihrer schwangeren Mutter auf dem rauen Metropolenpflaster von Sao Paulo kreist, beleuchtet Matteo Garrones «Gomorra», die Adaption von Roberto Savianos Enthüllungsbestseller, wie die neapolitanische Mafia-«Familie» auf unterschiedlichen Ebenen funktioniert. Vielleicht ist der Film dabei etwas zu nüchtern und emotionsarm, beeindruckt aber durch die Beobachtung des trostlosen Milieus.

Regisseur Arnaud Desplechin versammelte derweil eine hochkarätige Besetzung für sein etwas zu ausuferndes Familienkonliktmosaik «Un Conte De Noël». Chaotischer war da der philippinische Beitrag «Service», in dem die Kamera dem Treiben in jeden Winkel eines Porno-Kinos namens «Family» folgt, das bei gefühlten 300 Dezibel Dauerstraßenlärm zum Tollhaus mit Streit, schlaffen Blow-Jobs, ausgedrückten Hautbeulen und einer Ziege vor der Leinwand wird, die die Stricher bei der Arbeit stört. Brillante Mendozas filmische Eigenwilligkeit war bislang der einzige Beitrag, der auf keinerlei Kritikergegenliebe stieß.

Ein Favorit? Fehlanzeige

Doch auch wenn sich der Wettbewerb mit recht gleichmäßig auf hohem Niveau bewegt, fehlt bislang noch der große Favorit, die Offenbarung des Festivals, auch wenn Eastwoods «The Exchange», Nuri Bilge Ceylans türkisches Familiendrama «Three Monkeys» und die eindrückliche Anti-Kriegs-Animation «Waltz with Bashir» als Palmenkandidaten gehandelt werden. Welcher Regisseur sich am nächsten Sonntag mit der Goldenen Palme in der Hand feiern kann, ist so bislang völlig offen. Mit Steven Soderberghs viereinhalbstündigem Bio-Pic «Che», Charlie Kaufmans «Synecdoche, New York» und «Palermo Shooting» vom Cannes-verwöhnten Wim Wenders stehen aber mindestens noch drei mögliche Kandidaten auf dem Restprogramm.
 
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