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«Indy»-Premiere in Cannes: 

«Es ist doch nur ein Film»

19. Mai 2008 09:27
Harrison Ford und Lebensgefährtin Calista Flockhart
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Viele Festival-Gäste fieberten der Premiere von Steven Spielberg Abenteurepos «Indiana Jones 4» entgegen. Dabei waren die eigentlichen Stars in Cannes diesmal die Deutschen, berichtet Sascha Rettig.

Mehr als an anderen Festivaltagen war der Weg zum Premierensaal in Cannes gestern gesäumt von flehenden Blicken. Es waren die Blicke derer, die keine Eintrittskarte hatten und bis zur letzten Sekunde auf eine glückliche Fügung warteten. Derer, die auch zu denen gehören wollten, die den außer Konkurrenz gezeigten «Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels» als erstes zu sehen bekamen und ein Urteil abgeben konnten, ob der schwindelerregende Hype um den Alt-Archäologen mit Hut und Peitsche in irgendeiner Weise gerechtfertigt war.

«Es ist doch nur ein Film»

George Lucas, der mit seiner zweiten «Star Wars»-Trilogie unangenehme Erfahrungen mit übersteigerten Erwartungshaltungen machen durfte, versuchte kürzlich noch, die Aufregung herunterzuspielen. «Es ist doch nur ein Film», sagte der Mit-Erfinder von Indiana Jones, der zusammen mit Regisseur Steven Spielberg und Hauptdarsteller Harrison Ford nach 19 Jahren Abstinenz nun noch ein letztes Mal eine abenteuerliche Jagd nach archäologischen Artefakten ausheckte. Sicherlich ist es nur ein Film, doch die beruhigende Nachricht zum Aufatmen vorweg: sogar ein recht guter.

«Es gab viele nostalgische Momente bei den Dreharbeiten», verriet ein sichtlich gerührter Ford den Journalisten in Cannes. Gleiches trifft auch auf den vierten «Indy»-Teil selbst zu, ist er doch Retro-Action-Abenteuer-Kino mit dem Charme des Handgemachten, bei dem sich die über sechzigjährigen Spielberg, Lucas und Ford noch einmal wie schnitzeljagende Jungs aufführen dürfen.

Blanchett als KGB-Agentin

Die Widersacherin gibt diesmal Cate Blanchett als kalt-kriegerische KGB-Agentin mit gefährlich gerolltem R, während Indy bei der Jagd nach dem Kristallschädel seine alte Flamme Karen Allen wiedertrifft und durch Shia LaBeouf draufgängerische Verstärkung im südamerikanischen Dschungel bekommt. Dass der Film in der Mitte etwas durchhängt, ist schnell vergessen, sobald er zu einem spektakulär choreographierten Verfolgungsgerangel abhebt, das den Geist der alten Trilogie atmet und allein die ganze «Indy»-Auferstehung lohnt.

Und der neue Allen?

Penelope Cruz und Rebecca Hall
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Auch Woody Allen erlebte mit «Match Point» vor drei Jahren in Cannes so etwas wie eine künstlerische Auferstehung, der damals sein erster Film in London und der erste mit Scarlett Johansson war. Nun hat Allen für «Vicky Cristina Barcelona» wieder einen Ortswechsel vorgenommen und fädelt diesmal im malerisch mediterranen Barcelona die amourösen Turbulenzen zweier amerikanischer Touristinnen (Scarlett Johansson und Rebecca Hall) mit einem vollblutspanischen Maler (Javier Bardem) ein.

Regelrecht Feuer fängt die Leinwand aber erst, als sich die Zweierturtelei von Johansson und Bardem mit dem Auftritt von Penélope Cruz zur Ménage-à-Trois ausweitet, die als Ex-Frau eine Explosion an Impulsivität und Charme entfacht, bei der selbst Johansson einfach nur wie ein kleines blondes Ding daneben steht. Für Allen selbst wäre solch ein Liebesdreier eher abschreckend. «Es ist schließlich schwierig genug, eine Person zu finden, mit der man zurechtkommt», sagte er auf der Pressekonferenz neben der umwerfend hübschen Cruz. Auf der Leinwand jedoch ist es der Stoff für eine leichtfüßig amüsante Fantasie um die bekannten Fragen der Liebe, die so sommerlich perlend bei Allen nie sexier daher kamen.

Dresen auf «Wolke 9»

Dresen (links) und seine Darsteller
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Nach gängigen Kriterien vielleicht weniger sexy, dafür aber direkt aus dem Leben und dem deutschen Alltag kam der in einer Nebenreihe stürmisch gefeierte «Wolke 9» von Andreas Dresen. Dabei entwirft der Regisseur eigentlich kaum mehr als eine Standardsituation des Kinos: Eine verheiratete Frau verliebt sich, hat Schmetterlinge im Bauch und Kribbelgefühle und durchleidet zur selben Zeit auch die Schmerzen der Trennung vom bisherigen Partner. Neu ist dabei allerdings das Alter der Hauptfiguren, in dem Sex und Zärtlichkeit eigentlich kaum mehr sichtbar sind: Inge ist über 60 und seit 30 Jahren mit Werner zusammen, eingespielt und durchaus glücklich. Doch plötzlich verliebt sich Inge in den 76 Jahre alten Karl und beschließt, Werner zu verlassen.

Dresen geht nah ran an seine beeindruckend natürlichen, ganz normal gealterten Darsteller, an ihre alten Gesichter und Körper mit hängender Haut, Falten und Altersflecken. Er zeigt die Zärtlichkeit, die etwas ungelenken Küsse und, was im Kino eigentlich nie stattfindet, auch den Sex. Mit der Intensität und Wirklichkeitsnähe, die man aus seinen anderen Filmen wie «Halbe Treppe» kennt, beleuchtet der Regisseur so nicht nur den Mut zu einer neuen Liebe im Alter, sondern auch die Gefühle des Verlassenen, der nach Jahrzehnten plötzlich einen schwer möglichen Neuanfang probieren muss. Vom Schönheitsideal, das Abend für Abend auf dem roten Teppich von Cannes ausgiebig zelebriert wird, könnte «Wolke 9» dabei allerdings kaum weiter entfernt sein.

 
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