14. Mai 2008 07:08
Alte Bekannte aus Deutschland, Star-Kino aus den USA und politisch hoch Brisantes bieten die 61. Filmfestspiele. Am sehnsüchtigsten erwartet aber wird ein alternder Abenteurer, berichtet
aus Cannes.
Vor vierzig Jahren erreichten die Pariser Mai-Unruhen auch das Filmfestival von Cannes. Während sich 1968 in der französischen Hauptstadt die Studenten Straßenkämpfe mit der Polizei lieferten, solidarisierten sich die Filmemacher und Jury-Mitglieder wie Roman Polanski mit den protestierenden Studenten. Die Vorführung von Carlos Sauras «Peppermint Frappé» wurde gestürmt und das Festival vorzeitig abgeblasen. Filme wie Milos Formans «Der Feuerwehrball» erlebten daraufhin keine Cannes-Premiere mehr. Nun aber, vierzig Jahre später, werden sie beim Festival, das am heutigen Mittwoch mit Fernando Meirelles Bestseller-Adaption «Blindness» mit Julianne Moore in seiner 61. Ausgabe startet, in der Reihe «Cannes Classics» einen zweiten Auftritt bekommen – wenn natürlich auch ohne nachträgliche Preisvergabe. Die Chance auf die Goldene Palme bleibt den 22 aktuellen Wettbewerbsbeiträgen vorbehalten, unter denen die Jury mit Sean Penn als Präsident und weiteren Mitgliedern wie Natalie Portman oder Alexandra Maria Lara am 25. Mai die Auszeichnungen verteilen werden.
Protzte Cannes im vergangenen Jubiläumsjahr noch regelrecht mit einer Auswahl großer Namen und viel Hollywoodprominenz, halten sich nun die Filme von Festival-Veteranen und die von Cannes-Newcomern die Waage. Während Stammgäste wie der Kanadier Atom Egoyan oder die belgischen Doppelpalmengewinnerbrüder Jean-Pierre und Luc Dardenne («Das Kind») ihre neuen Werke in die Palmenkonkurrenz schicken, stellt sich die Hälfte aller Wettbewerbsregisseure zum ersten Mal den Blitzlichtern der Fotografenmeute auf dem Roten Teppich am Palais. Mal bietet der Wettbewerb dabei politische Brisanz wie in Matteo Garrones Verfilmung von «Gomorrah», dem Sachbuch-Bestseller von Roberto Saviano. Mal rollt Ari Folman den ersten Libanonkrieg der 80er Jahre als Animationsfilm auf. Oder es wird das harte Schicksal chinesischer Fabrikarbeiter in Jia Zhangkes «24 City» thematisiert.
Die USA sind im Wettbewerb lediglich mit drei Wettbewerbsbeiträgen vertreten: Clint Eastwood hat seinen 20er-Jahre-Thriller «Changeling» mit der inzwischen hochzwillingsschwangeren Angelina Jolie vollendet. Charlie Kaufman, bislang nur Drehbuchautor solch genialischer Hirnverknotungen wie «Adaption«, versucht sich mit «Synecdoche» erstmals auch als Regisseur. Und Steven Soderbergh schickt den wohl längsten Beitrag ins Rennen: «Guerilla» und «The Argentine», die zwei Teile seines Che-Guevara-Bio-Pics mit Benicio del Toro, kommen auf eine abschreckende Laufzeit von viereinhalb Stunden. Außer Konkurrenz dürfen die Amerikaner aber einmal mehr dem Festival eine großzügige Glamourinjektion verpassen. Woody Allen setzt mit «Vicky Cristina Barcelona» seine Euro-Dreh-Tour fort, die ihn nach drei London-Abstechern nun für eine leichte Liebeskomödie mit Scarlett Johansson, Javier Bardem und Penelope Cruz nach Spanien geführt hat. Und die Tiere-machen-Martial-Arts-Animation «Kung Fu Panda» bringt prominente Synchronsprecher wie Jack Black und Dustin Hoffman an die Côte d‘Azur.
Vor allem aber die Weltpremiere von Steven Spielbergs «Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels» wird die Croisette sicherlich in den Ausnahmezustand versetzen. Lange wurde im Vorfeld spekuliert, ob das Festival mit dem Vielleicht-viel-zu-alt-Indy Harrison Ford oder mit dem nun letztlich doch nicht auf die Cannes-Publicity-Plattform gehievten «Sex and the City»-Film starrummelig eröffnet werden würde. Letztlich aber entschied sich Festival-Chef Frémaux für Meirelles «Blindness». Zur Einstimmung also ein deprimierendes Drama über eine Epidemie, bei der die Bewohner einer ganzen Stadt erblinden? Bleibt nur zu hoffen, dass sich der Film nicht als Stimmungsbarometer für die nächsten zehn Wettbewerbstage herausstellt.