Rainer Langhans im Gespräch:
«Meine Generation hat viele Fehler gemacht»
Netzeitung.de: Herr Langhans, ist es für ein 68er-Idol schwer zu altern?
Rainer Langhans: Ja und nein. Wir haben zwar die Jugend erfunden, aber nun nur jung bleiben zu wollen, weil es noch kein gutes Alter gibt, geht natürlich nicht. Das tun zwar noch die meisten von uns und wir sind auch zum Teil noch ganz gut in Schuss. Wir müssen das Alter auch noch erfinden. Wir wissen darüber noch kaum etwas, aber ich bemühe mich sehr darum, dass das anders wird, denn ich denke, das wird das nächste große Ding sein, womit meine Generation sich beschäftigen wird, ja muss.
Netzeitung.de: Inwiefern engagieren Sie sich dafür?
Netzeitung.de: Sehen Sie das wirklich so?
Langhans: Oh ja. Ich bin jetzt selber in der Falle, die ich aufgestellt habe. Dass ich, wie man bei den jungen Leuten sagt, von dieser Kultur «gedisst» werde, die nur jugendliche Werte hat. Ich werde mit einem Altersrassismus überzogen, der mir ganz und gar nicht gefällt.
Netzeitung.de: Zum Beispiel?
Langhans: Nehmen wir mein neues Buch, darin spreche ich ja auch diese Themen an. Jedes Mal, wenn ich auf der Leipziger Messe von Journalisten erwähnt wurde, ging es los: «Der alte Zausel», «Die Zahnarzt-Witwe», «diese weiten Schlabberkleider», «jetzt will er auch mal was sagen» oder «leider müssen wir jetzt wieder was über ihn machen». Das ist eine Form von Verächtlichkeit, die sehr unangenehm ist. Das liegt nicht nur an dem 68er-Thema, das inzwischen ja ein Altersthema geworden ist, sondern es liegt daran, dass man über alte Menschen, die keine übliche Leistung mehr erbringen, sehr negativ redet. Wenn die sich bemühen, nimmt man denen selbst ihre Bemühungen übel. So nach dem Motto: «Er versucht immer noch, auf jung zu machen, er soll’s doch endlich einsehen, also eigentlich ist er tot, soll mal andere ranlassen, usw.» Das spürt man sehr stark. Und ich sehe noch nicht einmal so alt aus und fühle mich sowieso nicht so.
Und auch im Internet: Wenn man den Jüngeren dort in die Quere kommt, dann werden die ganz sauer. Das ist die große Kommune, ihr Raum, da mögen sie überhaupt keine alten Leute. Die Alten verkörpern da nur das schlechte alte Leben, sind höchst unerwünscht und werden massiv angemacht. Wie im realen Leben. Ist natürlich auch verständlich, so wie es bis heute ist.
Netzeitung.de: Wie könnte man das Alter denn positiv promoten?
Langhans: Wie man gut altern kann, wissen wir eben noch nicht. Die Demografie schreibt uns die überalterte Gesellschaft zwingend auf den Leib, aber keiner weiß, wie sie aussehen soll, denn die Alten wollen verständlicherweise nicht alt gesehen werden. Ich persönlich versuche natürlich, gut zu altern, aber das anderen zu vermitteln, ist fast unmöglich. In Ansätzen beschreibe ich das in meinem Buch, aber ich sehe auch, dass das ein Unthema ist. Man darf und will genau genommen gar nicht darüber reden. Selbst die Wirtschaft, die weiß, dass die Alten die kaufkräftigste Gruppe sind, weiß nicht, wie sie sie ansprechen soll.
Netzeitung.de: Weinen Sie der Jugend manchmal nach?
Langhans: Das tue ich überhaupt nicht, weil meine Jugend nicht besonders angenehm war. Ich habe damals überhaupt nicht gewusst, was ich auf dieser Welt soll. Ich fand mich völlig daneben, während alle anderen doch relativ normal schienen. Wieso kann ich nicht sein wie die anderen, habe ich damals gedacht. Die Zeit in der Kommune war für mich dann sehr entscheidend. 68 hat mir klargemacht, dass ich sehr gesund bin, wenn ich auf eine kranke Welt mit dieser Befremdung reagiere. Dieser Ansatz von Selbstbewusstsein, den ich dadurch erfuhr, hat mir geholfen, ein Stück in diese Welt hineinzukommen und dann einiges dafür zu tun, dass ich in ihr tatsächlich leben kann. Zuerst einmal dadurch, dass ich gedacht habe, ich muss sie verändern. Später dann habe ich verstanden, dass ich stattdessen mich verändern muss, aber nicht, weil ich krank bin oder resigniert habe, sondern weil ich eigentlich besser sein kann, bin. Und das auch die Welt verbessern kann.
Netzeitung.de: Hat sich Ihre Lebensphilosophie seit 68 geändert?
Langhans: Oh ja. Man kann das kontinuierlich sehen. Ich habe damals gedacht, dass man Außen viel verändern muss, aber schon in der Kommune habe ich, wie gesagt, gemerkt, dass ich mein Inneres verändern muss. Diese Ansätze haben mir auf den Weg dahin geholfen. Sie verschwanden aber wieder, weil die Bewegung schnell vorbei war. Danach habe ich zum Glück erkannt, wie ich für mich weiterarbeiten, weiterleben kann, ohne auf eine Bewegung, eine äußere unterstützende Atmosphäre angewiesen zu sein.
Netzeitung.de: Was ist von 68 geblieben?
Netzeitung.de: Welche Ziele von 68 sind denn noch nicht erreicht?
Netzeitung.de: Sie meinen wohl friedvoller.
Langhans: Ja, vielleicht. Ich habe einen Freund, der spielt dieses Spiel «World of Warcraft». Der sagt immer, «Ich liebe Waffen. Aber nur im Netz.»
Netzeitung.de: Welche Folgen von 68 halten Sie für verzichtbar?
Langhans: Verzichtbar wäre die große Depression der meisten, die dabei gewesen sind. Dass sie glaubten, nichts erreicht zu haben und dass alles gescheitert sei. Andererseits vielleicht auch nicht. Denn die andere Seite, die gewalttätig männliche, die an den äußeren Symptomen herum kurierte, die den Kapitalismus abschaffen wollte, diese Seite hat wirklich verloren und das ist gut so. Das Gefühl, das diese gewalttätige Seite verloren hat, soll bleiben. Ich wünsche mir allerdings, dass die weibliche Seite, die des Herzens, noch entdeckt wird. Meine Generation hat viele Fehler gemacht, aber ich glaube, ausreichend aus diesen Fehlern gelernt zu haben. Ich danke ihr dafür, dass ich so viel durch sie lernen durfte.
Im zweiten Teil des NZ-Interviews spricht Rainer Langhans über Spiritualität, Enthaltsamkeit und Pornos.
Rainer Langhans: «Ich bin's - Die ersten 68 Jahre», Blumenbar, 253 Seiten, 19,90 Euro.
Rainer Langhans und Christa Ritter: «K1 - Das Bilderbuch der Kommune», Blumenbar, 196 Seiten, 24,90 Euro.
