Rainer Langhans im Gespräch: «Meine Generation hat viele Fehler gemacht»06. Mai 2008 07:33  |  Langhans: 'Altern ist scheiße!' | Foto: PR |
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Pünktlich zum Jubiläum des «Summer of Love» hat Rainer Langhans seine Memoiren veröffentlicht. Im ersten Teil des Interviews spricht Julia Wilczok mit dem Ex-Kommunarden über Altersrassismus, die Folgen von 68 und die größte Kommune aller Zeiten.
Deutschlands berühmtester Kommunarde, Vorzeige-68er, Ober-Guru: An Rainer Langhans, Mitbegründer der Kommune 1, kleben viele Etiketten. Ganz wird er sich von denen nie lösen können. Was er jedoch sehr wohl tun kann, ist Dinge richtig zu stellen. Nachdem Ex-Freundin Uschi Obermaier ihre Version der (teils gemeinsamen) Vergangenheit bereits ausführlichst in ihrer Biografie «High Times» und dem dazu passenden Film «Das wilde Leben» gezeigt hat, schildert Rainer Langhans die Ereignisse nun aus seiner Perspektive.
Das tut er mit Hilfe zweier Bücher, der Biografie «Ich bin's» und dem Bildband «K1 – Das Bilderbuch der Kommune», die vor kurzem erschienen sind. Langhans redet gerne und viel über die Vergangenheit, doch fast noch lieber über das Jetzt und Hier. Obwohl er mit dem Alter hadert, vermisst er die Jugend nicht. Damit hält er es übrigens wie Edith Piaf – nichts bereuen. In diesem Sommer, pünktlich zum 40-jährigen Jubiläum des «Summer of Love», wird Langhans 68 Jahre alt. Grund genug, ihm mal ein paar Fragen zu seiner wildbewegten Vergangenheit zu stellen.Netzeitung.de: Herr Langhans, ist es für ein 68er-Idol schwer zu altern? Rainer Langhans: Ja und nein. Wir haben zwar die Jugend erfunden, aber nun nur jung bleiben zu wollen, weil es noch kein gutes Alter gibt, geht natürlich nicht. Das tun zwar noch die meisten von uns und wir sind auch zum Teil noch ganz gut in Schuss. Wir müssen das Alter auch noch erfinden. Wir wissen darüber noch kaum etwas, aber ich bemühe mich sehr darum, dass das anders wird, denn ich denke, das wird das nächste große Ding sein, womit meine Generation sich beschäftigen wird, ja muss. Netzeitung.de: Inwiefern engagieren Sie sich dafür?
Langhans: Ich glaube, dass die demografischen Verhältnisse uns dazu nötigen werden, denn es ist eine Generation, die ein drittes Alter haben wird. Also zwischen der Jugend und dem bekannten Alter ein Alter, in dem wir nicht mehr arbeiten, in dem wir relativ gut ausgestattet sind, in dem wir relativ gesund sind. Das erste Mal übrigens in der menschlichen Geschichte, dass das so massenhaft der Fall ist. Die Gesellschaft wird demnach überaltert sein, nach früheren Vorstellungen. Diese Generation wird sicher nicht so altern und sterben, wie ihre Eltern das getan haben. Ich habe meine Eltern ja auch dabei erlebt und ich kann nur sagen, so werde ich das auf keinen Fall tun. Wir wissen noch gar nicht, was Alter ist, wir wissen nur, Altern ist scheiße!Netzeitung.de: Sehen Sie das wirklich so? Langhans: Oh ja. Ich bin jetzt selber in der Falle, die ich aufgestellt habe. Dass ich, wie man bei den jungen Leuten sagt, von dieser Kultur «gedisst» werde, die nur jugendliche Werte hat. Ich werde mit einem Altersrassismus überzogen, der mir ganz und gar nicht gefällt. Netzeitung.de: Zum Beispiel? Langhans: Nehmen wir mein neues Buch, darin spreche ich ja auch diese Themen an. Jedes Mal, wenn ich auf der Leipziger Messe von Journalisten erwähnt wurde, ging es los: «Der alte Zausel», «Die Zahnarzt-Witwe», «diese weiten Schlabberkleider», «jetzt will er auch mal was sagen» oder «leider müssen wir jetzt wieder was über ihn machen». Das ist eine Form von Verächtlichkeit, die sehr unangenehm ist. Das liegt nicht nur an dem 68er-Thema, das inzwischen ja ein Altersthema geworden ist, sondern es liegt daran, dass man über alte Menschen, die keine übliche Leistung mehr erbringen, sehr negativ redet. Wenn die sich bemühen, nimmt man denen selbst ihre Bemühungen übel. So nach dem Motto: «Er versucht immer noch, auf jung zu machen, er soll’s doch endlich einsehen, also eigentlich ist er tot, soll mal andere ranlassen, usw.» Das spürt man sehr stark. Und ich sehe noch nicht einmal so alt aus und fühle mich sowieso nicht so. Und auch im Internet: Wenn man den Jüngeren dort in die Quere kommt, dann werden die ganz sauer. Das ist die große Kommune, ihr Raum, da mögen sie überhaupt keine alten Leute. Die Alten verkörpern da nur das schlechte alte Leben, sind höchst unerwünscht und werden massiv angemacht. Wie im realen Leben. Ist natürlich auch verständlich, so wie es bis heute ist. Netzeitung.de: Wie könnte man das Alter denn positiv promoten? Langhans: Wie man gut altern kann, wissen wir eben noch nicht. Die Demografie schreibt uns die überalterte Gesellschaft zwingend auf den Leib, aber keiner weiß, wie sie aussehen soll, denn die Alten wollen verständlicherweise nicht alt gesehen werden. Ich persönlich versuche natürlich, gut zu altern, aber das anderen zu vermitteln, ist fast unmöglich. In Ansätzen beschreibe ich das in meinem Buch, aber ich sehe auch, dass das ein Unthema ist. Man darf und will genau genommen gar nicht darüber reden. Selbst die Wirtschaft, die weiß, dass die Alten die kaufkräftigste Gruppe sind, weiß nicht, wie sie sie ansprechen soll. Netzeitung.de: Weinen Sie der Jugend manchmal nach? Langhans: Das tue ich überhaupt nicht, weil meine Jugend nicht besonders angenehm war. Ich habe damals überhaupt nicht gewusst, was ich auf dieser Welt soll. Ich fand mich völlig daneben, während alle anderen doch relativ normal schienen. Wieso kann ich nicht sein wie die anderen, habe ich damals gedacht. Die Zeit in der Kommune war für mich dann sehr entscheidend. 68 hat mir klargemacht, dass ich sehr gesund bin, wenn ich auf eine kranke Welt mit dieser Befremdung reagiere. Dieser Ansatz von Selbstbewusstsein, den ich dadurch erfuhr, hat mir geholfen, ein Stück in diese Welt hineinzukommen und dann einiges dafür zu tun, dass ich in ihr tatsächlich leben kann. Zuerst einmal dadurch, dass ich gedacht habe, ich muss sie verändern. Später dann habe ich verstanden, dass ich stattdessen mich verändern muss, aber nicht, weil ich krank bin oder resigniert habe, sondern weil ich eigentlich besser sein kann, bin. Und das auch die Welt verbessern kann. Netzeitung.de: Hat sich Ihre Lebensphilosophie seit 68 geändert? Langhans: Oh ja. Man kann das kontinuierlich sehen. Ich habe damals gedacht, dass man Außen viel verändern muss, aber schon in der Kommune habe ich, wie gesagt, gemerkt, dass ich mein Inneres verändern muss. Diese Ansätze haben mir auf den Weg dahin geholfen. Sie verschwanden aber wieder, weil die Bewegung schnell vorbei war. Danach habe ich zum Glück erkannt, wie ich für mich weiterarbeiten, weiterleben kann, ohne auf eine Bewegung, eine äußere unterstützende Atmosphäre angewiesen zu sein. Netzeitung.de: Was ist von 68 geblieben?
Langhans: Da unterscheide ich mich sehr von meinen ganzen Ex-Genossen, denn ich bin der Auffassung, dass die Kommune sich hundertprozentig durchgesetzt hat und heute global weiter lebt. Sie ist die Zukunft des heutigen Bewusstseins und eigentlich längst Gegenwart. Das Internet ist die größte Kommune, die es gibt: Sie leben dort ja auch in Communities. Das sind die neuen Gemeinschaftsformen, das ist dieses Lebensgefühl, dieses Freundschaftlichsein, dieses «ich habe 1000 Freunde», diese Liebe. Das ist es, was wir damals in der kurzen Zeit global und besonders intensiv in der Kommune I erlebt und gelebt haben. Die Kommune war ja damals das einzig positive Projekt: Nicht gegen etwas zu sein, sondern ein besseres Leben zu praktizieren. Das läuft heute viel größer weiter und so langsam dämmert es manchen Leuten.Netzeitung.de: Welche Ziele von 68 sind denn noch nicht erreicht?
Langhans: Dass wir glauben, 68 sei Vergangenheit und nicht Gegenwart. Und entsprechend nicht außerhalb dieser kleinen Communities freundschaftlich miteinander sind. Das kommt aber auf uns zu. Ich bin da sehr optimistisch. Bei der Generation nach uns hat das nicht funktioniert, dafür aber bei denen, die jetzt unter Dreißig sind. Die Jugend lebt ja schon gar nicht mehr hier, sie lebt in erster Linie im Netz. Ist auch schöner dort. Netzeitung.de: Sie meinen wohl friedvoller. Langhans: Ja, vielleicht. Ich habe einen Freund, der spielt dieses Spiel «World of Warcraft». Der sagt immer, «Ich liebe Waffen. Aber nur im Netz.» Netzeitung.de: Welche Folgen von 68 halten Sie für verzichtbar? Langhans: Verzichtbar wäre die große Depression der meisten, die dabei gewesen sind. Dass sie glaubten, nichts erreicht zu haben und dass alles gescheitert sei. Andererseits vielleicht auch nicht. Denn die andere Seite, die gewalttätig männliche, die an den äußeren Symptomen herum kurierte, die den Kapitalismus abschaffen wollte, diese Seite hat wirklich verloren und das ist gut so. Das Gefühl, das diese gewalttätige Seite verloren hat, soll bleiben. Ich wünsche mir allerdings, dass die weibliche Seite, die des Herzens, noch entdeckt wird. Meine Generation hat viele Fehler gemacht, aber ich glaube, ausreichend aus diesen Fehlern gelernt zu haben. Ich danke ihr dafür, dass ich so viel durch sie lernen durfte. Im zweiten Teil des NZ-Interviews spricht Rainer Langhans über Spiritualität, Enthaltsamkeit und Pornos. Rainer Langhans: «Ich bin's - Die ersten 68 Jahre», Blumenbar, 253 Seiten, 19,90 Euro. Rainer Langhans und Christa Ritter: «K1 - Das Bilderbuch der Kommune», Blumenbar, 196 Seiten, 24,90 Euro.
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