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Matthias Schweighöfer im Interview: 

«Heute hat doch keine Sau mehr Respekt»

11. Apr 2008 12:19
Matthias Schweighöfer spielt Manfred von Richthofen
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In «Der Rote Baron» spielt Matthias Schweighöfer seine bislang anspruchsvollste Rolle. Julia Wilczok sprach mit dem Schauspieler über Flugangst, preußische Tugenden und die Absurdität der eigenen Stimme.


Teppich, Tapete, Vorhänge - hier hat alles die Farbe von Marzipan: Matthias Schweighöfer bittet in einem Hotelzimmer in Berlin-Mitte zur Audienz. Am Abend wird hier in der Hauptstadt die Premiere seines neuen Films «Der Rote Baron» stattfinden, in dem er den Kampfpiloten Manfred von Richthofen, das berühmt berüchtigte Fliegerass aus dem Ersten Weltkrieg, spielt.

Stark berlinernd beantwortet Schweighöfer Frage für Frage. Dabei muss er sich nicht nur wegen der Verherrlichung eines Kriegshelden im Film rechtfertigen, auch an der technischen Umsetzung der Flugszenen kommt Kritik auf. «Mit richtigen Flugzeugen sieht das natürlich anders aus», räumt er ein. Weil das Filmteam aus versicherungstechnischen Gründen nicht fliegen durfte, musste mit modernster Computertechnik nachgeholfen werden. Trotzdem merkt man sofort, dass der 27-Jährige mächtig stolz auf diesen Film ist. Verständlich, immerhin stecken darin viereinhalb Jahre seines Lebens.

Herr Schweighöfer, wie war das, wilde Luftkämpfe im Studio zu drehen?

Matthias Schweighöfer: Fantastisch. Ich werde es nie vergessen. Diese Riesen-Green-Screen und 400 Leute, die um diese Flugzeuge herumstanden und wir als diese junge Truppe, die zum ersten Mal sieht, wie man großes Kino macht. Das war echt ein toller Moment meines Lebens.

Inwieweit behindert die Arbeit im imaginären Raum die Arbeit als Schauspieler?

Schweighöfer: Na ja, wir haben diese Szenen nur zwei, drei Wochen gedreht und jedes Flugzeug hatte seinen eigenen Computer-Spezialisten. Die hatten immer Laptops dabei, damit haben sie uns gezeigt, welche Kurve wir fliegen müssen. Unten gab es dann noch Leute, die geholfen haben, die Maschine zu steuern und dann war da noch die Windmaschine. So imaginär ist das also gar nicht, weil das Drehen auf der grünen Wand Millimeterarbeit ist. Du drehst da immer nur zehn bis fünfzehn Sekunden. Jeder Pilot würde bestätigen, dass die Seiten- und Höhenruder komplett richtig ausgerichtet sind, die kleinen Details stimmen.

Sie haben eine Therapie gegen Flugangst absolviert.

Schweighöfer: Genau, aber erst nach dem «Roten Baron». Vor dem Dreh der Szenen sind wir die Animationen für die Luftschlachten mit Lehrern nachgeflogen.

Ist es mit der Flugangst denn jetzt besser geworden?

Schweighöfer: Sie ist zwar etwas schwächer geworden, aber ich fliege immer noch sehr ungern.

Ist ja auch umweltfreundlicher.

Schweighöfer: Stimmt. Mit dem Auto 500 Kilometer ist was anderes als mit dem Flugzeug. Obwohl, das nimmt sich vielleicht doch nicht so viel, oder?

Hat es mal einen Vorfall gegeben, der die Flugangst ausgelöst hat?

Schweighöfer: Es gab mal einen Scheißmoment, da bin ich in Tegel gelandet und habe gedacht, «Tschüssikowski! Nie wieder steige ich in so eine Kiste!». Ich hasse das Fliegen!

Sie haben Schiller gespielt, dann Rainer Langhans und jetzt Manfred von Richthofen. Ist es schwieriger, eine real existierende Person zu spielen als einen fiktiven Charakter?

'Na gut, hatte ich halt einen schlechten Tag'
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Schweighöfer: Was ich gut finde an diesen Zeitgeschichten ist, dass man ein Kostüm hat, in dem man sich bewegen kann. Außerdem ist die Arbeit an so einer Person intensiver, weil du mehr von deinem Privaten weg musst. Eine fiktive Figur kann man immer irgendwie bilden, auch wenn man einen Scheißtag hatte, dann kannst du auch mal ausrutschen auf dein ganz Privates und sagen, «Na gut, hatte ich halt einen schlechten Tag». Bei einer historischen Figur hat man die Struktur ja nur über die Kostüme und den Zeitrahmen. Ich liebe es, solche Rollen zu spielen, es ist wohl wirklich ein bisschen schwieriger.

Im Fall von Rainer Langhans: Ist es komisch, wenn die Person, die Sie spielen, noch lebt?

Schweighöfer: Es war sehr lustig mit ihm. Ich habe mich damals mit ihm getroffen, da konnte ich viel mitnehmen.

Obwohl es da ja nicht so viel Kostüm gab...

Schweighöfer: Nee. [lacht]

Haben Sie Herrn Langhans danach noch mal wieder gesehen?

Schweighöfer: Ich habe ihn einmal mit Uschi Obermaier bei «Beckmann» getroffen. Das war 'ne sensationelle Nummer. Da haben sie sich in der Sendung angefangen über früher zu streiten.

Gibt es eine historische Figur, die Sie unbedingt noch mal spielen wollen?

Schweighöfer: Hm, erstmal nicht. Jetzt will ich erstmal Filme in der Gegenwart drehen oder in der fernen Zukunft. 2910, wenn Planetenreisen endlich möglich sind. Wir auf dem Mars und so. [lacht] Ach nee, ich weiß nicht. Gerade bin ich ganz froh, nicht darüber nachdenken zu müssen, welche Rolle ich als nächstes spielen werde.

Wie sind Sie eigentlich an den «Roten Baron» gekommen?

Schweighöfer: Ich habe mal fünfzehn Monate nicht gearbeitet, brauchte Geld und dann rief plötzlich Nikolai Müllerschön aus Los Angeles an und hat gesagt, «Matthias, ich hab ein Buch, willste das mal lesen». Er hat gefragt, ob ich die Rolle spielen möchte. Da hab ich mir gedacht, «Gut, in diesen fünfzehn Monaten hat mir niemand anderes in diesem Land Arbeit gegeben, aber dieser Mann aus Amerika gibt mir ein Buch und bietet mir eine Rolle an ohne vorher ein Casting zu machen». Da habe ich dann gesagt, «Ich bin dein Mann, ich bin an deiner Seite. Das find' ich mutig». Von da an stand das Ding. Das war vor viereinhalb Jahren.

War das Interesse an der Figur wirklich rein finanzieller Natur? Hat Sie sonst nichts an der Rolle gereizt?

Schweighöfer: Doch klar, erstmal die Größe. Ich wusste, dass das ein großer Film wird und auch ziemlich epochal. Ich wusste, dass das ein Actionfilm wird, ein Blockbuster aus Deutschland. Da wollte ich gerne dran teilhaben, weil ich so was aus diesem Land selber nicht kenne. Ich kenne aus diesem Land keinen Film, der so aussieht wie «Der Rote Baron». Das fand ich irgendwie gut.

Aber der Hauptgrund war, dass ich es wahnsinnig interessant fand, einen 25-jährigen Mann zu spielen, der über Leben und Tod entscheidet. Und der eine Verantwortung trägt, wenn er in 3000 Metern Höhe auf die feindliche Linie zufliegt. Der aus Pflicht sein Land verteidigen muss und nicht weiß, ob er zehn Leute abschießen muss oder ob er selbst abgeschossen wird. Und hinter ihm hängt ganz Deutschland und sagt, «Du bist 25 Jahre alt, verteidige das Reich, denn du bist unser Aushängeschild».

Können Sie sich mit von Richthofens Einzelkämpfer-Dasein identifizieren?

Schweighöfer: Ja, ich bin gerne Einzelkämpfer, aber du brauchst auch ein gutes Team, das mit dir einzelkämpft.

«Der Rote Baron» ist der teuerste deutsch-produzierte Film aller Zeiten. Hatten Sie Angst, die Sache in den Sand zu setzen?

Schweighöfer: Der Film ist ja mit Absicht auf Englisch gedreht worden. Dieses Land sieht den Film sehr kritisch, weil es um einen Kriegshelden geht. Alle anderen Länder freuen sich dagegen total auf den Film. England, Frankreich, die sind heiß auf diesen Film wie Hulle. Und sogar in den USA. Ein Kumpel von mir war kürzlich in Kalifornien, da hat er sich mit einem Amerikaner über das Projekt unterhalten, der meinte, «Geil, das ist doch dieser krasse Flieger mit diesem geilen Flugzeug!». Die sehen das alles ganz anders, weil die einfach eine andere Geschichte haben als wir. Deshalb wird die Sache nicht in die Binsen gehen. Das wird einfach nicht schiefgehen!

Wie äußert sich denn in Deutschland die Skepsis gegenüber Ihrem Film?

Schweighöfer: Da wird immer kritisch angeschlagen, dass von Richthofen 80 Leute abgeschossen hat, was ich auch verstehen kann. Von Deutschen kommt immer nur Kritik an dem Kriegsheld – «Warum haben Sie das gemacht?» und Blablabla. Dann kam jemand von CNN und jemand von NBC und die haben gesagt, «Superspitzen-Film! Diese Szenen, so was haben wir noch nie aus Deutschland gesehen». Der Blickwinkel von denen ist einfach komplett anders. Ich verstehe, dass man mit einem deutschen Kriegsheld ein Problem hat, das Thema ist strittig. Aber es ist auch immer noch ein Action-Drama mit 'nem Liebesgehalt, zu dem man sich auch noch Popcorn kaufen kann, das darf man auch nicht vergessen. Der Typ war einfach ein Popstar damals. Ein Flugzeug rot anmalen, das war ja total verrückt. Der hatte einfach Eier.

Was für eine Art von Held war Manfred von Richthofen?

Schweighöfer: Ich glaube, er war ein Held seiner Zeit. Er war damals einfach ein mutiger Mann, der in jeder Minute damit rechnen musste zu sterben. Heute ist das wahnsinnig schwierig, darum finde ich es auch gut, wenn junge Leute den Film gucken. Von Richthofen hat Verantwortung übernommen und Entscheidungen getroffen mit seinen 25 Jahren. Wenn der eine falsche Entscheidung getroffen hätte, wäre er tot gewesen. Da konntest du nicht noch mal kurz BWL studieren oder was anderes machen. Wie ich finde, transportiert der Film das ganz gut.

Was ist mit den preußischen Tugenden? Hatte von Richthofen Tugenden, die Sie begrüßen?

Schweighöfer: Hm, da würde ich sagen Ehre oder Respekt.

Respekt ist ja eine ganz moderne Tugend...

Schweighöfer: Ist das so? Heute hat doch keine Sau mehr Respekt!

Warum wird sich von Richthofen erst so spät den Grauen des Krieges bewusst? Nämlich, als die Krankenschwester ihn in die Lazarette führt. Ist das überhaupt historisch korrekt?

Schweighöfer: Das ist geschichtlich so hinterlegt. Die Piloten haben wirklich in der Luft die Leute abgeschossen und sich hinterher unten getroffen und über ihre Motoren gequatscht. Dadurch, dass nur Adelige fliegen durften, war das Ganze so elitär. Die Fliegerei an sich wurde erst zehn Jahre zuvor erfunden, das heißt, für alle anderen war das der Wahnsinn, der Traum vom Fliegen. Als Pilot hatte man einen ganz anderen Status als heute.

Kamen nach dem «Roten Baron» schon Angebote aus dem Ausland?

Schweighöfer: Ich habe gerade zwei amerikanische Filme gedreht, deswegen bin ich relativ entspannt. Aber ich glaube nicht, dass da so viele Angebote kommen werden. Mich gibt es da doch in hundertfacher Ausführung. Blaue Augen, blonde Haare, nur dass die keinen deutschen Akzent haben.

Also steht Ihnen keine internationale Karriere wie etwa Alexandra Maria Lara bevor?

Schweighöfer: Die Alex hat ein anderes Potenzial. Sie ist eine Frau und sie ist sehr süß, zum Beispiel in «Control», da war sie super. Wer es auch gut im Ausland hinbekommt ist Daniel [Anm. d. Red. Brühl]. Bei mir ist das schwieriger, deshalb habe ich aber auch mit meiner Firma vor, Sachen auf Englisch zu produzieren und kann das dann rüber schicken nach England. Ich brauche also nicht zu warten, dass Hollywood kommt und sagt, «Du bist hier Nummer 25 in der Reihe». Um dann sagen zu müssen, «Im neuen Brad Pitt-Film spiele ich den Hemdhalter». [lacht]

Im «Roten Baron» wie in «Keinohrhasen» stehen Sie neben Til Schweiger vor der Kamera. Ist das Verhältnis freundschaftlich oder sind Sie bloß Kollegen?

Schweighöfer: Til und ich sind gut befreundet.

Haben Sie eigentlich immer noch das Autogramm, das Sie mit 16 von ihm bekommen haben?

Schweighöfer: Ja, das liegt noch im Keller. Danach habe ich ihn damals persönlich gefragt. Wir bereiten gerade übrigens «Keinohrhasen 2» vor. Und dann mache ich dieses Jahr meinen ersten eigenen Film, da spielt Til auch mit.

Sind Sie bei Ihrem ersten Film nur Regisseur oder auch Schauspieler?

Schweighöfer: Regisseur. Vielleicht spiele ich auch, ich weiß noch nicht genau. Das Buch habe ich gerade mit Anika Decker zusammen geschrieben, die hat auch «Keinohrhasen» gemacht. Das wird lustig. Wir machen einen richtigen Antikriegsfilm. [lacht]

Worum geht es darin?

Schweighöfer: Ich wollte immer mal einen Musicalfilm machen. Es wird ein Film über zwei Brüder, die ihre Eltern verloren haben und sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Der eine ist Musicalregisseur und will ein Arthouse-Musical machen und sein Bruder schafft es, eine dieser Rollen zu tanzen.

Wo wir gerade bei der Familie sind - Als Sie das erste Mal auf einer Bühne standen war Ihre Mutter [Anm. d. Red. Gitta Schweighöfer spielt ebenfalls im «Roten Baron»] dabei. Wie ist es, heute neben ihr zu spielen?

'Ich bin so stolz auf meine kleene Mutti!'
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Schweighöfer: Sehr lustig. Meine Mutter hat im Osten Theater gespielt, da war die englische Erziehung nicht so vorangeschritten. Schon lustig, wenn die eigene Mutter einem am Set entgegen kommt und sagt, «Pass mal auf, hör' Dir mal den Satz an: ‚Sis is a problem sat we can’t speak about now’». Und ich dann sage, «Mama, hast du gerade gesagt, 'Sis is a problem?'». Ich habe ihr dann geraten, sich noch mal ein bisschen Zeit mit dem Englisch-Coach zu nehmen. Meine Mutter hat dann richtig Englisch trainiert, wie ein Berserker. Im Englischen klingt der Film ja ganz toll und meine Mutter hat auch tatsächlich das «th» hingekriegt. Ich bin so stolz auf meine kleene Mutti! In meinem neuen Film habe ich ihr auch eine Rolle geschrieben.

Wie fühlt sich das an, in einer Schauspielerfamilie groß zu werden?

Schweighöfer: Einsam, aber auch lustig. Die Eltern sind ständig im Theater. Meine Mutter war immer ab 18:00 Uhr nicht mehr zu Hause. Trotzdem war es auch sehr interessant. Kantinenleben ist toll, auch für ein Kind. Wenn man mit seinen Schulkameraden in die Vorführung geht und die Eltern stehen auf der Bühne. Das ist großartig.

Können Sie sich selbst eigentlich gut auf der Leinwand sehen?

Schweighöfer: Nein, ich schaue mir meine Filme höchstens ein- oder zweimal an, danach reichts. Ich muss mich nicht dauernd auf der Leinwand sehen, reicht schon morgens früh im Spiegel. [lacht]

Finden Sie es als Schauspieler auch noch seltsam, Ihre eigene Stimme zu hören?

Schweighöfer: Also, wenn ich mich jetzt so reden höre finde ich, dass ich eine tolle Stimme habe. [lacht] Wenn ich aber Hörbücher vorlese, kann ich mir die grundsätzlich nicht anhören. [Verstellt die Stimme] «Nick Hornby, Slam. Damals... [haucht theatralisch] war ich noch jünger...» Das ist absurd, wenn man sich so laut hört. Wer hört schon gerne seine Stimme? Die meisten Leute sind immer ganz erschrocken: «Klingt meine Stimme wirklich so? Ach du Scheiße!»

Zum Schluss noch mal was ganz anderes: Wieso fragen die Leute Sie immer wieder, ob Sie auf Männer stehen?

Schweighöfer: Keine Ahnung, warum die ständig wissen wollen, ob ich schwul bin. Wahrscheinlich, weil ich fürs «Front»-Magazin Fotos gemacht habe. Da denken die Leute dann natürlich sofort, «Klar, der ist schwul!». Aber ich hab' ja auch 'ne Freundin und wir wollen heiraten. Ist also alles spitze bei uns. [Denkt nach und lacht] So ein Quatsch... Ja, ich bin schwul und ich adoptiere jetzt auch Kinder!

Mit Matthias Schweighöfer sprach Julia Wilczok.

«Der Rote Baron» - Trailer:

 
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