Esther Schweins & Valerie Koch: 

netzeitung.de«Ich wäre gerne Lara Croft»

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Esther Schweins und Valerie Koch (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Esther Schweins und Valerie Koch
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

In dem Film «Die Anruferin» verbindet Valerie Koch und Esther Schweins eine ungewöhnliche Freundschaft. Netzeitung.de sprach mit den beiden über Telefonstreiche, Selbstfluchten und die Sucht nach Schuhen.

Als Irm Krischka führt Valerie Koch in Felix Randaus Drama «Die Anruferin» ein geheimes Doppelleben. Sobald Irm von ihrer Arbeit im Waschsalon nach Hause kommt, spielt sie wildfremden Menschen am Telefon einen bitterbösen Streich. Mit verstellter Kinderstimme verwickelt sie ihre Opfer in Gespräche und gaukelt ihnen das schwere Schicksal eines krebskranken Kindes vor, um das erfundene Kind dann vor dem ersten Treffen sterben zu lassen. Über einen dieser Anrufe lernt sie auch Sina Braunsdorf (Esther Schweins) kennen und es entsteht eine außergewöhnliche Frauenfreundschaft.

Können Sie sich an Ihren letzten Telefonstreich erinnern?

Esther Schweins: Ich habe nie Telefonstreiche gemacht. Da war immer das vorauseilende schlechte Gewissen. Ich war einfach nie perfide.

Valerie Koch: Ich habe während des Drehens hin und wieder Leute angerufen, um zu üben. Das war wirklich lustig. Ich habe das nur wenige Male gemacht, aber die Leute sind immer darauf angesprungen. Nur bei einer Frau habe ich gemerkt, dass sie es mir überhaupt nicht abnimmt. Da war ich aber auch nicht so in Stimmung. Irm kommt von der Arbeit nach Hause, zieht sich um und fängt dann sofort mit den Telefonaten an. Daran merkt man, dass sie unter einer Sucht leidet. Sie kann nicht anders als so zu handeln. Als Kind habe ich begeistert Telefonstreiche gemacht. Meine beste Freundin und ich haben immer Kassetten aufgenommen. «Gerda und Trude im Kaufhaus» hieß die Reihe. Wenn das langweilig geworden ist, sind wir raus in die Telefonzelle und haben in einem Luxushotel Zimmer reserviert. Das war ein Riesenspaß.

Telefonieren Sie oft?

Koch: Nein, ich hasse es zu telefonieren. Wenn ich nach Hause komme, renne ich nicht gleich zum Telefon. Ich versuche jedem Telefonat aus dem Weg zu gehen, indem ich mich lieber persönlich mit den Leuten treffe oder eine SMS schreibe.

Irm führt ein sehr einsames Leben. Können Sie persönlich gut allein sein?

Koch: Ja, ich bin sehr gern allein. Ich möchte die Menschen, die mir am Herzen liegen, natürlich nicht missen, aber mir wird tatsächlich nicht langweilig mit mir allein.

Wie haben Sie sich, abgesehen von den Telefonstreichen, noch auf die Rolle der Irm vorbereitet?

Koch: Eigentlich so, wie ich das immer mache: Ich pirsche mich an eine Person heran und überlege, wie das Umfeld auf sie reagiert. Es ist ja sehr klar, warum Irm so handelt, wie sie es tut. Ich hoffe, dass man nicht nur die schroffe unsympathische Seite an ihr sieht, sondern auch das Komische. Irm muss nicht nur ihr eigenes Leben komplett allein meistern, sondern sich auch noch um ihre kranke Mutter kümmern. Mit ihren Telefonanrufen quält Irm endlich auch mal andere und das auch noch auf eine Art, die Spaß macht. Irms Mutter hat ihre Tochter nie geliebt, und stets die Schwester vorgezogen. Als die Schwester dann auch noch als Kind gestorben ist, wurde diese noch mehr ikonisiert. Irm hat alles für die Mutter gemacht, doch die Mutter hat angefangen zu saufen und das ist ja auch der Grund, warum Irm telefoniert. Sie ist co-abhängig. Sie hat selbst eine Sucht ausbilden müssen, um diese Scheiß-Sucht der Mutter überbrücken zu können. Es war mir wichtig, dass man auf der einen Seite die Rache von Irm nachvollziehen kann und andererseits erkennt, dass man Liebe zur Mutter nicht einfach abstreifen kann. Eine Mutter kann sich verhalten, wie das letzte Arschloch und trotzdem wird man sie immer lieben. Das ist die Natur.

Haben sie sich auch mit Kindern getroffen, um diese eigenartige Kinderstimme zu entwickeln?

Koch: Ja, ich habe den Erzählungen von Kindern zugehört, um zu verstehen, warum ein Kind gerne die Pointe vermasselt. Das Kind will immer alles als Erstes erzählen. Kinder stottern ja auch so gern. Das liegt daran, dass das Hirn viel schneller ist, als die Sprache. Es war mir sehr wichtig, dass der Gestus stimmt. Denn die Stimme allein ist ja rein physisch.

Frau Schweins, was hat Sie an der Rolle der Sina fasziniert?

Schweins: Sina wirkt am Anfang ganz stark und aufgeräumt. Eigentlich ist sie aber der schwächere Charakter. Sie ist eine Frau, die in der Normalität, also in der Anpassung, funktioniert, aber sobald sie den festgesteckten engen Rahmen verlassen muss, funktioniert sie nicht mehr. Nachdem Sie von dem Tod ihres Mannes erfahren hat, geht Sina wie auf Glas, also auf ganz unsicheren Füßen und trifft dann auf eine Frau, aus der sie ganz große Kraft schöpfen kann, weil Irm eine schroffe Bodenständigkeit besitzt. Irm besitzt die Alltagstauglichkeit, die Sina nicht hat. Sina kommt mit dem kaputten Boiler zu Hause nicht klar, hat aber kein Problem damit, eine leitende Position in der Bibliothek anzunehmen.

Sind Sie mit dem kaputten Boiler zu Hause auch überfordert?

Schweins: Ich gehe unangenehmen Dingen gern aus dem Weg und versuche solche Dinge dann im Zweifelsfall selbst zu reparieren oder wenn mir das Leben hold ist, ist zufällig jemand da, der mir hilft.

Wie wichtig sind Ihnen Freundschaften?

Schweins: Extrem wichtig. Das ist eine der Säulen, auf der mein Leben steht. Ich habe nicht eine beste Freundin, sondern viele wichtige Freundinnen und große Frauenfreundschaften.

Irm schlüpft in die Rolle eines Kindes. Welche Rolle würden Sie gern einmal spielen?

Koch: Also am Theater finde ich die Lulu ganz toll und ich mag alle Ibsen-Frauen. Im Film würde ich auch gern mal so ne' Action-Kacke spielen. Ich wäre gerne Lara Croft aber die spielt ja schon die tolle Angelina Jolie.

Schweins: Ich würde gern Hildegard von Bingen spielen. Sie war eine Geistliche, eine Visionärin und Heilerin. Ich finde die Rolle wirklich interessant.

Während Sie das gesagt haben, haben Sie den Kreuzanhänger an ihrer Kette in die Hand genommen. Sind Sie religiös?

Schweins: Ja, im Wortsinne, also «religio»- rückverbunden, bin ich das. Ich bin sehr verbunden und sehr gehalten. Ich lese auch viel in der Bibel. Ich bin Protestantin und habe die ganzen Rituale der katholischen Kirche erst spät kennen- und achten gelernt. Ich habe das Mysterium und die Kraft die dem Ritual innewohnt schätzen gelernt. Wenn ich früher gesagt habe, dass ich auch im Bus oder im Auto beten kann, dann kann ich glaube ich heute behaupten, dass ich noch nicht mal beten muss, um zu beten und ich muss nicht in die Kirche gehen, weil jeder Tag, der sich entfaltet, ein Gottesdienst ist.

Hat sich Ihre Einstellung zu Religion und Werten durch Ihr Muttersein verändert?

Schweins: Nein, aber das sehe ich bei Freunden. Also eine Verankerung im Glauben erscheint plötzlich wichtig, weil man überlegt, was man seinem Kind mit auf den Weg geben will. Ich habe mich mit diesen Fragen schon vorher auseinander gesetzt. Sonst hätte ich wohl auch gar kein Kind bekommen.

Wie lässt sich das Leben mit Kind und Arbeit vereinbaren?

Schweins: Ich bin in einer privilegierten Situation. Meine Tochter kann ständig bei mir sein. Eine gute Freundin von mir, die selbst einen erwachsenen Sohn hat, passt jetzt auf meine Tochter auf, während ich arbeite. Es ist eine so liebevolle Person und meine Tochter liebt sie heiß und innig und so gesehen habe ich da einen großen Luxus. Ich kann mir keinen anderen Beruf vorstellen, bei dem sich das so gut zu vereinbaren lässt.

«Die Anruferin» hat das Prädikat «besonders wertvoll» erhalten. Was an dem Film empfinden Sie als besonders wertvoll?

Schweins: Valerie Koch. Sie ist eine Schauspielerin, die lichterloh für das brennt, was sie macht. Sie ist immer voll da und macht nie zu wenig, gibt aber gleichzeitig nicht zu viel Preis. Die Rolle Irm hätte einen mit einer anderen Spielweise in so beklemmende Untiefen ziehen können.

Felix Randau sagt, dass «Die Anruferin» uns auch an unsere eigenen tagtäglichen Selbstfluchten erinnern will. Wie sehen diese bei Ihnen aus?

Koch: Wahrscheinlich ist schon das erste Glas Wein immer der Weg in eine Flucht und ich meine vor allem der Beruf des Schauspielers ist eine Flucht. Man kann sich sehr schnell von sich entfernen und das ist auch angenehm. Wenn ich in einer anderen Rolle drin bin, denke ich wirklich den ganzen Tag nicht mehr an mich. Der komplette Alltag bricht weg. Zuhause sammeln sich die Knöllchen und Rechnungen und es ist eine praktische Ausrede sich einzureden, dass man ja eigentlich gar nicht da ist.

Ist es Ihnen schwer gefallen, aus der Rolle heraus zu treten?

Koch: Ja, also bei Irm war es so, dass ich mir immer wieder Schuhe kaufen musste. Ich habe in einer kleinen Wohnung an der Ehrenstraße gewohnt. Das ist die In-Street von Köln und es gibt fantastische Schuhläden. Manchmal war es bei Irm schon auch so, dass ich dachte, «Boah Alte, jetzt ist es aber auch gut».

Wieviele Paar Schuhe mehr hatten Sie nach dem Film?

Koch: In etwa sieben Paar glaube ich. Da war aber auch gerade Sale. Ich habe mir Prada-Stiefel gekauft. Eigentlich sollten sie 650 Euro kosten und ich habe nur für 150 Euro gezahlt. Yes!

Schuhkauf, eine Sucht?

Koch: Ja, da muss ich schon sehr aufpassen.

Sie sind bereits seit sieben Jahren Schauspielerin und haben jetzt den Nachwuchspreis bekommen. Wie empfinden Sie es, als «upcoming talent» behandelt zu werden?

Koch: Ich habe richtig viel Lob bekommen und ich habe einen tollen Preis erhalten und auch Geld. Also, es ist mir vollkommen Wurst, unter welchem Label mir das in die Hand gedrückt wird. Ich hätte auch nichts dagegen in zehn Jahren noch mal einen Nachwuchspreis zu bekommen.

Mit Valerie Koch und Esther Schweins sprach Ricarda Landgrebe.