Einblicke ins «echte» Mode-Business:
«Heidi Klums Show ist völlig unnötig»
27.02.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Netzeitung: Am Donnerstag startet die dritte Staffel von «Germany's Next Topmodel». Was halten Sie von der Show?
Melanie Constein: Ich stehe der Show kritisch gegenüber. Dennoch sind die Situationen, in die die Mädchen gebracht werden, also extreme Situationen wie Leistungsdruck bei Fotoshootings, durchaus realistisch. Ein Model muss hart arbeiten und braucht eine Menge Disziplin. Viele Mädchen haben sicher eine völlig falsche Vorstellung von dem Beruf. Es ist durchaus anstrengend eine Position, einen Ausdruck oder eine bestimmte Spannung über Stunden zu halten. Wenn es gut läuft, macht ein Model viele Jobs, fällt dann aber am Abend auch todmüde ins Bett. Diese Welt ist nicht so glamourös, wie viele denken. Champagnertrinken und wilde Partys feiern, das sind schlechte und völlig falsche Klischees. Ich halte die Modelshow von Heidi Klum für völlig unnötig, da ein gutes Model diesen Showhintergrund absolut nicht braucht.
Netzeitung: Hätten Sie die beiden Siegerinnen der letzten Staffeln gescoutet? Wie bewerten Sie die Karrieren von Lena Gerke und Barbara Meier?
Netzeitung: Ist der Begriff «Topmodel» also falsch und überheblich?
Constein: Ich finde schon, weil es es heute einfach nicht mehr diese klassischen Topmodels gibt. Natürlich gibt es immer noch die Möglichkeit, eine tolle Karriere zu machen. Aber das klassische Supermodel gibt es einfach nicht mehr. Heute ist es vielmehr so, dass mit «weißen Leinwänden» gearbeitet wird. Das heißt, dass der Kunde keine Assoziation mit «Germany's Next Topmodel» will, sondern eine Assoziation mit seinem Produkt. Die Ikonen, die wir heute noch haben, wie Claudia Schiffer oder Nadja Auermann, gibt es schon so lang und wird es auch immer geben aber es sind nie wirklich neue Supermodels nachgerückt.
Netzeitung: Wer ist für Sie denn das derzeit angesagteste Model?
Constein: Es gibt viele, die ganz toll sind, aber was ich besonders spannend finde, ist, dass auch kurzhaarige Models eine wahnsinnige Karriere machen.
Netzeitung: Sie spielen auf Agyness Deyn an?
Constein: Ja, genau oder auch MariaCarla Boscono. Das sind einfach Typen. Ich meine, es gibt wahnsinnig viele Models, die einfach sehr sehr schön sind und dann gibt es aber auch die Models, die herausstechen und das sind auch diejenigen, die in den Köpfen hängen bleiben. Ich persönlich mag auch Freja Beha unheimlich gern. Sie ist vielleicht keine klassische Beauty, aber sie hat einen wahnsinnig tollen Ausdruck. Auch sie hat jetzt kurze Haare. Das kann sie unter Umständen weiter bringen, weil es ein Unterscheidungsmerkmal ist.
Netzeitung: Ihre Prognose: Wie sieht das Model von morgen aus?
Constein: Zunächst einmal ist die Nachfrage immer kundenabhängig. Aber es gibt schon bestimmte Typen, die gefragt sind. Hedi Slimane hat in der Mode sehr viel verändert und somit auch die Models. Mit ihm und Dior wurden die Models wahnsinnig schmal und androgyn. Das sind sie auch jetzt noch und ich denke dieser Trend wird auch noch eine Weile anhalten. Und ich habe das Gefühl, dass Kurzhaarfrisuren immer mehr im Kommen sind.
Netzeitung: Wie platziert man üblicherweise «New Faces»?
Constein: Zu Beginn machen wir Test-Shootings für das Buch des Models. In dem Buch sollte ein Model möglichst viele Seite von sich zeigen. Denn je besser, also vielseitiger, das Buch ist, desto mehr Chancen hat das Model gebucht zu werden. Die erste Zeit verlangt also von den Models und von uns einiges an Investment. Wir nehmen nur Models auf, an die wir auch absolut glauben. Kompromisse gibt es nicht. Auf der Copenhagen Fashion Week konnte ich wahnsinnig viele Frauen mit richtig kurzen Haaren entdecken. Das war sehr spannend, weil man auch mit kurzen Haaren schön und feminin aussehen kann.
Netzeitung: Was passiert mit einem Mädchen, das gecastet wurde und nun frisch bei Ihnen unter Vertrag ist? Läuft es ähnlich ab, wie in der Show: Schicken Sie sie zum Friseur, machen Sie mit dem Model eine Beauty- und Style-Beratung? Üben Sie das richtige Auftreten ein?
Constein: Wir begleiten die Models natürlich so gut es geht. Wenn wir also denken, dass ein Haarschnitt nicht vorteilhaft ist, dann sagen wir das. Was beispielsweise sehr schwierig ist, sind gefärbte Strähnchen. Es ist nämlich so, dass Natürlichkeit und Klassik gefragt sind. Was bei männlichen Models gar nicht geht, sind etwa gezupfte Augenbrauen. Klar achten wir auch darauf, dass unsere Models gepflegt, pünktlich und vor allem ungeschminkt beim Kunden erscheinen. Der Visagist würde eine Krise bekommen, wenn er erst noch Schichten von Make-up entfernen müsste. Dafür ist gar keine Zeit. Das alles sind Dinge, auf die wir unsere Models gut vorbereiten. Wenn notwendig, und das kommt hin und wieder vor, nehmen wir Models auch an die Hand und sagen ihnen, dass die Arroganz, die sie an den Tag legen, absolut daneben ist.
Netzeitung: Wie ist das Verhältnis zwischen den Models und euch?
Constein: Wir versuchen ein gutes Verhältnis und vor allem Vertrauen aufzubauen. Denn wir sind mehr als nur Vermittler zwischen Kunden und Models. Ich halte eine Bindung und Vertrauen zwischen Models und uns für sehr wichtig, weil das Business schon oberflächlich genug ist. Die meisten Models sind einfach auch extrem jung. Ich denke, dass wir gerade deshalb eine enorme Verantwortung haben.
Netzeitung: Was war die erstaunlichte Karriere, die sie in der Agentur mitverfolgt haben?
Constein: Ein gutes Beispiel ist Julian. Wir haben ihn im letzten Sommer entdeckt und er ist schon eine Woche nachdem wir ihn entdeckt haben nach Paris geflogen. Er ist bereits für Dior und Yves Saint Laurent gelaufen und jetzt hat er die Prada-Kampagne gemacht. Das ist wahnsinnig schön mitzuerleben. Julian wird seinen Weg gehen. Denn er sieht nicht nur gut aus, sondern er ist auch noch sehr diszipliniert.
Netzeitung: Glauben Sie, dass es die Mädchen von «Germany's Next Topmodel» einfacher haben als «New Faces», die den normalen Karriereweg bestreiten?
Constein: Nein, das denke ich nicht. Soweit ich es verfolgen konnte, haben die Siegerinnen der Show in Deutschland keine wirklich relevanten Kampagnen gemacht. Wenn man sie irgendwo sieht, denkt man sofort an die Show. Ich könnte mir vorstellen, dass sie im Ausland mehr machen können, da sie dort nicht sofort diesen Stempel aufgedrückt bekommen.
Netzeitung: Wie erklären Sie sich den Erfolg von «Germany's Next Topmodel»?
Constein: Ich denke, dass Castingshows derzeit einfach ein sehr gefragtes Format sind. Im Grunde ist Heidi Klums Show nichts anderes als «Deutschland sucht den Superstar». Es geht nur um Entertainment. Der Zuschauer hat seinen Favoriten, mit dem er mitfiebert. Aber ich meine, was wird aus den Leuten? Sie sind da und sie werden kurz gefeiert, aber von Superstars ist da nicht zu sprechen.
Das Gespräch führte Ricarda Landgrebe

