10. Feb 2008 10:10
Dank «There Will Be Blood» ist Schauspieler Daniel Day-Lewis Favorit für einen Goldenen Bären.
sprach mit ihm über Wühlen im Dreck, die Liebe zum Landleben und Katzengold.
«Mein wunderbarer Waschsalon» stand am Beginn seiner Karriere. Mit «Mein linker Fuß» holte Daniel Day Lewis, 51, dann den Oscar. Der Sohn des Dichters Cecil Day-Lewis und der Schauspielerin Jill überzeugt seitdem in nahezu jedem seiner Filme. Ob in «Der letzte Mohikaner» (1992), «Zeit der Unschuld», «Im Namen des Vaters» oder «Die Gangs von New York». Nun gibt er den Öl-Baron im Epos «There Will Be Blood» von Paul Thomas Anderson. «There will be gold» könnte es nach dieser fulminanten schauspielerischen Leistung auf der Berlinale und bei den Oscars heißen.Mit dem irischen Schauspieler unterhielt sich Netzeitungs- Mitarbeiter Dieter Oßwald.
Netzeitung: Wie aktuell ist der gierige Öl-Baron in «There Will Be Blood»?
Daniel Day-Lewis: Zum Glück gehören solche Interpretationen nicht zu meinem Job. Klar könnte man Theorien dazu entwickeln, aber unser Ansatz war sehr viel persönlicher und bescheidener. Natürlich sind wir nicht dumm und wissen, wie die Welt um uns aussieht. Aber wenn man bei einem Thema allzu bewusst eine Parabel konstruieren will, fällt jeder Film schnell in sich zusammen. Netzeitung: Sehen Sie sich selber gerne auf der Leinwand?
Day-Lewis: Eigentlich nicht. Es macht mir Spaß, wenn ich, wie in diesem Fall, im Schneideraum sitzen darf und dem Regisseur bei der Entstehung des Filmes zusehen. Wir sehen uns da gemeinsam an, welche Szenen gut sind und welche nicht funktionieren. Der fertige Film reizt mich dagegen nicht mehr besonders. Mir genügt, wenn ich ihn einmal sehe, um die Zuschauerreaktionen zu erleben.
Netzeitung: Woher holen Sie diese enorme Energie, die Sie auf der Leinwand zelebrieren?
Day-Lewis: Ich weiß nicht so genau, was ich darauf antworten soll. Für mich wirkt es immer so, als ob ein ganz anderer diese Arbeit gemacht hat. Wenn ich die Rolle spiele, habe ich keine Objektivität. Schauspielern ist wie das Stochern im Nebel. Man sucht einfach so lange, bis man glaubt, das richtige gefunden zu haben. Solch ein glänzendes Fundstück kann sich natürlich auch als Katzengold entpuppen – das weiß man erst, wenn sich der Film entwickelt. Netzeitung: Gibt es keine Methode?
Day-Lewis: Man hat ein Gespür, vertraut seinem Instinkt. Es wird immer so viel über Vorbereitung auf eine Rolle geredet – das klingt fast, als wäre Schauspielerei eine Wissenschaft. Aber das ist es nicht. Es ist ein sehr archaischer, schmutziger Prozess, der einen an Orte führt, die einen selbst überraschen. Bisweilen ist das frustierend. Aber meist ist es eine großartige Art, seine Neugier zu befriedigen.
Netzeitung: Wie aufzehrend empfinden Sie diese Arbeit?
Day-Lewis: Der glücklichste Moment von jedem kreativem Schaffen ist, dass man sich völlig fallen lassen und sein Selbst verlieren kann. Man führt das Leben einer anderen Person. Die Zeit ist gleichsam aufgehoben – das ist ein überwältigendes Gefühl. Und irgendwann wacht man auf, und fühlt sich plötzlich sehr viel älter (lacht).
Netzeitung: Kann es nicht schwierig werden, diese anderen Personen später wieder loszuwerden?
Day-Lewis: Das wird oft übertrieben. Was an Gerüchte dazu über mich gesagt wird, ist schon haarsträubend. Wenn man sich von einer Rolle besessen fühlt, geschieht das ja immer nur mit der eigenen Einwilligung. Den Spuk im Haus hat man selbst gewollt.
Netzeitung: Was tun Sie, wenn Sie nicht arbeiten? Es heißt, sie leben sehr zurückgezogen auf dem Land?
Day-Lewis: Zurückgezogen ist relativ. Aus der Sicht der anderen mag das so sein, aus meiner Sicht ist es ganz und gar nicht so. Ich habe mein ganz normales Leben, nur weil ich drei Kilometer vom nächsten Dorf entfernt lebe, bin ich doch kein Eremit. Ich mag es nur ruhig haben, das ist alles. Die Ruhe ist für mich immer eine gute Erholung von der Arbeit.
Netzeitung: Machen Sie deshalb so lange Pausen zwischen Ihren Filmen?
Day-Lewis: Jeder Schauspieler hat seinen Weg. Einige Kollegen machen sehr viele Filme, ich mache weniger – denn anders könnte ich nicht so arbeiten, wie ich es gerne möchte. Jeder muss den Rhytmus finden, der ihm persönlich am besten liegt. Für mich ist Appetit ein wichtiger Ratgeber. Ich esse nur dann, wenn ich hungrig bin – und das gilt ebenso für meine Arbeit.
Netzeitung: Wie wichtig ist Erfolg noch für Sie? Wie stolz ist man auf die Oscar-Nominierung?
Day-Lewis: Natürlich wäre ich völlig begeistert, wenn ich einen Oscar bekäme. Es ist auch schon eine schöne Sache, in einer Gruppe von Kollegen dabei sein, die man sehr achtet. In diesem Jahr gibt es bei den Oscar-Nominierungen großartige Filme mit außergewöhnlichen Schauspielleistungen. Und längst nicht alle sind berücksichtigt worden.
Netzeitung: Wie geht der sensible Künstler Day-Lewis mit seiner Rolle als Filmstar um?
Day-Lewis: Ich muss diese Rolle nicht sehr oft spielen. Und wenn es sein muss, bin ich nicht besonders gut dabei. Ich fühle mich immer unbeholfen wenn ich öffentlich auftrete, das ist als ob meine Beine nicht mehr richtig funktionierten – vielleicht liegt es daran, dass ich solche Auftritte einfach nicht oft genug mache.