netzeitung.de«Es geht wirklich um Rache»

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Lupe «Es geht wirklich um Rache»

Vielen gilt er als Proll von Hollywood. Mit «Die Schwerter des Königs» hat Regisseur Uwe Boll einen Mantel- und Degen-Film der neuen Schule gedreht. Sophie Albers sprach mit ihm über Boxen, Eva Herman und die Zukunft des Films.

Er hat einen Doktor in Literatur, dreht Filme mit Millionenbudget und haut seinen Kritikern gerne eine rein, wenn sie ihre Verrisse schlecht begründen. Uwe Boll ist ein umstrittener Regisseur, der sich immer wieder anhören muss, dass er den falschen Beruf habe. Aber er hält durch, und das als Deutscher in Hollywood.

Für seine Videospiel-Verfilmungen «House of the Dead», «Alone in the Dark» und «Bloodrayne» oder auch den Anarcho-Streifen «Postal» hat er fast ausschließlich Schelte kassiert. Nun ist sein ganz klassischer Abenteuer-Fantasie-Film «Die Schwerter des Königs» angelaufen, mit «Transporter»-Star Jason Statham in der Hauptrolle und Burt Reynolds als alterndem König.

Bei aller Kritik kann man Boll eines nicht vorwerfen: dass er einen Rückzieher macht.

Netzeitung.de: Wie fühlt es sich an, einem Filmkritiker eine runterzuhauen?

Uwe Boll: Ach gut! Das hat Spaß gemacht. Die Frage ist aber, ob das wirklich Filmkritiker waren oder eher Internetgeeks, die ihre Website promoten wollten. Die Boxkämpfe sollten ja kein Statement gegen Kritiker sein. Ich wollte ein Statement abgeben gegen die Kritik, die weit übers Ziel hinausschießt.

Netzeitung.de: Sie haben also nichts dagegen, wenn man Ihre Filme kritisiert.

Boll: Nö. Es hatte damit zu tun, wenn jemand überhaupt nichts mehr über den Film schreibt, sondern nur noch über mich. Das Phänomen erlebe ich seit ein, zwei Jahren, dass man sich bei manchen Artikeln fragt, um welchen Film es überhaupt geht. Die sind so damit beschäftigt, über mich als den Trashmeister, Idioten und Ed Wood zu schreiben, dass ich mich frage, ob die eigentlich gemerkt haben, dass es ganz verschiedene Filme sind, die ich gedreht habe, ganz verschiedene Genres, und dass Videospielverfilmungen nicht automatisch Horror bedeuten. Alles Fragestellungen, die vollkommen verschütt gegangen sind.

Wenn man sich die Artikel von denen, die ich herausgefordert habe, noch mal vor Augen führt, dann kann man auch kein Mitleid haben. Das war dann ja die größte Absurdität, dass es hinterher hieß, ich hätte versprochen nicht richtig zuzuschlagen. [lacht] So wie ich meine Einladung formuliert habe, hätte man sich einfach denken müssen, dass es wirklich um Rache geht! Warum sollte ich die denn einladen, nach Vancouver einfliegen und sie dann auch noch mit Samthandschuhen anfassen? Das wäre von meiner Seite aus total absurd gewesen, wenn jemand schreibt «Boll is'n Vollidiot, der aufhören soll, Filme zu drehen...»

Netzeitung.de: Es gibt auch Petitionen im Netz, habe ich gesehen.

Boll: Ja, Stoppt Boll.com und sowas. Da merkt man einfach, dass die ihre eigene Agenda haben und eigentlich nur ihre Websites promoten wollen.

Netzeitung.de: Empfinden Sie Ed Wood als Beleidigung?

Boll: Nee, aber es ist doch so, dass es viele aufschnappen. Die können ja nur noch Artikel schreiben, wenn sie mich Trashmeister nennen, weil das mal einer bei IMDB geschrieben hat. Ich meine Ed Wood... Wir haben alle Tim Burtons Film gesehen, und der war natürlich sehr sympathisch. Nur wenn man die Ed-Wood-Filme sieht und dann meine und dann sagt, dass habe irgendetwas miteinander zu tun, dann ignoriert man 90 Prozent des Filmschaffens auf diesem Planeten, die nämlich qualitativ zwischen mir und Ed Wood liegt. «Postal» war teuerer als «Der Untergang» und handwerklich eins A. Trotzdem wird er als Trash abgetan. Da muss man doch einfach denken: Freunde macht doch mal die Augen auf! Guckt euch an, wie die Filme technisch gemacht sind, wie sie sich anhören, wie die Kamera ist, wie die Stunts sind, wie die Spezialeffekte sind. Wenn ihr den Unterschied nicht seht, dann tut's mir leid. Aber in der Situation bin ich nun mal.

Netzeitung.de: Da ist es doch eigentlich verwunderlich, dass Sie Schauspieler wie Jason Statham, Burt Reynolds, Ben Kingsley und Kristanna Loken zusammenkriegen.

Boll: Ja, das sag ich ja auch! [aufgebracht] Warum stellt sich die Frage denn keiner? Wenn ich nach «Alone in the Dark» schon der schlimmste Regisseur war, wieso habe ich danach denn «Bloodrayne» mit Kingsley drehen können? Wieso habe ich denn alle Schauspieler für «Schwerter des Königs» zusammengekriegt?!

Netzeitung.de: Vielleicht haben Sie sie bestochen?

Boll: Nein. Für alle zusammen haben wir acht Millionen bezahlt. So, versuchen Sie mal nen Jason Statham zu buchen. Der kostet fünf, sechs Millionen. Ja, also warum denn, wenn ich so ein Idiot bin, und die Filme alle scheiße sind?!

Netzeitung.de: Was glauben Sie denn, was es ist?

Boll: Ich glaub einfach, dass sich da Leute festgelegt haben auf ein Bild von mir, und das wollen sie bestätigt haben. Wenn man Anhänger eines Fußballclubs ist - Ich bin Gladbach-Fan, ich hab also viel gelitten in den letzten Jahren. Jetzt sind wir Nummer eins in der zweiten Liga, jetzt freut man sich mal wieder - dann hat man eben die Vereinsbrille auf! Da kann einer machen, was er will, dann ist er in dieser Kategorie und Ende.

Netzeitung.de: Ihr Film «Postal» hat Ihnen wieder viel Schelte eingebracht.

Boll: Dieser rigorose, anarchistsche Humor ist einfach nicht akzeptiert. Das Hauptproblem ist, dass wir immer noch in Rassen, Religionen und Ländern denken. Wenn man sich davon mal freimachen würde, gäb es viele Probleme gar nicht mehr. Und das ist natürlich für alle ein herber Schlag. Wenn man dann im Mittleren Westen ist, wo alle diese Blble-Belt-Typen sind...

Netzeitung.de: Da haben Sie «Postal» gezeigt? Sind Sie beworfen worden?

Boll: Nee, das hat die Leute aber einfach mal schockiert. Mir war klar, dass der Film in Deutschland gar nicht so viel Staub aufwirbeln kann, weil wir schon deutlich aufgeklärter sind als die Amerikaner. Hier verteidigt keiner die Bibel und sagt, Adam und Eva waren die ersten Menschen. Aber für die Amerikaner ist das noch so ein richtiger Schlag ins Gesicht.

Netzeitung.de: Ja, und wie waren die Reaktionen?

Boll: Ich war in Tucson Arizona. Da waren Leute mit Kanone in der Vorstellung.

Netzeitung.de: Und?

Boll: Die haben mich trotzdem nicht erschossen. Nur wenn man die Leute reinkommen sieht, und die haben wirklich ne Pistole im Gürtel, denkt man sich schon «Leck mich am Arsch». In Texas hatten sie vorm Kino auch so nen Bin Laden baumeln am Galgen, und den sollte ich mit ner Eisenstange enthaupten. Da hab ich gesagt, «Das mache ich nur, wenn ihr den Bush auch aufhängt».

Netzeitung.de: Und wie haben die Leute auf den Spruch reagiert?

Boll: Da haben sie gelacht. Die Amerikaner haben ja auch Humnor, so ist es ja nicht. Aber nach dieser Tour weiß ich jetzt, dass es wichtig war, «Postal» zu machen. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass der Film in Deutschland mehr Kinos kriegt. Der Film ist nur in 40 Kinos gelaufen. Das ist schade... Ich meine, warum saß ich denn nicht mal beim Beckmann oder beim Kerner? Wenn man so einen Film macht, wo man wirklich mit dem Hammer reinhaut, wieso interessiert sich da keiner für, aber für so eine Eva Herman?! Die beherrscht dann tagelang die Boulevardpresse wegen irgend so einem lapidaren Blödsinn. Was interessiert denn eigentlich irgendjemanden Eva Herman?!

Netzeitung.de: Tageschausprecherin, Vorbildfunktion...

Boll: Ja, natürlich. Aber trotzdem: Da macht man mal so einen Film... ich meine, wir zeigen die Taliban, die sich im Cockpit streiten, wie viele Jungfrauen sie kriegen werden... Da sind doch genug kritische Ansatzpunkte drin, über die man hätte diskutieren können. Aber stattdessen heißt es dann wieder: der Trashmeister.

Netzeitung.de: Aber Sie haben doch eben gerade selbst gesagt, dass die Leute noch nicht so weit sind.

Boll: Trotzdem hätte ich mir eine Diskussion gewünscht. Mal ganz im Ernst: So was wie «Das Leben des Brian» würde heutzutage niemals finanziert werden. Niemand würde es machen. Wer kämpft denn für so was? Das ist doch der Punkt. Und wenn man dann auch noch von der Kritik allein gelassen wird, wenn man merkt, die verteidigen mich auch nicht, die machen mich zudem noch zur Schnecke, während man doch schon Probleme hat, Kinos zu kriegen, die sagen, den spielen wir nicht, weil wir nicht die Scheiben eingeschmissen kriegen wollen, da muss ich auch sagen: Wo ist denn jetzt die Arbeit der Filmkritik?

Netzeitung.de: Aber auf Youtube haben Sie eine große Fangemeinde.

Boll: Ja gut, aber das ist ja kein Film für eine Million Dollar. Den kann ich doch nicht auf Youtube stellen.

Netzeitung.de: Herr Boll, glauben Sie, dass sich der Film ans Videospiel annähert oder anders herum?

Boll: Meinen Sie jetzt generell oder bei «Schwerter des Königs»?

Netzeitung.de: Sie verfilmen schon länger Videospiele, das bedeutet eine neue Ästhetik, die Arbeit mit den Schauspielern ändert sich...

Boll: Also bei «House of the Dead» habe ich mich ganz stark am Spiel orientiert, das hat eine Ego-Shooter-Perspektive, ich habe Animation mit Realfilm gemixt. Das ist bei «Schwerter des Königs» überhaupt nicht der Fall, deshalb haben wir auch den Titel geändert, denn ich finde, der Film ist so viel größer als das Game. Ich will den Film gar nicht als Videospielverfilmung in dem Sinne verkaufen. Deshalb steht da auch nur noch ganz klein «Dungeon Siege Tale» drunter. Das Game hat einen Top View, da sieht man gar nicht die Personen, sondern nur Pünktchen, die rumlaufen. Das fand ich nicht mehr angemessen. Aber zum Beispiel ein Film wie «Far Cry» mit dem Til Schweiger, da ist das Game super, ein Riesenhit, und der Film ist sehr eng am Game, weil es eine wirkliche Story hat.

Netzeitung.de: Ist das Game das neue Buch?

Boll: Die Games sind wie so kleine Bestseller. Und man kriegt aus Games - auch wenn immer alle sagen, man verfilme Comics - sehr viele Impressionen für einen Film geliefert. Zum Beispiel bei «Bloodrayne»: Wie sieht die aus, wie kämpft die, in welchem Surrounding ist sie unterwegs? Man kriegt Ideen für die Gestaltung, für Actionszenen, für das Produktionsdesign. Das ist bedeutend mehr optische Inspiration als bei einem Comic. Oft sind die Comics doch auch so simpel gezeichnet, dass ich nichts daraus entnehmen kann, außer die Hauptfigur und vielleicht eine kleine Storyline. Aber bei einem Game..., wenn man sich die Opener anguckt, die sind doch wie Filme.

Netzeitung.de: Gibt es eigentlich irgendwelche Monster, die Sie als Kind heimgesucht haben?

Boll: Eigentlich nicht. Als ich zehn war, hab ich «Rosemary's Baby» gesehen, seitdem bin ich horrorresistent.

Mit Uwe Boll sprach Sophie Albers.