«Ich fürchte keine Ideologien»
23.11.2007
Herausgeber: netzeitung.de
In dem Comic «Persepolis», dessen erster Band 2000 in Frankreich erschien, hat Satrapi, die mittlerweile in Paris lebt, ihre Erlebnisse in Form gegossen und so eine universelle wie aktuelle Geschichte über Menschen im Exil geschrieben.
Wegen des großen Erfolges wurde die Bildgeschichte verfilmt, und die energiegeladene Satrapi muss nun auf Werbetour erzählen, warum sie mit der Geschichte weniger zu tun hat, als viele meinen.
Netzeitung.de: Sowohl das Buch als auch der Film werden als Ihre persönliche Lebensgeschichte beworben. Es gibt all diese Details und Intimitäten zu sehen. Hatten Sie jemals das Gefühl «Gute Güte, was habe ich getan, ich will mein Leben zurück»?
Marjane Satrapi: Ehrlich gesagt habe ich gar keine intimen Momente reingepackt. Das denken nur alle. Ich rede nicht so viel über mich selbst, aber benutze mich selbst, um darüber zu reden, was um mich herum passiert. Die Figuren sahen in Wahrheit anders aus, waren anders. In diesem Film geht es darum, auszudrücken, wie es sich angefühlt hat. Ich habe keine Dokumentation über mein Leben gedreht. Darum geht es gar nicht. Film und Buch basieren auf meinen Erfahrungen. Ich bestreite nicht, dass es mein Leben ist, aber es ist auch eine Geschichte. Das darf man niemals vergessen.
Um Ihnen ein Beispiel zu geben: Als die Bombe im Nachbarhaus einschlägt, das Mädchen vorbei kommt und das Armband der Toten sieht, das ist tatsächlich passiert. Aber eben nicht, als ich zwölf Jahre alt war, sondern 18. Als ich in den Iran zurückkehrte und der Krieg noch nicht vorbei war. Aber aus Gründen der Erzählung war es viel besser, es früher geschehen zu lassen. Und als die Figur aus Österreich zurückkommt, ist der Krieg vorbei, damit ich nicht noch mal über den Krieg reden muss. Das wäre nicht gut für die Geschichte. Also muss ich die Geschehnisse ändern, gleichzeitig basieren sie aber auf meinen Erfahrungen. Punkt.
Egal wie persönlich deine Geschichte ist, in dem Augenblick, da du ein Drehbuch draus machst, wird es zur Fiktion, werden es Charaktere. Sie glauben doch auch nicht, dass sie in Autobiografien das tatsächlich gesprochene Wort wiederfinden.
Netzeitung.de: Ein sehr bewegender Moment ist der, wenn der Charakter in Wien andere Jugendliche trifft, die sie nach dem Krieg fragen. Hast du Leichen gesehen? Bomben? Diese Kollision der Vorstellungen. Wie geht man damit um?
Netzeitung.de: Und das haben Sie immer so rational gesehen?
Satrapi: Als ich jünger war, war ich natürlich schockiert und dachte 'Was zum Teufel reden die da? Die sind ja total verwöhnt!' Aber das ist das Gute am Älterwerden: Jetzt mit 37 denke ich nicht mehr so. Ich leide nicht mehr so. Damals schon. Als ich nach Wien kam, lebten wir in so unterschiedlichen Welten... Ein anderes Problem war, dass ich doch eigentlich einfach nur genauso sein wollte wie alle anderen auch. Aber das konnte ich eben nicht. Die ganze Situation hat es unmöglich gemacht. Also wurde ich zum Außenseiter.
Netzeitung.de: Und das war gut?
Netzeitung.de: Trotzdem wirken Sie lebensbejahend gut gelaunt.
Satrapi: Genuss ist das Fundament meines Lebens. Wir leben in so konservativen Zeiten. Gucken Sie sich mal unser Verhältnis zum Genuss an: Wenn wir über Sex reden, geht es um Aids, beim Rauchen geht es um Krebs, beim Essen um Cholesterin. Dabei kommt doch vor dem Krebs, vor Cholesterin und vor Aids der Genuss, etwas zu tun. Muss ich etwa gesund sein? Muss ich den Würmern auf dem Friedhof frisches Fleisch liefern? Das verstehe ich nicht. Ich hoffe, dass ich an dem Tag, da ich sterbe, so verrottet bin, dass sie mich nicht fressen wollen. Wenn ich verrottet bin, habe ich auch einen Grund zu sterben. Warum sollte ich sterben, wenn ich gesund bin? Wenn die Menschen ihr Leben mehr genießen würden, wären sie weniger fanatisch. Daran glaube ich.
Netzeitung.de: Ist der Iran ihre Heimat oder eher Paris?
Satrapi: Die wahre Heimat wird immer der Iran sein, denn dort bin ich geboren. Die Beziehung, die ich zu diesem Land habe, kann mir niemand nehmen. Andererseits habe ich den Iran vor langer Zeit verlassen, die Hälfte meines Lebens habe ich nicht dort verbracht. Deshalb ist es eigentlich egal, wo ich bin. So lange ich ein Zimmer mit Badewanne habe, fühle ich mich nach zwei Tagen zugehörig. Das ist meine Stadt, ich kenne die Menschen, ich fühle mich wohl. Das kann überall sein. Ich muss allerdings zugeben, dass ich mich in Japan nicht so wohl gefühlt habe, weil ich die Leute nicht verstehen konnte. Die Japaner sagen auch Ja, wenn sie Nein meinen.
Netzeitung.de: Aus Höflichkeit.
Satrapi: Ja, aber wenn ich Nein sagen will, dann sage ich Nein. Also habe ich es versucht, aber dann ging gar nichts mehr. [lacht]
Netzeitung.de: Die iranische Regierung hat «Persepolis» schon kritisiert, bevor der Film Premiere gefeiert hat. Haben Sie jemals Angriffe gefürchtet?
Netzeitung.de: Und was ist mit Fanatikern?
Satrapi: Angst lähmt. Die Chance, dass ich angegriffen werde, ist ungefähr genauso groß wie die, dass ich auf der Straße von einem Ziegel erschlagen werde. Soll ich deshalb nicht mehr spazieren gehen?
Netzeitung: Aber Sie haben Angst erlebt, sie waren Unterdrückung und Zensur ausgesetzt.
Satrapi: Und deshalb musste ich lernen, wie man damit klar kommt. Angst ist ein Instinkt, so wie Hunger oder Müdigkeit, es ist nichts, das du kontrollieren kannst. Du kannst die Angst nicht töten, aber du lernst, damit umzugehen. Das ist die Situation, was kann ich tun. Dinge passieren oder auch nicht. Ich weiß, was ich tue. Ich bin gegen niemanden, nur gegen die Dummheit, die Fanatiker dieser Welt, und von denen gibt es sehr wenige, sie machen nur sehr viel Lärm. Deshalb sollten wir keine Angst haben, denn wir sind viel mehr.
Mit Marjane Satrapi sprach Sophie Albers.

