netzeitung.de«Mir war nie aufgefallen, wie einsam ich war»

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Aus dieser Frau, deren Herz ich unter all der äußeren Aufmachung nicht entdeckt hatte, entstand Odette. (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Aus dieser Frau, deren Herz ich unter all der äußeren Aufmachung nicht entdeckt hatte, entstand Odette.
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Für «Odette Toulemonde» hat sich der Schriftsteller Éric-Emmanuel Schmitt selbst hinter die Kamera gestellt. Patrick Heidmann sprach mit ihm über Leser, den Narzissmus des Schaffenden und Watteherzen.

Éric-Emmanuel Schmitt ist promovierter Philosoph und lehrte einige Jahre lang an verschiedenen Hochschulen, doch gehörte seine wahre Liebe seit jeher dem Schreiben. Bereits in den frühen neunziger Jahren gelang ihm der Durchbruch als Theaterautor, sowohl in seiner Heimat Frankreich als auch im Ausland. Bis heute wurden seine Stücke in mehr als 35 Ländern aufgeführt.

Endgültig zu Weltruhm brachte er es mit dem 2001 veröffentlichten Roman «Monsieur Ibrahim und die Blume des Koran», der mit Omar Sharif in der Hauptrolle verfilmt wurde. Für «Odette Toulemonde» wechselte Schmitt nun erstmals die Seiten und schrieb nicht nur die Vorlage, sondern nahm auch auf dem Regiestuhl Platz.

Netzeitung: Monsieur Schmitt, waren Sie mit der Verfilmung von «Monsieur Ibrahim und die Blume des Koran» unzufrieden und sind deshalb nun selbst Regisseur geworden?

Éric-Emmanuel Schmitt. Nein. Wenn man alle meine Bücher so umgesetzt hätte wie dieses, dann hätte ich keine Veranlassung gesehen, je die Seiten zu wechseln. Aber leider wurden in Frankreich auch noch andere meiner Werke verfilmt, was bei Ihnen in Deutschland zum Glück niemand mitbekommen hat. So schlecht wie die zu sein, das würde ich auch schaffen, da war ich mir sicher.

Tatsächlich ging es mir aber nicht darum zu zeigen, wie man eine Schmitt-Geschichte gefälligst zu erzählen habe. Ich wollte diese Charaktere einfach selbst zum Leben erwecken und die Gestaltungsmöglichkeiten voll ausschöpfen. Auch mein neues Theaterstück werde ich im Januar in Paris selbst inszenieren. Das Leben ist kurz, und ich arbeite gerne mit Schauspielern, also warum sollte ich es nicht versuchen?

Netzeitung: Wann haben Sie den Entschluss gefasst, «Odette Toulemonde» zu verfilmen?

Schmitt: Tatsächlich hatte ich die Idee zu der Geschichte erstmals in Deutschland, wo mir auf einer Lesereise etwas ganz ähnliches passiert ist wie dem Schriftsteller in meinem Film. In Rostock kam eine aufgetakelte Dame auf mich zu, brachte kaum einen Ton heraus und übergab mir einen Brief. Er sah auf künstliche Weise viktorianisch aus, mit Engeln und Blumen und einem Herz aus Watte. Ich war nicht wirklich begeistert, von einer so kitschigen Leserin verehrt zu werden. Aber als ich den Brief dann später las, erstaunte mich die Intelligenz und Umsicht, die aus ihm sprachen. Aus dieser Frau also, deren Herz ich unter all der äußeren Aufmachung nicht entdeckt hatte, entstand Odette. Für diese Figur habe ich mich dann so begeistert, dass ich die Kraft hatte, den Schritt hinter die Kamera zu wagen. Ich wollte mir diese wunderbare Frau einfach nicht ohne Tanz und Musik, ohne die Bewegungen und die Farben vorstellen. Sie besaß viel zu viel Leichtigkeit für das Schwarzweiß eines Buches und verlangte geradezu nach dem Kino.

Netzeitung: Hatten Sie denn eine Ahnung davon, wie man Regie führt?

Schmitt: Ich hatte 40 Jahre Zeit, mich darauf vorzubereiten, denn so lange schaue ich mir nun schon die Filme anderer Leute an! Aber natürlich habe ich mich auch gezielt auf die Arbeit vorbereitet, nicht zuletzt mit Hilfe von Büchern oder auch befreundeten Regisseuren. Außerdem habe ich meinem Team und mir eine Vorbereitungszeit von vier Monaten gegönnt, was für einen Film sehr lange ist. Aber so hatten wir genug Zeit, Dinge auszuprobieren und zu üben. Denn wenn ich eines nicht wollte, dann einen Assistenten an meiner Seite, der mir alle technische Arbeit abnimmt. Das Gefühl, für diese Herausforderung wirklich gewappnet zu sein, hatte ich aber eigentlich erst, als der Film dann schließlich im Kasten war.

Netzeitung: Wo Sie gerade Ihre Mitarbeiter erwähnen: War das eine Umstellung für Sie? Als Schriftsteller ist man Teamarbeit ja nicht so gewöhnt.

Schmitt: Mir war vor den Dreharbeiten noch nie aufgefallen, wie einsam ich eigentlich war. Im Rückblick hatte ich beinahe Mitleid mit mir selbst. Alles in allem denke ich aber, dass man als Künstler im Leben beides braucht, das kreative Alleinsein genauso wie den Austausch mit anderen. Dauerhafte Einsamkeit ist selbst für einen Schriftsteller furchtbar. Ich hatte zum Glück immer auch einen Ausweg aus der Zurückgezogenheit, denn ich schreibe fürs Theater und komme früher oder später zwangsläufig in Kontakt mit dem Regisseur und dem Ensemble. Beim Film war das natürlich nun noch um einiges verstärkt, aber ich hatte eine Vorstellung davon, worauf ich mich einlasse.

Netzeitung: Da Sie einen Schriftsteller in den Mittelpunkt gestellt haben, liegt die Frage nahe: Ist die Geschichte auch eine Verarbeitung Ihrer eigenen Ängste, etwa vor einer Schreibblockade?

Schmitt: Ich persönlich habe überhaupt keine Angst vor einer solchen Blockade, da ich ohnehin nicht jeden Tag schreibe. Bis eine Geschichte ihre Form annimmt, dauert es bei mir Monate, wenn nicht gar Jahre. Ich beschäftige mich permanent mit ihr und habe sie rund um die Uhr im Kopf, aber schreiben tue ich eigentlich erst, wenn sie fertig ist. Wenn mich junge Menschen fragen, wie man das Schreiben am besten angeht, rate ich daher auch immer: Schreiben Sie am besten nicht! Warten Sie erst einmal, bis die Geschichte in ihren Gedanken Gestalt gewonnen hat. Die Niederschrift ist dann nur noch die allerletzte Phase eines Prozesses.

Netzeitung: Kennen Sie denn wenigstens den Narzissmus Ihres Balthazar Balsan von sich selbst, diese Gedanken an Auszeichnungen, Kritiken und Auflagenzahlen?

Schmitt: Nun, was das Leben als Künstlers manchmal so unglaublich schwierig macht, ist, dass es eigentlich eine permanente Suche nach Bestätigung ist. Man bettelt ja beinahe um Anerkennung und Lob. Leider denkt man in einem fort über sich und seine Arbeit nach, und tatsächlich nötigt einen das Künstlerdasein zu einem solchen Narzissmus. Paradoxerweise ist die eigentliche Arbeit als Schriftsteller allerdings das genaue Gegenteil, denn da lässt man das eigene Dasein hinter sich und beschäftigt sich nur mit dem Leben anderer. Der darauf folgenden egozentrischen Nabelschau könnte man jedoch nur entkommen, wenn man seine Geschichten gar nicht erst publiziert.

Netzeitung: Würden Sie denn aufhören zu schreiben, wenn eines Tages die Bestätigung ausbliebe?

Schmitt: Nein, definitiv nicht. Ich hatte mich ursprünglich ganz darauf eingestellt, überhaupt keinen Erfolg zu haben und mein ganzes Leben lang zu schreiben. Nicht umsonst war ich Akademiker und lehrte Philosophie an der Universität. Ich hatte viel Zeit zum Schreiben und weiß daher ganz genau, dass die Motivation für meine Arbeit die pure Lust daran ist. Dass mich irgendwann der Erfolg als Schriftsteller eingeholt hat, war völlig ungeplant und reiner Zufall. Aber tauschen gegen meine frühere Situation möchte ich trotzdem nicht, denn heute bin ich der glücklichste Mensch der Welt. Ich wäre eifersüchtig auf mich, wenn ich nicht ich selbst wäre!

Mit Éric-Emmanuel Schmitt sprach Patrick Heidmann.