«Intimität ist problematisch»
16.11.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Stimme schonen, heißt die Ausrede, in Wahrheit aber hat die Band am Vorabend einfach zu lange gefeiert. Also dranbleiben, und schließlich geht Sveinsson rückwärts in die Suite, und nach einem zähen Anfang fängt er dann doch ein bisschen an zu erzählen. Dabei hat Sigur Ros mit dem Tourfilm «Heima» über die große Benefiz-Konzertreihe in Island im Jahr 2006 wirklich etwas atemberaubend Schönes abgeliefert.
Netzeitung: Sie scheinen Interviews wirklich zu hassen.
Kjartan Sveinsson: Nur wenn sie witzlos sind.
Netzeitung: Wie motivierend...
Sveinsson: Manchmal können sie aber auch sehr lustig sein.
Sveinsson: Danke.
Netzeitung: Ist Sigur Ros die Umsetzung Islands in Musik?
Sveinsson: Nein.
Netzeitung: Man fragt sich schon, wo es herkommt, wenn man Ihre Musik hört.
Sveinsson: Ja, da stimme ich zu, aber ich weiß es nicht. Die Leute fragen das immer wieder.
Netzeitung: Vielleicht weil niemand sonst solche Musik macht?
Sveinsson: Aber es kommen auch Punkbands aus Island, alle möglichen Stile und Genres.
Netzeitung: Also findet sich diese unglaubliche Landschaft mit ihren Gletschern, Geysiren und Felsen nicht in Ihrer Musik wieder? Ist das nicht Inspiration?
Sveinsson: Doch, doch, sie inspiriert mich. Aber mich inspiriert vieles. Es inspiriert mich auch, in Berlin zu sein.
Netzeitung: Könnte die Musik von Sigur Ros also genausogut in Berlin oder in New York entstehen?
Sveinsson: Das Lustige ist, dass wir doch die ganze Zeit reisen. Wie soll es also nur Island sein. Es kann alles sein.
Netzeitung: Aber sie hatten doch den Drang zurück zu gehen, wie der Film zeigt.
Sveinsson: Ja, es ist meine Heimat.
Netzeitung: Haben Sie in Berlin schon mal etwas geschrieben.
Sveinsson: Nein, ich glaub nicht, leider. Ehrlich gesagt schreiben wir nicht mehr so viel auf Tour wie früher. Aber es gibt so vieles, was inspirierend ist: der Ort an dem man lebt, es kann ein Film sein, ein Buch, Familie Freunde, alles...
Netzeitung: Aber im Vergleich zu Berlin hat Island rein äußerlich einiges mehr zu bieten. Sie treten aus der Tür und sehen diese ungewöhnlichen Formen und Farben.
Sveinsson: Ja, das stimmt.
Netzeitung: War Ihnen das eigentlich bewusst, als sie dort aufgewachsen sind? Oder haben Sie sich eher über die Entfernungen geärgert oder darüber dass es dauernd geregnet hat?
Netzeitung: Platz zum Denken.
Sveinsson: Ja, du hast einen weiten Horizont.
Netzeitung: Fühlen Sie sich in der Enge von Städten unwohl?
Sveinsson: Nein, gar nicht. Ich liebe Städte, große Städte wie New York, die sind sehr inspirierend, allein wegen der Vielfalt der Menschen, all dem, was in so einer großen Stadt passiert. Das ist schön.
Netzeitung: Der Film «Heima» dreht sich zum großen Teil auch um die Menschen in Island. Nicht nur schöne Musik und schöne Landschaft.
Sveinsson: Das Publikum, ja.
Netzeitung: Und wie es auf die Musik reagiert.
Sveinsson: Das wollten wir auch zeigen. Ist doch langweilig, immer nur eine Band auf der Bühne.
Netzeitung: Muss man sich die Isländer eigentlich als sehr geschlossene Gesellschaft vorstellen?
Sveinsson: Jeder kennt jeden. Auf jeden Fall kennt jeder, den du triffst, mindestens eine Person, die du auch kennst. Ist alles schon sehr klein.
Netzeitung: Hat das auch was Gutes? Oder ist das hauptsächlich schlecht?
Sveinsson: Beides. Aber es kann auch sehr übel sein zum Beispiel fürs Dating. Weil es so klein ist, geben die Leute einander mehr Raum. Wenn du die Hauptstraße runtergehst, und du siehst jemanden, den du kennst, dann musst du nicht unbedingt grüßen. Du musst nicht alle grüßen, die du kennst, weil du sie eh den ganzen Tag sehen wirst. Andererseits ist es schwierig, wenn du jemanden kennenlernen möchtest. Du triffst eine Frau in einer Bar, und du bist dir nicht sicher, ob du sie ansprechen solltest, weil du sie nicht in Verlegenheit bringen möchtest, weil sie morgen vielleicht auch in der gleichen Bar sein wird wie du.
Es ist nicht so, dass du sie jetzt unbedingt ansprechen musst, weil du sie sonst nie wieder siehst. Und das macht es ein bisschen schwierig. Intimität ist problematisch.
Netzeitung: Und wie funktioniert das dann? Sagen Sie sich: Wenn ich sie drei Mal gesehen habe, ist sie dran?
Sveinsson: Genau! Aber ich bin seit sieben Jahren verheiratet, ich muss mir keine Sorgen mehr machen.
Netzeitung: Es gibt beeindruckend viele Vorurteile über Island: Von Menschen, die mit Trollen reden bis zu Björk, die Bäume umarmt. Haben Isländer im Umkehrschluss auch ein bestimmtes Bild von der Welt da draußen.
Sveinsson: Nein, eher nicht. Nur die üblichen Vorurteile über nationale Charaktere: In Deutschland musst du pünktlich sein, und du musst dich an die Regeln halten.
Netzeitung: Ist man in Island eher unpünktlich?
Sveinsson: Absolut! Da ist man immer eine Viertelstunde, halbe Stunde zu spät.
Netzeitung: Zu den Auftritten von Sigur Ros gehört der Effekt des Vorhangs, ein fast durchsichtiges Tuch zwischen Publikum und Band, auf das die Schatten fallen. Geht es dabei nur um die Schönhheit des Effekts oder auch um das Element der Trennung?
Netzeitung: Aber das Mysteriöse funktioniert sehr gut. Und natürlich der Effekt, wenn der Vorhang zur Seite gezogen wird. Kommt das alles natürlich?
Sveinsson: Wir planen so was wirklich nicht.
Netzeitung: Noch mal zurück zum Konzept der Schönheit. Es bringt Sigur Ros auch Kritik ein, dass alles harmonisch ist. Ist es heutzutage mutig, absolute Schöneit zu präsentieren? Ist das etwas besonderes?
Sveinsson: Darüber habe ich ehrlich gesagt auch schon viel nachgedacht. Manchmal fühlt es sich so an, als hätten die dazu nicht den Mut, vielleicht wollen sie auch einfach gar nicht. Ich muss es tun, denn wenn ich Musik mache, will ich keine komplizierten Arrangements. Ich interessiere mich nicht für clevere Musik. Aber es gibt viele Leute, die das tun. Ich weiß auch nicht, was es ist. Aber für mich ist es wichtig.
Netzeitung: Schönheit hat viel mit Symmetrie zu tun, es heißt Gesichter sind desto schöner je mehr sich die Hälften gleichen.
Sveinsson: Ja, das ist wohl ähnlich, das ist sehr interessant.
Netzeitung: Wann ist Schönheit billig, kitschig?
Sveinsson: Ich habe meine Frau mal danach gefragt, sie ist auch Komponistin. Sie interessiert sich für Strukturen, ich eben für die Schönheit, und wir haben tatsächlich den Schluss gezogen, dass den Leuten offenbar der Mut zur Schönheit fehlt. Es ist immer einfach, sich selbst albern zu finden, wenn du melodische Dinge schreibst. Keine Ahnung warum. Vielleicht weil man meint, dass es schon so häufig gemacht wurde.
Netzeitung: Wer wirft Sigur Ros Kitsch vor?
Sveinsson: Niemand würde es mir ins Gesicht sagen, aber ich weiß ganz sicher, dass es Leute gibt, die unsere Musik billig und geschmacklos finden. Zum Kotzen.
Mit Kjartan Sveinsson sprach Sophie Albers.
Sigur Ros: «Heima», Doppel-DVD (EMI)

