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«Ich fühle mich wie vor einen Truck gebunden»

17. Okt 2007 09:38
Musik war das Letzte, woran ich gedacht habe
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Jazz-Popstar, Schauspieler und Wohltäter. Harry Connick Jr. gehört zur Gattung Super-Entertainer, die es in Deutschland so nicht gibt. Sophie Albers sprach mit ihm über New Orleans, Leidenschaft und den Freak, der er einst war.

In den USA wird er als rechtmäßiger Nachfolger Frank Sinatras gehandelt. Zwar muss er sich wie Diana Krall immer wieder anhören, dass er den Jazz verwässere, doch hat Harry Connick Jr. mittlerweile eine mehr als 20 Jahre währende Karriere hinter sich, die Kritiker Lügen straft. Emmys und Grammys inklusive.

In Deutschland kennt man ihn eher als Schauspieler: In «Independence Day» war er Will Smiths Kampfpilotenkumpel, in «Copycat» der Killer, und gerade ist er als neuer Freund von Debra Messing in der TV-Serie «Will&Grace» zu sehen. Ach ja, Filmmusik schreibt er auch, «Harry und Sally» war sein Durchbruch.

Dann sind da noch diverse Rankings meist in Sachen Eleganz, wo er es regelmäßig in die TopTen schafft, bei Modenschauen sitzt er neben «Vogue»-Chefin Anna Wintour, und neuerdings ist er auch noch ein eher stiller Held, der dabei hilft, New Orleans wieder aufzubauen. Darum geht es auch auf seinem neuen Album «My New Orleans». Alles in allem zu gut, um wahr zu sein.

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    Netzeitung: Herr Connick Jr., «Katrina» hat die Stadt New Orleans verändert, glauben Sie, dass der Hurrikan auch die Musik der Stadt verändert hat?

    Harry Connick Jr.: Nein. Es war eine riesige, unfassbare Katastrophe. Viele Menschen haben die Stadt verlassen, und viele Häuser wurden zerstört, aber ich glaube, es ist nur eine Frage der Zeit, wann alles wieder seinen gewohnten Gang geht. Die Musik hat sich in dem Sinne verändert, dass sie verstummt ist. Aber die Musiker kommen ja wieder.

    Netzeitung: Hat sich der Stil verändert?

    Connick Jr.: Schwer zu sagen. Genau genommen verändern die Dinge sich doch sowieso immerzu, von Natur aus. Der Stil wird sich also ändern, aber ich weiß nicht, ob es nur mit «Katrina» zusammenhängt.

    Netzeitung: Sie haben mit «All These People» einen für Sie ungewöhnlichen Song geschrieben, über Ihre rein persönlichen Erfahrungen in Ihrer zerstörten Heimatstadt. Das ist auch nicht anders?

    Connick Jr.: Ich habe früher schon Musik in diesem Stil gemacht, daher nicht. Vom Text als persönliche Erfahrung her schon. Ich wollte dieses Gefühl rüberbringen.

    Netzeitung: Wo waren Sie, als sie vom Ausmaß der Katastrophe erfuhren?

    Connick Jr.: Ich lebe in der Nähe von New York. Alle wussten ja, dass der Hurrikan kommen würde, die haben wir jedes Jahr in New Orleans. Ich habe mir Sorgen um meine Familie und meine Freunde gemacht. Aber als ich das Radarbild gesehen habe, sah es so aus, dass der Hurrikan an New Orleans vorbei ziehen würde. Deshalb waren wir alle erleichtert. Die Katastrophe kam, als am nächsten Tag die Dämme brachen.

    Netzeitung: Sie sind kurz darauf hingefahren.

    Connick Jr.: Ich bin am Tag nach der Flut hingefahren. Und es war... Stellen Sie sich Ihre Heimatstadt vor, und niemand ist da. Chaos, kein Strom, und die Leute irren durch die Straßen wie. Haben Sie «28 Days Later» gesehen?

    Netzeitung: Wie Zombies?

    Connick Jr.: So sah es da aus. Es war wirklich gespenstisch.

    Netzeitung: Wie haben Sie auf das, was Sie gesehen haben reagiert? Haben Sie geschrieben und komponiert?

    Connick Jr.: Ich glaube, niemand hätte darüber schreiben wollen, wenn er das gesehen hat. Das war größer als das. Das lag hinter der Kunst, die folgt später. Als ich da war, war Musik das Letzte, woran ich gedacht habe.

    Netzeitung: Weil es ums Überleben ging.

    Connick Jr.:Ja, das war der rein menschliche Level.

    Netzeitung: Wie lange haben Sie gebraucht, bis Sie es abstrahieren konnten?

    Connick Jr.: Sechs, acht Monate. Ich hatte damals nicht mal Lust, zu spielen. Ich hatte keine Lust zu nichts.

    Netzeitung: Haben Sie tatsächlich aufgehört?

    Connick Jr.: Nein, nicht vollständig. Aber ich wollte nicht über New Orleans reden oder etwas darüber schreiben. Ich stand unter Schock. Die Leute können sich nicht vorstellen, wie schlimm es war. So weit man gucken konnte, standen Häuser unter Wasser, bis unter die Decke, wochenlang, manche bis zum Dach. Wenn man durch die Straßen gegangen ist, hat man Löcher in den Dächern gesehen, die haben Leute reingeschlagen, um über das Dach gerettet zu werden. Das war wie im Krieg. Und das mitten in Amerika, in einer der beliebtesten Städte des Landes, einfach unglaublich. Ich konnte nicht fassen, dass die Leute – wie ich es ja im Song beschreibe – einfach hängen gelassen wurden. Das hat keinen Sinn gemacht. Das sind die Vereinigten Staaten, Mann, die haben Geld und Macht!

    Netzeitung: Als Sie dann geschrieben haben, war es zuerst ein Instrumentalstück oder eines mit Stimme?

    Wenn man durch die Straßen gegangen ist, hat man Löcher in den Dächern gesehen, die haben Leute reingeschlagen, um über das Dach gerettet zu werden.
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    Connick Jr.: Ich habe zuerst die Stimme geschrieben. Egal, was ich mache, ich schreibe immer in poetischer Form. Ich schreibe diese Gedichte, und aus manchen werden Songs. Da denke ich noch gar nicht über die Musik nach. Die kommt danach.

    Netzeitung: Und so haben Sie auch ein «Katrina»-Gedicht geschrieben?

    Connick Jr.: Ja, aber es war gar nicht poetisch, sondern wirklich eine Beschreibung dessen, was ich gesehen habe. All diese Menschen, die warten, dass jemand kommt. Aber niemand kam, keiner hat geholfen, keiner hat hingesehen. Das ging mir immer wieder durch den Kopf. Das hat den Song diktiert.

    Netzeitung: Sieht die Stadt eigentlich immer noch zerstört aus?

    Connick Jr.: Die Wohngebiete ja. Das wird lange dauern.

    Netzeitung: Warum eigentlich?

    Connick Jr.: Wenn dir da ein Haus gehörte, dann hattest du vielleicht eine Versicherung gegen Sturmschäden, aber nicht gegen die Flut.

    Netzeitung: Und deshalb übernimmt die Versicherung die Schäden nicht.

    Connick Jr.: Und so hast du ein Haus, in dem du zwar nicht leben kannst, das du aber auch nicht reparieren kannst. Was sollst du also tun? Und dann versorgt die Stadt den Teil ausgerechnet nicht mit Strom. Es sind eine ganze Reihe komplizierter Gründe, warum es so langsam voran geht. Es wird wieder, aber es wird dauern.

    Netzeitung: Aber es gab doch die ganzen Spendenaktionen.

    Connick Jr.: Aber wer weiß denn, wo das Geld gelandet ist? Ich weiß nicht, wo es gelandet ist.

    Netzeitung: Und Sie können Ihre Position nicht nutzen, um nachzufragen?

    Connick Jr.: So eine Position habe ich nicht.

    Netzeitung: Hey, Sie sind Harry Connick Jr.

    Connick Jr.: Aber ich bin kein Politiker. Das ist nicht mein Ding.

    Netzeitung: Heutzutage sind doch viele Prominente gleichzeitig Politiker.

    Mehr im Internet:
    Connick Jr.: Wir haben das Musician's Village gegründet. Dafür mussten wir die Behörden umgehen. Die hätten nichts gemacht, also haben wir unser eigenes Dorf aufgezogen. 70 Häuser stehen mittlerweile.

    Netzeitung: Auf «My New Orleans» ist auch eine zweite Version von «We Make A Lot Of Love». Das war bereits auf dem Vorgänger-Album. Doch Sie haben es für dieses noch einmal eingespielt. Das haben Sie noch nie vorher gemacht.

    Connick Jr.: Dieses Album ist nicht komplett über New Orleans, aber ich komme daher. Deshalb heißt es «My New Orleans». Als ich den Song ursprünglich geschrieben habe, hatte er ein großes Arrangement mit Streichern und allem drum und dran, aber das hat sich irgendwie nicht mehr gut angehört.

    Netzeitung: Vielleicht doch eine Reaktion auf das, was sie gesehen haben. Zu viel Tand...?

    Connick Jr.: Hm, vielleicht haben Sie Recht, darüber habe ich nie nachgedacht, denn der Song hat wirklich nichts mit Katrina zu tun, vielleicht unbewusst. Das Album war die Gelegenheit dazu. Ich schreibe sonst nie Songs neu, nie! Das ist das erste Mal, das ich das gemacht habe. Da ist etwas in dem Text, das ich wirklich mag, aber das erste Mal habe ich es nicht richtig hingekriegt. Ich nehme Songs nicht noch mal auf, denn es kommt ja auf das an, was ich im Augenblick fühle. Aber dieser Song hat an mir gefressen.

    Netzeitung: Ist Musik eigentlich noch Arbeit für Sie? Sie nehmen ja gerne den ersten Take beim Aufnehmen. Und bei dem Ausmaß Ihres Outputs wirkt es alles eher spielerisch.

    Connick Jr.: Das Aufnehmen selbst schon. Müssen Sie manchmal Texte redigieren?

    Netzeitung: Ja.

    Connick Jr.: Das ist Arbeit, das ist nicht der kreative Part. Wenn ich die Arrangements schreibe und die Orchestrierungen, jede Violine, jedes französische Horn, jedes Satzzeichen, die Dynamik, wenn ich all das schreibe, das ist Arbeit. Das braucht lange Zeit. Wenn du für ein ganzes Orchester schreibst, und du hast 15 Songs, da kommt ne Menge zusammen. Aber wenn du das hinter dir hast und ins Studio gehst, wenn du den Taktstock in die Hand nimmst und vor dem Orchester stehst und erklärst, wie du was haben willst, und du fängst an zu dirigieren, dann ist es nur noch großartig. Aber du musst die Arbeit erledigen, um da hinzukommen. Also manches ist ermüdende Arbeit, aber ich mag es ja. Und der Part, den ich wirklich liebe, ist das Auftreten!

    Netzeitung: Sie sind Musiker, Schauspieler, engagieren sich sozial. Wie lange schlafen Sie eigentlich bei all dem, was Sie produzieren?

    Connick Jr.: Ich habe mir gerade erst drei Monate freigenommen, um Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Ich passe auf, dass ich genug Zeit dafür habe. Wenn ich arbeite, arbeite ich wirklich hart, und wenn ich mich entspanne, dann richtig.

    Netzeitung: Gibt es etwas, das Sie dem 15-jährigen Harry Connick Jr. sagen wollen würden, von heute aus betrachtet?

    Connick Jr.: Ich würde ihm sagen, dass er geduldig sein soll. Ich wollte es damals zu sehr. Ich wollte spielen, ich wollte ausbrechen, nach New York ziehen und ein Künstler sein, aber ich konnte nicht. Das waren harte Jahre.

    Netzeitung: Warum?

    Connick Jr.: Ich habe wirklich hart studiert. In den Jahren ist es noch schwierig, und ich war so ungeduldig. Ich wollte Platten machen, auf Tour gehen, aber ich konnte nicht, weil ich zur Schule musste. Der 15-jährige Harry war ziemlich unbeholfen, ein nicht sonderlich beliebter Kerl, eben ein ernsthafter Musiker.

    Netzeitung: Waren Sie etwa ein Freak?

    Connick Jr.: [lacht] Ja, der Freak. Damit zieht meine Frau mich immer auf, wenn sie alte Bilder sieht. Ich habe ausgesehen wie ein ziemlicher Freak!

    Netzeitung: Und was würde dieser Freak zum 40-jährigen Harry Connick Jr. sagen?

    Dieser Song hat an mir gefressen
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    Connick Jr.: Dass er wirklich glücklich ist, weil es genau das ist, was ich wollte. Ich mache Musik, und tue all die Dinge, die ich tun will. Ich habe echt Glück.

    Netzeitung: Nach außen hin sieht es so aus, dass Sie nur tun, was Sie wollen. Aber ist das wirklich so? Gibt es keine Veträge, die eingehalten werden müssen, kein Label, das bestimmte Vorstellungen hat?

    Connick Jr.: Null! Ich würde es nicht machen. Dann hätte ich lieber keinen Plattenvertrag, als dass mir jemand sagt, was ich machen soll. So könnte ich nicht leben. Vielleicht bin ich der einzige, mit dem Sie reden, der das wirklich von sich sagen kann. Sie haben mit meinen Platten wirklich nichts zu tun.

    Netzeitung: Nicht mal zu Beginn ihrer Karriere?

    Connick Jr.: Als ich mit 19 die erste Platte aufgenommen habe, das war ein Jazz-Klavier-Album, kam einer ins Studio, hat den Talk-Knopf gedrückt, so dass wir ihn in der Kabine hören konnten und meinte 'Sind Sie sicher, dass es so klingen soll? Wollen Sie das nicht vielleicht ein bisschen anders spielen?' Ich bin durchgedreht! Ich war 19! 'Wagen Sie es nicht noch einmal, hierher zu kommen und mir zu sagen, wie ich spielen soll.' Ich bin echt ausgeflippt. Seitdem haben sie mich in Ruhe gelassen. Sie haben Vorschläge gemacht, aber das hat mich nicht interessiert. Ich bin künstlerisch ein Sturrkopf!

    Netzeitung: Sicher, aber es geht ja auch um Geld.

    Connick Jr.: Ich verkaufe doch. Wenn ich keine Alben verkaufen würde, hätten sie mich schon gefeuert.

    Netzeitung: Haben sie Angst vor dem Altern, Herr Connick Jr.?

    Connick Jr.: [Pause] Das einzige, wovor ich Angst habe ist, dass ich nicht alles erledigen kann. Ich will sicher sein, dass ich alles schaffe, was ich vorhabe. Aber ich bin ja dabei, ich habe eine strenge Arbeitsmoral.

    Netzeitung: Haben Sie eine Liste?

    Connick Jr.: Nein, keine Liste, ich meinte, dass ich so hart weiter arbeiten will wie bisher. Ich will lernen, ein aktiver Künstler sein. Ich will keiner von denen sein, die sagen, Ok, ich habe genug verdient, jetzt lehne ich mich zurück.

    Netzeitung: Die gibt es doch nicht wirklich, gucken Sie sich doch die ganzen Comebacks und Reunions an. Die Leute sind doch süchtig nach der Bühne.

    Connick Jr.: Ja, aber die Kunst treibt mich mehr an als das. Klar, habe ich ein Ego und gehe gerne auf die Bühne, aber das meine ich nicht. Ich rede vom künstlerischen Ich. Wenn du morgens aufwachst und das Gefühl hast, gestoßen zu werden, angetrieben zu werden, etwas zu schaffen. Mich hat heute ein Journalist gefragt, ob die Tatsache, dass ich die Musik schreibe, arrangiere, dirigiere und singe, mit Macht zu tun habe. Ich habe gelacht und gesagt: Nein ich mache das, weil es das ist, was ich bin. Er wollte wissen, warum ich das nicht jemand anderes machen lasse. Na, weil ich es mache. Er hat's nicht verstanden. Aber darum geht es doch, wenn man Künstler ist. Menschen, die das nicht haben, verstehen das nicht.

    Netzeitung: Glauben Sie wirklich, dass es Menschen gibt, die keine Leidenschaft in sich tragen? Hat es nicht jeder Mensch - nur mehr oder weniger gut versteckt?

    Connick Jr.: Ich glaube auch, dass jeder was hat, aber nicht jeder fndet es auch in sich. Ich verstehe es auch nicht, aber es gibt Leute da draußen, die leben eben ihr Leben von Tag zu Tag. Die sind nicht besonders aufgeregt, wenn sie morgens aufwachen. Die sind nicht unglücklich, aber... Wissen Sie, ich fühle mich manchmal, als wäre ich vorne an einen Truck gebunden auf der Autobahn!

    Netzeitung: Nicht immer, hoffe ich!

    Connick Jr.: Nein, nicht immer. Aber wenn mich etwas begeistert, dann ist alles andere egal. Klar, habe ich gute und schlechte Tage wie jeder andere auch. Aber wenn ich Leidenschaft für etwas entwickle, dann bedeutet es mir die Welt. Das treibt mich an.

    Netzeitung: Ist es nicht enttäuschend, wenn Sie immer wieder hören müssen, dass Sie ja klingen wie Sinatra und dabei noch viel besser aussehen, aber über die komplizierten Orchestrierungen, die Wochen gedauert haben, redet keiner?

    Connick Jr.: Die Musiker wissen es. Es gibt einen Violinisten namens Bruce Dukov, er ist unglaublich. Er ist aus L.A., sehr bekannt und auf vielen Aufnahmen vertreten. Er spielt mit mir, seitdem ich mein erstes großes Orchester aufgenommen habe. Da war ich 24 oder so, eine Weihnachts-CD. Und er kam zu mir und meinte: Hast du das arrangiert, hast du das orchestriert? Und ich sagte Yes Sir, habe ich. Und er: Mann, das ist echt anders. Das hat etwas, das habe ich vorher noch nicht gehört.

    Ich bin Künstler, ich bin auch unsicher und mag es, wenn die Leute meine Sachen mögen. Mehr brauche ich nicht, als echte Musiker, die zu mir kommen und sagen, dass etwas gut ist.

    Netzeitung: Fürchten Sie nie, den anfänglichen Tatendrang zu verlieren? Die Schönheit des Ungestümen? Mittlerweile wissen Sie ja, welche Knöpfe Sie drücken müssen.

    Connick Jr.: Meine Fehler habe ich mit 100-prozentigem Einsatz gemacht. Ich höre mir manchmal alte Sachen an und denke: Gute Güte, wieso habe ich das gemacht? Das ist wie mit den Klamotten, die man damals getragen hat. Aber so lange man im Augenblick der Entstehung daran glaubt, ist alles in Ordnung. Ich habe jedes Album voller Überzeugung gemacht.

    Netzeitung: Aber heute geht es doch schneller.

    Meine Fehler habe ich mit 100-prozentigem Einsatz gemacht
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    Connick Jr.: Ja, aber das verliert man nicht. Das Wissen könnte nicht existieren ohne die Fehler. Die gehören zusammen, sie nähren sich. Manche Leute glauben, zu viel Bildung könne einem Naiven Künstler schaden, aber das glaube ich nicht. Deine Welt wird nur größer. Ich habe einen Cousin, der hat fünf Kinder, und als ich meine erste Tochter bekommen habe, habe ich ihn gefragt: Wie kannst du fünf haben? Ich liebe dieses Kind so sehr, ich kann mir nicht vorstellen, mehr zu haben. Und er sagte: Jedes mal, wenn ein Kind dazu kommt, öffnest du die Arme ein Stück weiter. Dann kam mein zweites Kind, und ich dachte Oh Mann, und dann kam das dritte.

    Wann immer man etwas schafft, sind Fehler drin. Natürlich denke ich jedes Mal, das ist das Beste, was ich je gemacht habe, und das davor war holperig. Aber das Neue ist genauso holperig. Du siehst es nur nicht. In zwanzig Jahren guckt man zurück und wundert sich, dass man es nicht gesehen hat. Es geht immer weiter. Man muss froh sein, dass man selbst die Fehler überhaupt sieht.

    Netzeitung: Also ist Ihre Arbeit auch nach all den Jahren noch eine Herausforderung für Sie?

    Connick Jr.: Oh ja, es ist nicht die Menge, es ist der Prozess. Es hört nie auf, es wird niemals aufhören. Wissen Sie, wie häufig ich in meinem Leben schon auf der Bühne gestanden habe? Tausende Male. Und wenn ich Jazz- Soli spiele, würden Sie nicht meinen, dass ich es mittlerweile perfekt kann? Ich mache es ja dauerend. Wie Tiger Woods. Man kann sich nicht vorstellen, dass der einen Golfball in einen Baum schlägt, das ist unmöglich. Aber manchmal komme ich von der Bühne, und einer meiner Musiker fragt, was los ist, und ich sage: Hast du gehört, wie ich gespielt habe? Das war schrecklich! Wie ein Schüler, einfach übel.

    Das sorgt dafür, dass du es immer wieder versuchst, diese ewige Unzulänglichkeit, du musst immer wieder Entscheidungen treffen. Das sind die Variablen. Das ist unendlich.

    Mit Harry Connick Jr. sprach Sophie Albers.

    Harry Connick Jr.: «Oh My Nola» (Sony Columbia)
    Am 24. Oktober ist er in Berlin im Konzert zu sehen.

     
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