«Meine Stimme sollte beleidigen»
14.09.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Angefangen hatte Sioux, die mit bürgerlichem Namen Susan Janet Ballion heißt, als Anhang der Sex Pistols. Ihr erstes Konzert gab sie 1976 bei einem von Malcolm McLaren organisierten Punkfestival. Ihr Auftreten, ihr Aussehen, ihre Musik, alles war Avantgarde. Mit ihrer Band Siouxsie and the Banshees entstand 1978 das erste Album «The Scream». In den Achtzigern feierte sie Erfolge mit den Creatures. Wenn Künstler wie The Cure, Garbage oder auch Massive Attack nach Vorbildern gefragt werden, fällt immer wieder der Name Siouxsie Sioux.
Netzeitung: Fühlt sich Ihre Stimme heute anders an als früher? Sie singen ja richtig.
Siouxsie: Sie fühlt sich anders an, ich habe eine andere Haltung zu ihr, und ich habe mehr Vertrauen. Am Anfang war die Stimme ein Protest, dem Zeitgeist entsprechend. Sie war da, um zu beleidigen, die Stimme sollte das Publikum beleidigen. Doch mit der Zeit und der Arbeit im Studio habe ich meine Stimme das erste Mal wirklich gehört. Das hat sehr viel verändert. Ich habe mich mit einem Mal im Ton gefühlt. Zu Beginn waren wir keine wirklichen Musiker. Die Jungs hatten nicht mal Stimmgeräte: Sie haben immer höher gestimmt, und ich musste immer höher singen. Ich musste sie wieder runterholen.
Netzeitung: Wieso haben Sie das Soloalbum erst jetzt aufgenommen?
Siouxsie: Weil es sich wie der richtige Zeitpunkt anfühlt. Ich würde nicht sagen, dass ich mich die ganze Zeit gesträubt habe. Ich hatte immer eine genaue Vorstellung davon, wie ein Soloalbum auszusehen hat. Es soll etwas sein, das musikalisch nicht verwässert ist. Ich habe immer mit einer Band gespielt, auch das hat bestimmt, wie ich mir ein Soloalbum vorgestellt habe. Mit der Zeit habe ich mich in der Band isoliert gefühlt. Frau und Sängerin: Da stand ich immer ziemlich allein. Das ist mit den Jahren immer klarer geworden, und irgendwann war ich dann endlich bereit, ein Soloalbum zu machen.
Netzeitung: Gab es einen direkten Auslöser, ein Erlebnis?
Siouxsie: In meinem Leben ist eine Menge passiert, auch privat, aber die Entscheidung, ein Soloalbumn aufzunehmen, war schon vorher gefallen. Ich denke es war so 2004, als wir auf Tour waren. Da war ich schon unter dem Namen Siouxsie unterwegs, um es aufzubrechen, damit ich das Gefühl hatte, machen zu können, was ich will. Das hat nichts mit der Band zu tun, ich bin immer noch ich. Ich werde jetzt kein Crooner. Und ich singe auch nicht plötzlich Opern. [lacht]
Netzeitung: Wie fühlt es sich an, wenn Sie Ihre alten Stücke hören? Zum Beispiel in Filmen wie «Notes On A Scandal» oder «Marie Antoinette»?
Siouxsie: Es ist lustig: 2005 gab es einen Rerelease mit «The Scream», «Join Hands» und «JuJu» und so. Ich habe diese Musik und diese Alben so lange nicht gehört und war ehrlich gesagt ziemlich inspiriert. Ich war überrascht, dass sie sich nicht veraltet anhören, ich dachte sogar, sie klingen stark. Das hat mich vielleicht auch darin bestärkt, das Soloalbum zu machen. Das war etwas, woran ich mich festhalten konnte, was mich daran erinnert, was ich mitbringe.
Netzeitung: Wenn Sie sich Musik- und Modetrends angucken, das Revival der Siebziger und Achtziger, denken Sie dann manchmal: Kenne ich schon?
Siouxsie: Alles war schon mal da. Vor allem in der Mode. Der Blick muss offenbar immer zurück gehen. Es sieht nicht so aus, als würde da irgendwas wirklich Neues kommen. Eine seltsame Entwicklung.
Netzeitung: Macht sie das lächeln oder eher wütend?
Siouxsie: Sie frischen Sachen auf, aber genau genommen ist es nur ein Neuarrangement. Aber das ist nicht nur in der Mode so, auch im Film scheint es eine kreative Blockade zu geben. Es gibt so viele Remakes. Vor allem von Filmen, die man einfach nicht anfassen sollte. «Psycho»? Sind die noch ganz bei Trost? Das war grauenhaft!
Netzeitung: Sie gelten vielen Künstlern als Inspiration und Vorbild - von Shirley Manson bis Marilyn Manson. Fühlen Sie sich benutzt oder geehrt?
Netzeitung: Und Ihre musikalischen Töchter? Zum Beispiel Peaches?
Siouxsie: Ich liebe Peaches! Das war das letzte Konzert, das ich in London gesehen habe.
Netzeitung: Erkennen Sie sich in ihr wieder?
Siouxsie: Nein, ich denke nicht, das ich das bin. Aber es ist einfach so schön, etwas zu sehen, das einem gefällt. Wo man sich nicht fragt, wo der Mut bleibt. Es deprimiert mich, wenn ich nichts finde, das ich mag. Immer nur zurück gucken, auf das, was man mal gemocht hat. Ich weiß nicht mal, ob ich auf diese Leute Einfluss hatte. Mir reicht es, dass sie da sind. Sie bringen alles durcheinander. Ich liebe diesen Albumtitel «Fatherfucker».
Netzeitung: Es gibt derzeit sehr viele Reunions früher erfolgreicher Bands. Haben Siouxsie and the Banshees auch mal daran gedacht?
Siouxsie: Nach sieben Jahren waren wir ein bisschen auf Tour und mir war klar, dass das für mich nicht in Frage kommt. Ich denke für viele ist es eine finanzielle Frage, die Karotte, die ihnen vor der Nase hängt.
Netzeitung: Vielleicht auch die Sucht nach der Bühne, nach der Aufmerksamkeit?
Siouxsie: Da ist auf jeden Fall eine Abhängigkeit. Ich bin abhängig von diesem Gefühl der Musik, der Kommunikation darüber. Deshalb wollte ich auch erst kein Soloalbum machen, weil dann der Fokus auf mir läge. Ich mag das eigentlich nicht. Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen, aber ich verliere mich da auch. Ich merke dann gar nicht, dass ich angeguckt werde.
Netzeitung: Was meinen Sie mit sich verlieren?
Siouxsie: Man ist sich seiner selbst nicht bewusst, du stehst über dir selbst. Das ist ein mentales Ding. Du gehst in der Musik auf wie in Trance, da sieht man keine Einzelpersonen mehr, da geht es um Energie. Es hat wirklich etwas von Aus-dem-Körper-treten. Danach bin ich süchtig.
Netzeitung: Dann muss das Ende eines Konzertes ja der Horror sein.
Siouxsie: Horror! Es ist mühsam und verdammt schwierig wieder runterzukommen. Deshalb gibt es auch diese ganzen verwirrten, kaputten Leute.
Netzeitung: Drogen.
Siouxsie: Ja, die wollen nicht mehr runter. Du kannst nicht einfach sagen: OK und jetzt gehe ich schlafen, während deine Energie unter der Decke hängt.
Netzeitung: Und wie haben Sie es gemacht?
Siouxsie: Am Anfang habe ich getrunken, bin ausgegangen und ausgeflippt bis fünf Uhr morgens. Aber irgendwann kriegst du eben mit, dass du dich um deine Stimme kümmern musst, dein Instrument. Du musst dich selbst runterholen. Und das ist schrecklich! Den ganzen Tag geht es darum, dass du am Abend auftrittst, was meist spät am Abend ist. Ich kann vorher nichts essen, ich darf mindestns vier, fünf Stunden vorher nichts mehr zu mir nehmen. Du hast also nichts gegessen, du stehst auf der Bühne, und wenn es schlecht läuft, willst du dich am liebsten umbringen. Das ist wirklich deprimierend. Dann trinkst du dich einfach taub. Wenn es schlecht ist, dann ist es richtig schlecht. Aber wenn es gut ist, ist es eben auch richtig gut. Zeit und Erfahrung lehren dich, dass du nicht allzu lange da oben sein kannst. Touren ist hart. Wenn du reif genug bist, kapierst du, dass du dich nach der Show disziplinieren musst. Du kannst nicht auf dem Level weitermachen, sonst machst du dich kaputt.
Netzeitung: Wie Amy Winehouse.
Siouxsie: Sie so jung, sehr sehr jung, und du kannst das eine Weile machen, aber dann gehst du kaputt.
Netzeitung: Zu Ihrem Erbe gehört der Punk. Wie würden Sie heute einer 14-Jährigen erklären, was Punk ist?
Siouxsie: Punk war das erste Mal, dass Menschen nicht darauf gewartet haben, irgendwohin eingeladen zu werden, aufgefordert zu werden, etwas zu tun. Es war Do It Yourself, das erste musikalische DIY. Die Anpassung der Musik an einen selbst. Frustriert sein vom Nichtstun der anderen, Wut darüber, dass kreative Energie nicht eingesetzt wurde. Und weil keine Tür offen stand, musste sie eben geschaffen oder auch eingetreten werden. Wir hatten das Gefühl, dass das genau unsere Zeit war. Und es hat die Musikindustrie total überrascht. Zum ersten Mal, waren sie nicht bereit dafür! Deshalb war es auch so mächtig, weil sie sich nicht sofort drauf gestürzt und es nachgemacht haben in einer netteren Art für die Industrie, in kleinen Dosen. Es hat sie schockiert, sie wollten damit nichts zutun haben. Deshalb konnten sich so viele Leute damit beschäftigen.
Die Industrie hat uns so sehr in Ruhe geklassen, dass wir uns natürlich entwickeln konnten. Diese Platten klingen so, weil wir Zeit hatten, wir haben uns in Kreativität geübt und gearbietet außerhalb der Industrie ohne jeden Druck. Dabei waren die Jahre ohne Vertrag eine harte Zeit. Das ist heute nicht mehr möglich denke ich. Amy Winehouse ist sehr talentiert, aber sie ist in der Industrie gefangen, und ich frage mich, wie lange sie noch durchhält.
Netzeitung: Bis sie wieder fallen gelassen wird?
Netzeitung: Ist Punk heute nicht mehr möglich?
Siouxsie: Nicht weil ich glaube, dass den Leuten heute der Spirit dazu fehlt, der ist schon da, aber die Industrie ist heute so eine böse Maschinerie, so gut ausgerüstet. Es ist, als würde man eine Blume zu früh pflücken. Dabei sollte man sie wachsen lassen, damit sie Wurzeln schlagen kann, bevor man sie dauernd umpflanzt. Aber das Geschäft kann es nicht abwarten, dass sie endlich blüht. Dabei sind zu früh gepflückte Blumen unbrauchbar.
Netzeitung: Was denken Sie, wenn Ihnen heute junge Menschen mit Irokesenschnitt und Sicherheitsnadel durch die Wange begegnen?
Siouxsie: Das ist mir ehrlich gesagt scheißegel. Die Leute fragen sich immer, was Kleidung bedeutet. Für mich ist es nichts weiter als Amüsement, das hat nichts Tiefgehendes. Es sagt dir vielleicht was darüber, was derjenige gerne darstellen möchte. Es kann aggressiv sein oder auch verletzlich. Aber außer dieser Art der Psychologie ist da nichts. Das sind einfach nur Klamotten.
Netzeitung: Um heute ein Punk zu sein, um etwas Unerwartetes zu tun, müsste man doch eigentlich Anzug tragen, langweilig aussehen...
Siouxsie: [Lacht] Genau! Ganz respekteinflößend müsste man aussehen, und darunter kocht es mit verrückten Ideen!
Netzeitung: Haben Sie jemals aufgehört, Musik zu machen?
Siouxsie: Nein, ich hatte eine Zeit lang ein eigenes Label. Wenn ich nach London zurückkomme, dann sagt so ein Taxifahrer zu mir «Sie haben 20 Jahre lang gar nichts gemacht». Wenn du nicht in den Popcharts bist, wirst du nicht wahrgenommen. Aber ich habe immer was gemacht, habe immerzu geschrieben.
Netzeitung: Haben sie jemals gedacht, das war's?
Siouxsie: Häufig sogar. Ich liebe die Musik, aber ich hasse das Geschäft. Das mache ich wirklich nicht gern.
Netzeitung: Kann man denn arbeiten ohne die Industrie, wenn man davon leben will?
Siouxsie: Es ist schwierig, denn sie kaufen ja all den Platz in den Zeitungen, im Radio und im Fernsehen auf. Vielleicht geht es, wenn du viel Geld hast. Aber wenn du versuchst, es unabhängig zu machen, dann kannst du nicht mit ihnen konkurrieren. Dann denken die Leute, es gibt dich nicht mehr. Dann finden dich nur die, die dich suchen.
Netzeitung: Das hat was von Erpressung.
Siouxsie: Es geht um eine Menge Geld. Sie sagen es nicht offen, aber sie nennen es Monopoly.
Mit Siouxsie Sioux sprach Sophie Albers.

