«Es war ein großer Schock für mich»
Dieses Märchen ist doppelt schön, weil Potts so gar nichts von den üblichen Möchtegern-Popstars hat, die solche Shows bevölkern: Er sieht nicht gut aus, er liefert keine Show, er ist unglaublich schüchtern und steht auch mehr als einen Monat später noch unter Schock, dass er die Show überhaupt gewonnen hat. Denn: Er singt Oper!
Netzeitung.de: Was machen Sie mit den 100.000 Pfund?
Paul Potts: Die ganze Sache ist für mich so groß, dass ich darüber ehrlich gesagt noch nicht nachdenke. Ich kann es irgendwie immer noch nicht fassen.
Netzeitung.de: Aber Sie halten doch jetzt ein eigene CD in der Hand, die in Großbritannien die Charts gestürmt hat. Ihr Video auf Youtube hat Download-Rekorde gebrochen...
Potts: Ich weiß, aber ich muss mich die ganze Zeit kneifen. Ich war mir damals nicht sicher, ob ich überhaupt gut genug bin, um mich zu bewerben. Ob ich nicht zu alt bin. Also habe ich eine Münze geworfen?
Netzeitung.de: Kopf oder Zahl?
Potts: Kopf! Also habe ich's abgeschickt.
Netzeitung.de: Was haben Sie denn erwartet, nachdem Sie sich beworben haben?
Potts: Gar nichts, ich habe nichts geplant, wirklich nicht. Selbst auf der Bühne war ich mir nicht sicher, ob es gut läuft.
Netzeitung.de: Aber Simon Cowell sind doch die Augen rausgefallen!
Potts: Ja, aber erst als die guten Wertungen kamen, habe ich es bemerkt. Das war ein großer Schock für mich.
Netzeitung.de: Sie sind jetzt ein bekannter Mann. Können Sie noch einfach so auf die Straße gehen? Haben Sie Ihren Job gekündigt?
Netzeitung.de: Sind Sie glücklich damit, wie alles gekommen ist?
Potts: Es ist einfach unglaublich. Wie gesagt, ich kneife mich die ganze Zeit, ich bestimmt schon grün und blau. [lacht kurz] Morgens wache ich auf und denke, ich muss mich beeilen, damit ich nicht zu spät zur Arbeit komme, und dann fällt es mir wieder ein. Es ist, als würde ich noch immer träumen.
Netzeitung.de: Wann haben Sie eigentlich bemerkt, dass Sie so eine außergewöhnliche Stimme haben?
Potts: Ich habe schon als Kind gesungen. Zur klassischen Musik bin ich ehrlich gesagt über «E.T.» gekommen.
Netzeitung.de: «E.T.» der Außerirdische? Der Film?
Potts: Ja, wegen des Soundtracks. John Williams ist noch immer mein liebster Filmkomponist. Es ist so emotionale Musik, und ich bin so ein emotionaler Mensch. Ich liebe auch Tschaikowskys «Pathétique». Meine erste Opernplatte habe ich mir mit 16 gekauft.
Netzeitung.de: Warum haben Sie eigentlich nicht den klassischen Weg genommen und eine Ausbildung zum Opernsänger gemacht?
Potts: Ich habe nie gedacht, dass diese Karriere für mich überhaupt in Frage käme. Ich habe nicht mal darüber nachgedacht. Ich habe immer nur für mich selbst gesungen, das war mein spezieller Ort, mein sicherer Ort, an dem es keine Probleme gibt. Ich bin nicht sehr selbstbewusst, wissen Sie. Ich habe immer gedacht, wenn ich den anderen Leuten öffne, ist er nicht mehr sicher.
Netzeitung.de: Aber das haben Sie nun ja getan.
Potts: Es ist einfach sehr, sehr seltsam.
Mit Paul Potts sprach Sophie Albers.
Paul Potts: «One Chance» (Sony)

