netzeitung.de«Die Simpsons sind wie Jazz»

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Matt Groening mag es gelb (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Matt Groening mag es gelb
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Matt Groening hat mit den «Simpsons» ein Imperium geschaffen. Nun kommt der Kinofilm. Dieter Oßwald traf den Cartoon-Schöpfer zum Gespräch.

Er sieht genau so aus, wie man sich einen Comiczeichner gemeinhin vorstellt: etwas rundlich, zotteliges Haar, schlabberige Kleidung. Ein bisschen erinnert er sogar an jenen Homer Simpson, den er vor 20 Jahren erfunden hat und der zu einer globalen Kultfigur geworden ist. Matt Groening, 53, Erfinder der gelben Cartoon-Familie, benannte das Oberhaupt nach seinem eigenen Vater.

Im nun folgenden Kinoabenteuer verursacht der Tollpatsch eine mittlere Öko-Katastrophe, die ganz Springfield zerstören könnte – aber natürlich retten Homer, Bart und Co. die Familie und damit die ganze Welt.

Warum gerade jetzt einen «Simpsons»-Kinofilm?

Groening: Wir haben in den letzten 20 Jahren 400 «Simpsons»-Folgen für das Fernsehen gemacht – aus Anlass von dieser runden Zahl haben wir beschlossen, dass wir sie nun endlich ins Kino bringen sollten. Noch länger damit zu warten, wäre wirklich nicht gut gewesen. Immerhin hatten wir ja schon 1993 die Idee für einen Kinofilm.

Warum haben Sie den Film damals nicht gemacht?

Groening: Wir hatten ganz einfach nicht genügend Leute dafür, deswegen wurde das Projekt immer wieder verschoben. Im November 2003 fiel dann schließlich der Startschuss, und es hat vier lange Jahre gedauert, bis die «Simpsons» nun endlich auf die Leinwand kommen. Wir haben immer und immer wieder neue Fassungen geschrieben, weil wir unbedingt dem Geist der TV-Serie gerecht werden wollten.

In Zeiten der perfektionistischen Computeranimation wirkt Ihr zweidimensionaler Zeichentrick auffallend altmodisch.

Groening: Uns hat der Stil von zweidimensionaler Animation schon immer gut gefallen, inzwischen ist das leider fast ausgestorben. Die «Simpsons» waren die letzte Show, die vollkommen von Hand gezeichnet wurden. Bis heute werden die Figuren und die Hintergründe bei uns auf diese Art gezeichnet, lediglich die Farben werden später digital eingefügt. Inzwischen ist es schwierig geworden, Künstler zu finden, die noch auf diese Weise arbeiten. Aber mir gefällt diese Nicht-Perfektion, das ist wie Jazz.

Wann haben Sie selbst zuletzt einen Bart Simpson gezeichnet?

Groening: Vor fünf Minuten, für ein Autogramm. [lacht] Aber ich bin kein Animationskünstler. Ich kann nicht gut genug zeichnen, man würde mich nie als Zeichner für die Show einstellen. Meine Aufgabe liegt in der Entwicklung und dem Design der Figuren.

Wann haben Sie eigentlich den ersten Bart entworfen?

Groening: Der erste Bart entstand 1987, den hatte ich damals auf ein Blatt Schreibmaschinenpapier gekritzelt. Heute hängt dieser Ur-Bart eingerahmt an der Wand von unserem Produktionsbüro.

Warum haben die Simpsons eigentlich nur vier Finger?

Groening: Das ist eine alte Cartoon-Tradition und hat den einfachen Grund, dass fünf Finger viel schwieriger zu zeichnen sind als vier. Nur Gott hat fünf Finger in einem Cartoon.

«Ich glaube nicht an Gott. Aber Gott hasst mich» heißt es in einem Ihrer «Life is Hell»-Cartoons. Wie glücklich war eigentlich Ihre Kindheit?

Groening: Ich hatte eine ziemlich gute Kindheit. Erst als ich aus dem gemütlich Oregon nach Los Angeles gezogen bin, folgte der Schock: Alles dort sah ziemlich vertrocknet aus, die ganzen Pflanzen waren braun statt grün. Zudem hatte ich kein Geld, und deswegen nannte ich die Cartoons «Life is Hell». Seit 27 Jahren mache ich jede Woche einen Cartoon, inzwischen heißen sie aber «Life is well» – nur hat das offensichtlich kaum jemand bemerkt.

War ihre Familie nicht verärgert, dass Sie als Cartoon-Vorlage diente?

Groening: Nein, meine Familie hat sich nie als Vorlage verstanden. Und das war sie auch nie. Sie sehen den Figuren nicht ähnlich, und sie sind auch nicht gelb. Die Frisur meiner Mutter sieht auf alten Bildern zwar etwas der von Marge ähnlich, aber sie hatte die Haare nie blau gefärbt. Mein Vater Homer, der vor zehn Jahren gestorben ist, mochte die «Simpsons» sehr und hat den Erfolg noch miterleben dürfen.

Welche Rolle spielt die Altersfreigabe für die «Simpsons»?

Groening: Wir sind froh, dass der Film in den USA ab 13 Jahren freigegeben ist, obwohl man einmal sogar den Penis von Bart sehen kann. Hätten wir diese Freigaben nicht bekommen, hätten wir einen schwarzen Balken darüber gemacht und darauf geschrieben: «Nur in Europa zu sehen».

Es soll eine muslimische Version der Simpsons geben, mit Badr und Omar, statt Bart und Homer. Wie funktioniert es, wenn der Homer kein Bier trinken darf?

Groening: Ich habe nur davon gehört und bin mir gar nicht sicher, ob es diese arabische Version überhaupt gibt. Ich lese so viel über die «Simpsons» im Internet und kann bei etlichen Dingen den Wahrheitsgehalt überhaupt nicht abschätzen.

Wie groß ist eigentlich Ihre Kontrolle im kreativen Bereich?

Groening: Ich habe natürlich schon einigen Einfluss, aber mein Job besteht nicht darin, «nein» zu sagen, sondern vor allem darin, die Show am Laufen zu halten. Wie produzieren 24 Episoden pro Jahr, und eine Folge benötigt acht Monate in der Herstellung. Bei so viel parallelen Abläufen müssen Zeitpläne genau eingehalten werden. Ich muss das Team ständig motivieren. Ich würde zum Beispiel nie sagen «Das ist nicht komisch!», sondern immer «Könnten wir da keine andere Pointe finden?».

Woher nehmen Sie diesen schier endlosen Fluss origineller Ideen. Man hat manchmal den Verdacht, Sie helfen mit bewusstseinserweiterndem Doping nach?

Groening: So wenig glaubhaft es auch klingen mag, aber ich habe in der ganzen «Simpsons»-Zeit nie erlebt, dass irgendjemand vom Team Drogen genommen hätte. Unsere Mitarbeiter trinken noch nicht einmal Alkohol. Man stellt sich das vielleicht als ganz lustigen Job vor – aber tatsächlich ist das ganz harte Arbeit.

Können Sie ein Beispiel geben, wie eine Idee für die «Simpsons» entsteht?

Groening: Ich habe hier in München erfahren, dass das Oktoberfest bereits im September beginnt und Anfang Oktober schon zu Ende ist. Dann stelle ich mir vor, dass etliche Touristen wohl zu spät kommen. Das würde natürlich auch Homer passieren. Aber er würde eben ein Jahr in München warten, bis das Fest dann stattfindet. Das ist noch keine richtige Idee, aber ein Gedanke, aus dem vielleicht eine Pointe entwickelt werden könnte.

Hatten Sie jemals Probleme, weil die Serie zu sehr aneckt?

Groening: Als Homer einmal Marihuana probiert, war das durchaus eine heikle Szene. Deshalb haben wir peinlich darauf geachtet, dass der Joint nie seine Lippen berührt – wer genau hinschaut, wird das bemerken. Das Tourismus-Ministerium von Brasilien hat sich einmal sehr über eine Folge aufgeregt, weil wir Affen in Rio gezeigt hatten, die es dort offenbar nicht gar gibt.

Und bei den Deutschen, die das Kernkraftwerk übernehmen, haben Sie geografisch etwas gepatzt.

Groening: Weil sie sagen, dass sie aus dem Land der Schokolade stammen und Homer fortan davon träumt? Wir haben schon beim Schreiben des Gags bemerkt, dass wohl eher die Schweiz als Schokoladenland gilt und wir da wohl einen Fehler gemacht hatten – aber wir brauchten diesen Dialog ganz einfach für diesen guten Gag.

Können Sie sich an alle 400 Episoden erinnern?

Groening: Nein, ich kann mir nur eine bestimmt Menge von «Simpsons»-Dingen merken, den Rest vergesse ich. Umso schöner ist es allerdings, wenn ich zufällig hier im deutschen Fernsehen eine alte Folge sehe. Und völlig überrascht bin, wie lustig das ist – weil ich es schon vergessen hatte. Mir gefällt die deutsche Fassung ausgesprochen gut.

Wer sind Ihre künstlerischen Vorbilder?

Groening: In meiner Jugend war ich sehr von Charles Schultz und seinen «Peanuts» beeindruckt. Außerdem gefielen mir die Zeichnungen von John Lennon. Nicht, weil sie nun außerordentlich gelungen waren, sondern weil ich dachte, wenn Lennon zeichnen kann, dann kann ich das auch!

Charles Schultz hat verfügt, dass die «Peanuts» nach seinem Tod nicht fortgeführt werden dürfen. Haben Sie ähnliche Pläne?

Groening: Mein Produzent Al Jean und ich haben uns letzte Nacht darüber unterhalten, dass wir auf Video festhalten sollten, was niemals mit den «Simpsons» passieren darf. Zum Beispiel dass es nie eine Realversion davon geben darf!

Träumen Sie bisweilen von den «Simpsons»?

Groening: Ich habe Gott sei Dank nur einen einzigen Traum von den «Simpsons» gehabt – und dort haben sie ausgerechnet den Nobelpreis bekommen. Ich war ebenfalls in diesem Traum meinte nur: «Ein Cartoon kann doch keinen Nobelpreis bekommen». Dann hat man mich auf die Bühne geschubst, und ich sollte eine Rede halten. Verzweifelt habe ich in diesem Traum nach einem Gag gesucht. Schließlich sagte ich: «Vielen Dank. Es ist schon lange her, seit 'Schweinchen Dick' den Nobelpreis bekam.» Kein sehr gute Witz – aber für einen Traum war er nicht schlecht. Darauf sagte mir James Brooks hinter der Bühne: «Tu ganz einfach so, als ob du glücklich bist.» Welch ein großer Trost.

Haben Sie je die Hilfe von professionellen Tröstern gesucht?

Groening: Ob ich bereits einmal in psychologischer Behandlung war? Natürlich, jeder in Los Angeles hatte schon seine Therapie! Für mich war das allerdings eher ein Experiment.

Sie haben ja die «Simpsons» als private Couch.

Groening: Vielleicht mache ich mir ja zu viele Gedanken über dieses Thema, aber ich überlege mir schon, woher die Motivation für Humor kommt. Hat Freud recht, wenn er sagt, dass Komik und Bösartigkeit zusammenhängen? Für die meisten Gags stimmt das sicherlich. Aber wer vom Humor lebt, darf nicht zuviel darüber nachdenken, sonst verliert er seine Energie.

Sind Sie bisweilen neidisch auf «South Park», wo es sehr viel böser zugeht als in den «Simpsons»?

Groening: Mit einigen Dingen von «South Park» stimme ich überhaupt nicht überein. Trotzdem gefällt mir die Show. Mir gefallen ohnehin viele Sachen, die so ganz anders sind als die «Simpsons».

Welchen Einfluss nehmen die «Simpsons» auf Ihr Privatleben?

Groening: Bisweilen ertappe ich mich dabei, dass ich wie die «Simpsons» reagiere und rede. Wenn ich meine Schlüssel verliere, sage ich mit Sicherheit das «Doh» von Homer.

Mit Matt Groening sprach Dieter Oßwald.