«Ich wollte nicht, also habe ich nicht»
30.05.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Kurz vor ihrem Tod hatte seine Mutter ihrem Sohn sein erstes DJ-Set gekauft. Und es sei eben die Musik gewesen, die ihm dabei geholfen habe, nicht den Überblick zu verlieren, sagt Mims. Neben der Schule arbeitete er als DJ und MC, später produzierte er andere Künstler.
In die deutsche Presse hatte Mims es bereits vor Veröffentlichung seines Debüts geschafft, weil sich auf dem Originalcover erstaunlicherweise ein hierzulande alter Bekannter wiederfand: Das I in Mims war die Silhouette des Berliner Rappers Bushido. Der hat Mims verklagt, und das Album wurde neu designt.
Netzeitung.de: Herr Mims, wie ist denn nun das Icon von Bushido auf Ihr Cover gekommen?
Mims: Ich weiß es nicht. Ich habe mein Cover nicht entworfen, deshalb hatte ich nicht wirklich Einfluss darauf, wo das Logo herkam. Ich weiß nur, dass es einen deutschen Rapper gibt, der Klage gegen mich eingereicht hat wegen der Silhuette meines Is, weil er dieselbe Silhouette benutzt. Derjenige, der mein Cover entworfen hat, hat die Silhouette von einer lizensierten Seite mit freigegebenen Bildern geladen. Das ist eine blöde Situation, weil mein Album aus den Läden genommen und das Cover neu entworfen werden musste. Das ist ein ziemliches Theater, andererseits glaube ich daran: Was bestimmt ist, wird passieren. Das hält die Musik nicht auf.
Netzeitung.de: Den großen Erfolg der Single «This Is Why I am Hot» verdanken Sie vor allem dem Internet. Haben Sie dieses Medium bewusst genutzt?
Mims: Ich glaube fest daran, dass man als Künstler unbedingt die technischen Entwicklungen im Auge behalten sollte. Man muss verstehen, in welche Richtung es geht. Meine Firma American King Music arbeitet mit Digi Wax Media zusammen, einem der größten digitalen Musik-Pools, den es derzeit gibt. Seit Gründung dieser Firma haben wir immer die Vision gehabt, der technologischen Entwicklung zuvor zu kommen.
Manchmal bleiben die Leute dahinter zurück, weil sie glauben, dem Trend zu folgen. Aber man sollte sich immer fragen, was das nächste Ding ist. Wir haben gedacht, CDs bleiben für immer, und jetzt sind es MP3-Player. Mein Rat an alle Musiker, die wissen wollen, wie man ins Geschäft kommt: Guckt euch die Technologie an. Was ist das nächste Myspace, was ist der nächste MP3-Player, was ist der nächste Weg, um seine Musik unter die Leute zu bringen?
Netzeitung.de: Haben Sie eine Vision, wo es hingeht?
Mims: MP3-Player und Mobiltelefone werden es sein. Jeder hat heute ein Mobiltelefon. Das Beides miteinander zu verbinden, wie es viele Konzerne bereits tun, wird der neue Weg sein, an Musik heran zu kommen.
Netzeitung.de: Ich finde, dass so ein kombiniertes Gerät die schlechtere Wahl ist, denn geht eines davon kaputt, sind beide hin.
Mims: Ja stimmt. Aber sie werden nicht aufhören, sie zu produzieren und bessere Geräte zu machen.
Netzeitung.de: Hoffentlich.
Mims: Vertrauen Sie mir, ich bin ein Technik-Spielzeug-Typ. Ich habe allein sechs Mobiltelefone.
Netzeitung.de: Wozu?
Mims: Na deshalb! [lacht] Ich habe drei verschiedene Nummern und sechs Geräte.
Netzeitung.de: Ist eins davon Ihr Lieblings-Handy?
Mims: Eins ist fürs Geschäft, eins fürs Private, dann habe ich ein «Bat-Phone»...
Netzeitung.de: Ein «Bat-Phone»?
Mims: Na, wie in Batman, da erreicht ihn im Notfall der Kommissar drüber. Und dann gibt es noch eine Nummer, die fast niemand kennt, meine Geheimnummer. Man muss vorbereitet sein. Kommunikation ist der Schlüssel. [lacht]
Netzeitung.de: Sagt der Mann mit dem Werbevertrag... In US-Schulen wird derzeit überlegt, das W-lan wieder abzuschaffen, weil man befürchtet, dass die Strahlung krebserregend sein könnte.
Mims: Es gibt immer ein Für und Wieder. Die Forschung ist ja noch nicht so weit. Wer weiß in 20 Jahren laufen wir vielleicht mit zusätzlichen Beinen rum. Oder einem Extra-Magen.
Netzeitung.de: Glauben Sie, dass Websites wie Myspace oder die Mobiltelefonindustrie die Plattenfirmen ablösen werden?
Mims: Mit allem Respekt, denn ich bin bei einem Major unter Vertrag: Die Plattenfirmen werden bald überflüssig sein, denn der Weg zur Verbreitung von Musik ändert sich. Plattenfirmen waren bisher für den Vertrieb zuständig, der ist jetzt digital. Wozu braucht man also noch die Plattenfirmen?
Marketing und Promo, das wird der Job der Labels sein, mehr nicht. Darauf werden die Meisten sich wohl konzentrieren. Werbung brauchst du immer.
Netzeitung.de: Wird auch das Album überflüssig?
Mims: Nicht unbedingt, aber sie werden kürzer glaube ich. Man kriegt dann keine Alben mehr mit 18 Songs drauf, sondern mit elf. Ich habe 16 drauf gepackt. Ich freue mich, dass ich den Fans eine Menge bieten kann, andererseits schieße ich mir damit selbst in den Fuß, weil es sich geschäftlich nicht wirklich lohnt.
Netzeitung.de: Sie vertreten einen HipHop, der nicht mehr zwischen East- und West-Coast unterscheidet, sie nutzen verschiedenste Stile. Glauben Sie, dass die alten Streitigkeiten überflüssig geworden sind, nachdem Rap zum Mainstream geworden ist?
Mims: Hören Sie, die Leute sollten schon wissen, wo Sie herkommen. Aber damit sollten sie nicht anfangen. Wenn man Musik macht, sollte es zu allererst darum gehen, gute Musik zu machen. Wenn du den Leuten dann auch noch sagen willst, wo du herkommst, ist das in Ordnung. Es gibt all diese Platten, auf denen es heißt «Ich komme aus der Gegend, und ich komme aus dem Hood». Aber die gibt es nur für kurze Zeit, dann verschwinden sie wieder, weil die Gegend nicht mehr angesagt ist. So funktionieren die Labels. Die nehmen sich eine Gegend vor, und dannn ziehen sie weiter.
Netzeitung.de: Sie haben sehr jung Ihre Eltern verloren. Wer hat sie eigentlich aufgezogen?
Netzeitung.de: Sie waren sehr gut in der Schule, haben ein Studium begonnen, Sie haben immer Musik gemacht, als DJ gearbeitet. Ihre Biografie hört sich an, als hätte man trotz der Umstände die Wahl. Das ist neu.
Mims: Wissen Sie, Musik taugt so wunderbar zur Unterhaltung, dass die Leute dazu übergehen, sich selbst zu unterhalten. Sie tappen in ihre eigene Falle. Wir wissen definitiv, worum es in diesem Kampf geht. Aber bei allem Respekt, und es ist mir egal, ob es um Musik oder Basketball geht: Ich kaufe denen die Ausrede nicht ab, dass irgendjemand von der Gegend geformt wird, in der er aufwächst. Ich habe großartige Menschen aus den miesesten Gegenden kommen sehen. Leute, die obdachlos waren, haben sich großen Erfolg erarbeitet.
Manche Leute lassen sich von der Gesellschaft runterziehen. Dabei haben sie nicht weniger Glück als andere. Sie gucken raus, sehen Leute mit Jordans, und sie haben keine, aber sie wollen auch Michael Jordan-Sneakers. Das kommt daher, dass du ein Opfer deiner selbst wirst. Ich wollte nicht, also habe ich nicht. Es gab Zeiten in meinem Leben, die hart waren, und in denen ich sicher nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen habe, aber ich wusste, was ich tue. Und ich wusste, dass ich die Konsequenzen tragen muss, wenn etwas schief geht. Das nennt man Wahl. Das ist der Unterschied zwischen mir und den anderen.
Ich kann bestätigen, dass ich - obwohl ich in einem «Ghetto» aufgewachsen bin - meine Möglichkeiten ausgeschöpft habe. Ich hatte die Möglichkeit, in die Schule zu gehen, also habe ich das gemacht. Ich hatte die Möglichkeit, aufs College zu gehen, also habe ich es gemacht. Auch wenn ich keinen Abschluss habe, ich habe es versucht, weil ich die Möglichkeit hatte. Ich habe nicht gestohlen oder Leute verprügelt, weil ich die Wahl hatte. Ich bin für mich selbst verantwortlich. Das muss man den Kindern beibringen.
Netzeitung.de: Aber wo kommt dieses Image denn her - Ghetto gleich Gangsta? Ist das die Mehrheit der Leute, oder sind das eben die, die es in die Medien schaffen?
Mims: Das hält sich die Waage. Die Gesellschaft baut dieses negative Image vom Ghetto auf. Wenn du Ghetto hörst, dann denkst du automatisch an Crackbabys und Waffen. Aber in den meisten dieser Gegenden leben Familien, hart arbeitende Leute, Kinder, die jeden Morgen in die Schule gehen. Möglicherweise gibt es sogar mehr davon, als von denen, die dieses negative Bild erfüllen. Das ist nicht mal unser Fehler. Das sind die Medien.
Netzeitung.de: Das ist Politik.
Mims: Die Öffentlichkeit, die Nachrichten.
Netzeitung.de: Wir hatten hier gerade eine unglaubliche Geschichte: In einer «miesen Gegend» gibt es eine Schule, deren Lehrer sich an das Kultusministerium gewandt haben, weil sie sich nicht mehr in der Lage sahen, die Kinder zu unterrichten. Sie seien zu aggressiv und brutal. Die Medien positionierten sich also vor der Schule, und plötzlich waren überall Bilder von diesen finsteren Kindern zu sehen. Später kam heraus, dass einige von ihnen bezahlt wurden, um sich möglichst fies guckend fotografieren zu lassen.
Mims: Ich habe noch eine bessere Geschichte: Vor einer Woche hatte ich ein Interview und wurde nach 50 Cent gefragt. Ich habe gesagt, dass ich ihn für intelligent halte, dass er viel erreicht hat, dass ich zu ihm aufblicke. Ich kenne ihn nicht, aber ich weiß, dass er sich eine Menge Respekt verdient hat. Und ich meinte: Dieses Album, das bald rauskommt, wird sein bestes sein, denn er muss sich keine Sorgen mehr machen ums Geld oder den Ruhm. Er macht es, weil er die Musik liebt. Das wurde mir komplett im Mund umgedreht! Plötzlich stand da zu lesen: Mims fordert 50 Cent heraus. 50 Cent sollte sich Sorgen um seinen Erfolg machen. Das habe ich nie gesagt! Das ist verantwortungslos. Ich kenne ihn nicht. Was passiert also, wenn meine Leute ihn jetzt was Negatives über mich sagen hören? Und dann heißt es wieder, ich hätte was Negatives gesagt. Am Ende bekämpfen sich die Leute wegen Lügen, ohne jeden Grund.
Die Macht der Medien ist so groß. Wenn die Medien die Welt besser weniger düster zeigen würden, gäbe es viele Probleme vielleicht gar nicht. Da ist diese Schule ein gutes Beispiel. Wenn man zahlt, um die gewalttätige Seite zu zeigen, und man gibt dem Kind sogar ein Messer, dann denken andere Kinder: Hey, wenn ich in den Stadtteil gehe, muss ich ein Messer mitnehmen. Und dann gehen sie da hin, und ein Krieg beginnt. Da sind die Medien Anstifter in einem Konflikt, den es eigentlich gar nicht gibt.
Oder nehmen Sie den Irak. Wir kämpfen nicht gegen Terroristen, wir kämpfen um Öl, um Geld. Aber das zeigen wir nicht. Wir zeigen vermummte Typen mit ner AK47, die durch die Straßen rennen. In Wahrheit beschützen die nur ihr Land. Da ist Entertainment, das uns da geboten wird. Eigentlich wollte ich ja über mein Album sprechen, aber ich glaube ich erkläre den Medien den Krieg.
Netzeitung.de: Und wie soll der aussehen?
Mims: Künstler sollten aufstehen und fordern, dass sie angemessen dargestellt werden. Ich kann natürlich nicht für alle sprechen. Aber das ist es, was die Musik braucht.
Netzeitung.de: Versuchen wir es doch noch mal mit der Musik: Haben Sie eine Vorstellung davon, wie sich der HipHop weiter entwickeln wird?
Mims: HipHop ist ein Geschäft. Und deshalb wird es kreisen: Mal geht es nur ums Geld, dann geht es um das Wissen und Bewusstsein, dann geht es nur darum, Spaß zu haben. Und der perfekte Entertainer weiß, wie man die Übergänge hinkriegt.
Netzeitung.de: Sie sehen also kein Problem für die Glaubwürdigkeit? Es gibt Menschen, die sagen: Ice Cube war toll, als er NWA gemacht hat, mit «Friday» habe er sich verkauft.
Mims: Er ist ein Mensch, und es gibt keinen Grund dafür, warum jemand nicht vielseitig sein sollte. Jemand der sich selbst erlaubt, alles zu tun, ist schlau. Gucken Sie sich Will Smith an. Wer hätte gedacht, dass dieser MC aus Philadelphia einer der bestbezahlten Filmstars der Welt wird. . Ich verehre Ice Cube, ich verehre Will Smith, LL Cool J und auch Leute wie 50 Cent. Weil sie mehr machen, als das, was die Leute von ihnen erwarten.
Mit Mims sprach Sophie Albers.

