«Gute Songs sind niemals fertig»
13.04.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Der in Omaha im kargen Nebraska aufgewachsene Oberst ist das, was man in früheren Zeiten ein Wunderkind genannt hätte, nur dass er eben nicht mit gepuderter Perücke am Klavier sitzt. Die ersten Aufnahmen machte der 1980 geborene Multiinstrumentalist im Alter von zehn Jahren. Sein erstes Album brachte er auf einem kleinen Label mit der Band Commander heraus, mit 17 gründete er Bright Eyes.
Zwar kann Oberst seinen musikalischen Output kaum bremsen, anders sieht es jedoch mit ganz normalen Unterhaltungen aus. Ein Interview gestaltet sich deshalb zuweilen etwas zäh. Aber wir haben ihn zum Reden gekriegt.
Conor Oberst: [klimpert immer noch auf der Gitarre] Wäre es O.K., wenn ich meine Antworten singe?
Netzeitung.de: Das würde das Aufschreiben deutlich erschweren. Ihr neues Album heißt «Cassadaga». Für das Wort habe ich gleich mehrere Erklärungen gefunden. An was haben Sie denn dabei gedacht?
Oberst: An beiden Richtungen. Ich war ein paar Mal in Cassadaga in Florida. Es ist wundervoll da unten. Ein magischer Ort.
Netzeitung.de: Was heißt magisch?
Oberst: [spielt immer noch Gitarre, singt aber nicht] Er hat eine Menge Energie, einen Gemeinschaftsgeist. Man fühlt sich da mehr allem zugehörig, nicht so abgeschnitten.
Netzeitung.de: Gibt es dort eine «Leit-Religion»?
Oberst: Da geht es mehr um die Energie um uns herum.
Netzeitung.de: Sind Sie religiös?
Oberst: Nein. [Er schaut die ganze Zeit sehr vergeistigt. Fast möchte man zum Telefon greifen, um Verbindung zu ihm aufzunehmen] Nicht mehr oder weniger als jeder andere auch.
Netzeitung.de: Die meisten Ihrer Lieder erzählen Geschichten. Ist das eine bewusste Entscheidung?
Oberst: Es kommt darauf an, wie Sie Geschichten definieren. Ja, ich glaube, sie erzählen alle eine Geschichte.
Netzeitung.de: Manchen Musikern geht es mehr um Sounds oder Liedkonstruktionen.
Oberst: Dann auf jeden Fall, ja. [lächelt breit und schlägt einen Akkord]
Netzeitung.de: Wann wissen Sie, dass ein Song fertig ist?
Netzeitung.de: Ein Song ist tot, wenn er fertig ist?
Oberst: Ja.
Netzeitung.de: Dann spielen Sie ihn auch nicht mehr?
Oberst: Nein. Vielleicht irgendwann... Du musst sie weiter entwickeln. [Akkord]
Netzeitung.de: Haben Sie schon einmal einen Song vergessen?
Oberst: Hm, dafür dass ich ein verdammt schlechtes Gedächtnis habe, kann ich mir eine Menge Texte merken. Manchmal kann ich mich aber nicht dran erinnern.
Netzeitung.de: Und dann müssen Sie den Text zwangsläufig ändern.
Oberst: [lacht] Ja.
Netzeitung.de: Ist ein gestorbener Song schon mal zurückgekehrt?
Oberst: Ist schon mal passiert, ja.
Netzeitung.de: Ein Zombie sozusagen. Sie haben Ihr Tour-Album «Motion Sickness» [Reisekrankheit] genannt. Touren sie nicht gerne?
Oberst: Ich toure schon gerne, aber und ich denke da stimmen mir die meisten Musiker zu das wirkliche Spielen, der Auftritt, dieser kleinste Teil des Tages, ist der Grund, warum du überhaupt auf Tour gehst. Aber der ganze Rest - zum Flughafen fahren, im Zug sitzen, im Hotel warten, auf den Soundcheck warten - das ist die Arbeit daran. Dafür wirst du bezahlt. Das wirkliche Spielen ist Spaß. Aber das gehört eben alles dazu, damit es überhaupt passiert. Das ist die Arbeit, eher langweilig. Die macht die Leute auf Dauer fertig, nicht das Auftreten. Aber natürlich gibt es auch mal schlechte Shows.
Netzeitung.de: Was ist für Sie eine schlechte Show?
Oberst: Wenn ich abgelenkt bin. Bei guten Shows bist du die ganze Zeit in der Musik, so als würdest du sie das erste Mal erleben zusammen mit dem Publikum. Alle kommen aus den verschiedensten Richtungen, aber finden sich zusammen in der Musik wieder. Bei einer schlechten Show fühlst du dich als Widerpart zum Publikum, du kommst nicht dran.
Netzeitung.de: Wie im Kino, wenn einem plötzlich die Struktur des Films auffällt, die Technik?
Oberst: Genau, das trifft es. Jeder erlebt die Musik doch anders, auf vielen verschiedenen Ebenen. Man schafft es nicht, dass alle wirklich genau das Gleiche fühlen. Aber man kann sie aufnahmefähiger machen für Dinge, die sie vorher nicht gefühlt haben, woran sie nicht gedacht haben. Und hoffentlich nehmen sie davon am Ende was mit.
Netzeitung.de: Haben Sie sich in Cassadaga zu Hause gefühlt?
Oberst: Ja, aber vielleicht auch nur, weil ich nur ein paar Tage da war. [lacht]
Netzeitung.de: Sie schreiben sehr viel. Können Sie überall schreiben?
Oberst: Ja.
Netzeitung.de: Im Bus, im Flugzeug...
[Oberst fängt an zu spielen und zu singen]
Oberst: Es ist eigentlich das schönste Gefühl für mich, einen Song zu schreiben. Dann fühle ich die Klarheit meiner eigenen Gedanken, dann fühle ich mich nützlich, vollständiger.
Netzeitung.de: Manchmal hören sich die Texte so an, als wären Sie ganz froh, sie los zu sein.
Oberst: Ja, irgendwie mag ich das.
Netzeitung.de: Sind Sie ein glücklicher Mensch?
Oberst: Ich denke schon. [Akkord, breites Lächeln und ein formvollendeter Augenaufschlag]
Mit Conor Oberst sprach Sophie Albers.

