«Noise macht nur Spaß, wenn man es selbst macht»29. Dez 2006 09:14  |  Thurston Moore | Foto: Sophie Albers |
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Auf «The Destroyed Room» haben Sonic Youth ihre B-Seiten veröffentlicht. Die Netzeitung sprach mit Thurston Moore, Mastermind der Noise-Band, aber lieber über die Band seiner Tochter.
Sie sind die Könige der Rückkopplung, der Disharmonie und der langen Haare vorm Gesicht. Vor 25 Jahren fingen Sonic Youth an, auf Festivals zu spielen, das Wort Noise neu zu definieren und den Weg zu ebnen für Bands wie Nirvana. Den Erfolg überließen sie anderen, doch haben sie nie aufgehört, die Schrauben des eigenen Stils weiterzudrehen.Nach fast genauso vielen Alben wie Jahren auf der Bühne und zahlreichen Kollaborationen haben sie nun «The Destroyed Room» veröffentlicht, eine Ansammlung von B-Seiten und Raritäten, wie das Cover verspricht. Eigentlich ist es aber der Abschied vom langjährigen Label Geffen. Thurston Moore, Gründer, Gitarrist und Ehemann von Bassistin Kim Gordon sieht die Dinge sehr entspannt, wenn es um seine Musik geht. Unsicherheit kommt erst auf, wenn die Sprache auf die Band seiner zwölfjährigen Tochter kommt. Coco Hayley Gordon Moore hat nämlich einen ganz eigenen Kopf. Netzeitung: Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Noise und Musik?
Moore: Uns ging es immer darum, diese Grenze zu verwischen, die es möglicherweise zwischen Noise und Musik gibt. Wir haben da nie wirklich so bewusst drüber nachgedacht. Die Band hat sich halt entwickelt und, irgendwann kamen wir an den Punkt, wo wir wirklich Musik machen wollten, die sich einerseits mit reinem Noise als Musik beschäftigt und dann wiederum mit dem traditionellen Song, wie es ihn auch in der Popmusik gibt. Ich denke die Platte, die wir vor der hier gemacht haben, «Sonic Nurse», das war die einheitlichste Platte, die wir je gemacht haben, was die Idee angeht, reine Noise-Elemente in der Musik zu haben, ohne dass es das eine oder andere ist. Nicht: Hier ist der Song, und hier ist der Lärm. Hier ging es darum, dass der Lärm Teil des Songs ist. Er war so grundlegend, dass man den Unterschied nicht machen konnte. Das fand ich interessant. Aber es gibt Leute, die diese Grenze ziehen [Er seufzt, schwenkt sein Rotweinglas und schlägt die Beine übereinander, Moore trägt Jeans mit Loch am Knie und weiße Vans] die wirklich mit Lärm als musikalischem Ausdruck arbeiten wollen, und die interessieren sich wiederum nicht für den traditionellen Song, für Komposition oder die traditionelle Instrumentierung. Ich kann diese ganze Kultur gut leiden. Ich beschäftige mich auch viel damit, arbeite mit den Leuten. Pure Noise-Musik ist eine wunderbare Form des Ausdrucks, sie hat so viele Facetten, unterschiedliche Ästhetiken. Wissen Sie, unsere letzte Platte, die «Rather Ripped», da haben wir bewusst nicht so viel Noise benutzt. Wir wollten eine gerade Rock'n'Roll-Platte, auch wenn sie letztlich nicht typisch ist. Ich denke, das hat mit der heutigen Akzeptanz von Noise als Musikart zu tun. Es ist hip geworden, es hat einen gewissen Wert bekommen. Vorher war es so marginalisiert. Es ist erfolgreich. Da war es für uns interessanter, eine Platte zu machen, die gar keinen Noise enthielt. Netzeitung: Wenn man sich den Musikmarkt gerade anguckt, dann ist Authentizität zu so etwas wie einer Marke geworden. Authentizität verkauft sich, ist also Mainstream. So wie Noise?
 |  'The Destroyed Room' | Foto: PR |
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Moore: Leute, die sich mit Noise-Musik beschäftigen, sind sehr elitär. Wenn jemand kommt und versucht, Teil dieser Gemeinschaft zu werden, weil er das Gefühl braucht, Teil einer Gemeinschaft zu sein, dann kannst du hier niemanden täuschen. Die sagen dann 'Ach, du machst dies und das.' Da geht so eine Art Authentizitätsradar an in der Noise-Musikszene. [lacht verhalten] Die schlagen Posern die Tür vor der Nase zu [lacht laut] In der Rockmusik wird da nicht so kontrolliert. Da kann jeder mitmachen, und Unauthentizität wird entschuldigt. Schließlich macht Unauthentizität einen großen Teil der Rock'n'Roll-Kultur aus. [lacht] Netzeitung: Und das ist gut oder schlecht? Moore: Manchmal kann Fake großartig sein. Es ist Pop, es ist amüsant. Es kann charismatisch sein, wie diese vorgefertigte Rock'n'Roll-Musik, die man im Supermainstream hört. Es wird als Teil der Kultur akzeptiert. Es ist nicht zu leugnen, dass es lukrativ ist... Netzeitung: Interessieren Sie sich für diese Musik? Informieren Sie sich? Lernen Sie daraus? Moore: Manchmal höre ich Sachen einfach aus dem Grund, weil ich eine zwölfjährige Tochter habe. Da höre ich Musik, die ich sonst nie hören würde. Jetzt aber auch nicht mehr, weil sie und ihre Freunde sich nun eher in Richtung richtig guter Klassiker bewegen, wie zum Beispiel das erste Ramones-Album, The Kinks, The Who, Beatles... Netzeitung: Ist das Ihr Einfluss? Moore: Ich weiß nicht, wir haben ihr nie irgendwas aufgezwungen. Die Musik ist im Haus. Aber es ist eigentlich sie selbst, ihre Freunde auch und deren Eltern. Kennen Sie The Who? Meine Tochter sagt, dass sie The Who wirklich toll findet, die klassischen Hits von denen. Und sie erkennt, dass es gute Songs sind. Als ich zwölf war, hatte ich nicht den Zugang dazu. Meine Eltern haben sich eher für klassische Musik interessiert. Die haben keine Popmusik gehört. Es war nicht im Haus, es kam immer von außen, ich musste es mir erschließen. Für sie ist es da, und sie reagiert darauf. Im Gegenteil zu dem, was an sie herangetragen wird durch die Konsumkultur, Sachen wie Kelly Clarkson... Netzeitung: So was hört sie sich nicht an, keine Britney Spears?
 |  Kim Gordon | Foto: Sonic Youth |
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Moore: Sie und ihre Altersgenossen finden Britney Spears und Lindsay Lohan verabscheuungswürdig. Sie finden das kitschig. Das ist gut! [lacht] Vor ein paar Jahren hat sie sich für Hillary Duff und Avril Lavigne begeistert. Da war ich wirklich... ich weiß nicht ob inspiriert oder informiert das richtige Wort ist... aber das hat mich interessiert zu hören, wie es funktioniert, die Mechanik dieses Songwritings. Es war so offensichtlich, was da vor sich ging. Ich war aber auch fasziniert davon, das sich Teile der Geschichte des Punkrock darin wieder fanden. Das war so verfeinert, gefiltert. In den frühen Siebzigern, als ich in dem Alter war, da gab es so schwer produzierte Gitarren nicht, das war mehr Bubblegum-Musik... Netzeitung: Sprechen Sie mit ihrer Tochter über Musik? Moore: Bis zu einem gewissen Grad schon. Sie ist aber in dem Alter, wenn wir mit ihr reden, dann kommt dieses 'Ja, deine Eltern reden mit dir'...[pausiert, denkt nach, windet sich auch ein bisschen] Wir reden schon ein bisschen drüber. Wenn Bob Dylan läuft oder so was, dann sagen wir ihr, wer es ist, was er gemacht hat. Und sie, vielleicht sieht es so aus, als würde sie nicht hinhören, aber sie hört es schon... Netzeitung: Es muss für ihre Tochter verdammt schwer sein, gegen solche Eltern zu rebellieren. Was bleibt ihr denn übrig... Moore: ...weil die Eltern selbst Rebellen sind... Ja. Sie findet es gut, dass wir Musiker sind. Aber unsere Musik liegt außerhalb ihrer Altersgruppe, die ist eher was für Erwachsene. Allerdings kennt sie einige unserer Songs. Sie hat auch Lieblingssongs. Aber sie weiß auch, dass wir nicht jeden Tag im Radio gespielt werden, dass wir keine reguläre Popmusik machen. Das ist ernüchternd, dass man arbeitender Musiker, Künstler sein kann, und nicht Teil des Mainstreams ist. Du bist kein Rockstar, du bist nicht Picasso, du bist nicht in jedem Haushalt, das ist sehr sachlich. Und das sieht sie. Netzeitung: Will sie auch in einer Band spielen? Moore: Sie hat eine Band! Die heißt The Lightbulb (Glühbirne). Und die haben auch schon ein paar Mal gespielt, das sind sie und zwei Freunde. Netzeitung: Welches Instrument spielt sie oder singt sie? Moore: Sie wechseln sich ab. Aber sie spielen nicht richtig... ich habe versucht, ihr ein paar Akkorde zu zeigen, habe gesagt 'Von hier aus kannst du alles machen', aber sie machen ihr eigenes Ding. Es ist sehr abstrakt, sehr frei, so wie sie die Stimmen und Texte benutzen. Die Texte sind großartig. Aber sie wissen auch, wenn ihre Klassenkameraden sie sehen würden, würden die sagen 'Ihr spielt ja gar keine richtigen Songs. Ihr macht nur Lärm.' Vor ein paar Monaten hat sie mit ihren Freunden im Keller geprobt. Als sie hochkamen, waren sie sehr gut gelaunt, und später saß unsere Tochter mit uns am Tisch und sagte: 'Wisst ihr was, Leute, Noise-Musik macht nur Spaß, wenn man es selbst macht!' [langes lautes Lachen] Das fand ich ziemlich brillant. Und Kim meinte 'Du hast total recht', und ich sagte 'Nein, das stimmt nicht'. Dann habe ich mich rausgezogen, indem ich meinte, dass sei bei manchen Noise-Musikern so, aber nicht bei allen.
 |  'Rather Ripped' | Foto: Sonic Youth |
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Netzeitung: Vor 25 Jahren haben Sonic Youth in der Nähe von New York ihr erstes Festival gespielt... [Die Zahl gefällt ihm nicht...] Sie haben so viele Stile und Genres kommen und gehen sehen, sogar deren Revivals. Erinnern Sie sich an das erste Sonic-Youth-Revival? Moore: Das ist spannend! Ich weiß noch, als wir unsere dritte Platte gemacht haben, «Bad Moon Rising», da haben die Leute gesagt, 'Oh, ihr werdet immer traditioneller.' Das passiert immer wieder [lacht in sich hinein] Leute kommen, sind interessiert, und dann entwickelt die Band sich weiter. Jeder hat so seine Ära mit einer Band. Also ich weiß Anfang der Neunziger gab es diesen Höhepunkt, und dann ging es wirklich abwärts, weil so viel passiert ist, all die neuen Bands. Wir haben nicht mitgezogen, haben keinen Alternative Rock gemacht, sondern seltsamere Musik, introspektiv. Ich denke dieses große Revival, dieses wieder erwachte Interesse, das kam erst kürzlich. Netzeitung: Haben Sie Angst vor dem Altern? Moore: Ich bin voll dabei, aber es ist auch entsetzlich. Mit Thurston Moore sprach Sophie Albers.
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