netzeitung.deRoger Cicero: «Musst dich halt verlieben»

 Herausgeber: netzeitung.de

Roger Cicero (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Roger Cicero
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Gerade wurde Roger Cicero für die deutsche Auswahl des Eurovision Song Contest vorgeschlagen. Die Netzeitung sprach mit dem swingenden Newcomer über Trennungen, die Fußballweltmeisterschaft und Kopfbedeckungen.

Diesen Hamburger hatte keiner auf der Rechnung. Veröffentlicht mitten während der WM, schob sich «Männersachen», das Album des Voll- und Herzblutmusikers Roger Cicero bis auf Platz drei der Charts nach vorne. Nun kommt Roger, 36 und Sohn des Jazzpianisten Eugen Cicero mit seinem augenzwinkernden Beziehungsswing erstmals auf große Konzertreise. Wir sprachen mit ihm in einem Kölner Hotel.

Netzeitung: Herr Cicero, die neue Single «Ich atme ein» ist im Gegensatz zu Ihren bisherigen Stücken eine eher nachdenkliche Nummer...

Roger Cicero: Schlimmer. Das Lied ist traurig. Richtig traurig. Die Frau ist gegangen, ich stehe da, und alles ist richtig schön scheiße.

Netzeitung: Ist das ein Gefühl, das Sie kennen, das Ihnen schon 100 mal passiert ist?

Cicero: Durchaus. Nicht 100 mal, aber ich kenne das. Manchmal gehe ich, manchmal geht sie. Aber früher oder später war bis jetzt immer einer weg.

Netzeitung: Was ist Ihr Rezept gegen Liebeskummer?

Cicero: Da gibt es keins. Nützt nichts. Durchgehen. Also gegen schlechte Gefühle kann man nichts machen. Gefühle sind da, um gefühlt zu werden.

Netzeitung: Wie lange dauert es bei Ihnen?

Cicero: Das kommt auf die Intensität des Verlustes an. Das ist sehr unterschiedlich.

Netzeitung: Wenn man Ihr Album «Männersachen» hört, dann weiß man nicht recht, woran man bei Ihnen ist. In dem Stück «Kein Mann für eine Frau» reicht Ihnen eine einzige Beziehung nicht aus. Singen Sie über sich selbst?

Cicero: Von jedem Song eine Facette ist bei mir auf alle Fälle vorhanden. Im Moment lebe ich gerade in einer festen Beziehung, seit zwei Jahren auch schon. Meine Freundin und ich, wir wohnen in Hamburg-Ottensen, schön Altbau. Deswegen entspricht «Kein Mann für eine Frau» nicht gerade meiner aktuellen Lebensphase. Aber es gab auch Zeiten, in denen ich diesem Männerbild sehr nahe kam.

Netzeitung: In jedem Hafen eine andere Frau...

Cicero: Naja, also nicht mehrere gleichzeitig. Aber als ich nicht in einer festen Beziehung war, konnte ich mir eine Weile auch nicht vorstellen, diesen beneidenswerten Zustand zu ändern. Ich dachte, ich würde zu viel verpassen. War natürlich Quatsch. Musst dich halt verlieben.

Netzeitung: Haben Sie damit gerechnet, dass Ihre Platte ein solcher Erfolg wird? Bis unter die ersten drei Plätze in den Charts klettert und Gold bekommt?

Cicero: Nee, überhaupt nicht. Dass es in dem Tempo abgeht und so einen Nerv trifft, das hätte ich nicht gedacht. Hätte aber auch keiner. Ich war sowieso vorstellungsfrei. Habe mir lieber den Kopf um die Musik gemacht, aber ob und was das für ein Erfolg sein würde, das ist überhaupt nicht meins. Ich konnte das nicht einschätzen. Ich habe bloß gehofft, dass die Leute das für sich entdecken, so langsam, immer mehr. Die Schritte waren eindeutig größer als gedacht. Auf einmal waren wir - rumms - auf drei, das war schon faszinierend. Viele Leute haben uns anfangs den Vogel gezeigt, dass wir das Album direkt vor der Fußballweltmeisterschaft rausgebracht haben...

Netzeitung: Vielleicht war das genau Richtige für all die Frauen, die sich nicht für Fußball interessieren...

Cicero: : Stimmt. Und mich hat es auch nicht gestört. Ich bin ein totaler Null-Fußballfan. Die WM fand ich nur als soziales Ereignis interessant. Ich verfolge auch die Bundesliga überhaupt nicht. Mich würde höchstens mal interessieren, ob Pauli noch mal aus der dritten Liga hochkommt.

Netzeitung: Was glauben Sie, ist das für ein Nerv, den Sie getroffen haben? Sind Männer und ihre Welt in den Medien unterversorgt? Erheben Sie die Stimme für den Mann, wenn es nur noch um Frauen, Emanzipation, Gegen-Emanzipation und solche Dinge geht?

Cicero: Ach, dieses «Jungs, so sieht es aus» mag auch ein Aspekt sein. Aber ich denke, vor allem ist es das Gesamtpaket. Die Musik, dieser Swing und Jazz, ist ja eine sehr zeitlose Musik. Da steht so eine Horde gestandener Mucker, die das alle studiert haben, es schon ihr Leben lang machen und wissen, was sie tun. Das ist was Reales, ein Beruf. Wenn wir spielen, merkt man es auch, dass es einer ist. Dazu kommen Texte, die die Leute verstehen und in denen sie sich unter Umständen auch wiedererkennen.

Netzeitung: Also die Mischung aus Handwerk, guter Idee und Witz?

Cicero: Genau, der Witz und dieses Augenzwinkern, das war mir sehr wichtig. Ich sehe Jazz sowieso überhaupt nicht als bierernste Angelegenheit. Jazz ist für mich sehr lebendig und improvisationsfreudig. Das ist eben auch Spielspaß. Und das sollte auch in den Texten wiedergefunden werden.

Netzeitung: Sie waren Ihr ganzes bisheriges Leben Musiker...

Cicero: ...kann man sagen...

Netzeitung: ...Ihr Vater war ein berühmter Jazz-Pianist, bei Ihnen zuhause sind Leute wie Caterina Valente ein- und ausgegangen. Wie war das für Sie?

Cicero: Och, ziemlich selbstverständlich. Ich habe das als Kind gar nicht mitbekommen. Das waren auch einfach nur Onkels und Tanten von mir. Jahre später habe ich dann plötzlich die Tante im Fernsehen wieder entdeckt. Man wird da ja auch nicht drauf vorbereitet.

Netzeitung: Ist Ihnen denn irgendwann aufgefallen, dass es anders zugeht als bei anderen Familien?

Cicero: Nö, ich habe das nicht so wahrgenommen. Das hat sich ja auch normalisiert. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich zwölf war. Es war bestimmt nicht alles Highlife in Tüten bei uns. So ab 14 habe ich ihn in den Ferien besucht und durfte manchmal abends mit auftreten. Ein paar Stücke konnte ich da schon. Zu der Zeit habe ich den Spaß an der Musik entdeckt. Kam auch immer sehr gut an.

Netzeitung: Das war für Sie also nie eine Frage, ob Sie überhaupt Musiker werden wollen?

Cicero: Eine Frage war das nie. Ich habe auch genug Abende rumgehangen, aber ich habe immer Musik gemacht dabei.

Netzeitung: Wie sind Sie dann gefördert worden?

Cicero: Das ist immer automatisch passiert, was ein Riesenvorteil ist, wenn du Kind von Musikern bist. Ich musste nicht darum kämpfen, zum Gesangslehrer zu dürfen. Das war alles ganz normal. Ich habe das nie in Frage gestellt.

Netzeitung: War es nach Jahren in Orchestern, Jazzbands und als Gastsänger - etwa bei Soullounge oder der Jazzkantine - ein großer Schritt, in die Popwelt einzutauchen?

Cicero: Das war auf jeden Fall eine Umstellung. Aber ich genieße das sehr, auf so einem Level, mit diesen professionellen Leuten arbeiten zu können. Diese ganze Organisation, dass überall schon alles aufgebaut ist, wenn man kommt, das weiß ich sehr zu schätzen. Das ist für einen Musiker eine echte Ausnahmesituation, wenn er seine Bühne nicht auf- und abbauen muss.

Netzeitung: Hat die neue Karriere auch Nachteile?

Cicero: Naja, ich habe früher unglaublich viele Sachen gemacht, mal kurz hier, mal kurz dort gesungen. Das hat mir alles Spaß gemacht. Aber jetzt geht das nicht mehr so leicht, weil ich gerade sehr in diesem Projekt eingebunden bin. Wenn sich jetzt ein Kumpel meldet oder die Jazzkantine fragt, ob ich zwei Wochen mit auf Tour kann, dann geht das eben nicht mehr. Ich bin schon sehr eingespannt.

Netzeitung: Laufen Sie immer mit dieser Baskenmütze durch die Straße?

Cicero: Viel, ja. Aber das war nicht die Idee für diese Platte. Ich trage immer schon gerne Kopfbedeckungen. Diese Baskenmütze ist allerdings neu, ich mag die total gerne.

Netzeitung: Sie haben mit Frank Ramond und Mathias Hass die selben Songschreiber und Produzenten wie Annette Louisan. Stören Sie die Vergleiche?

Cicero: Nein, ich mag ja die Sachen, die Annett macht. Und die Leute, die ganze Band, die sind einfach großartig. Wir verstehen uns blind.

Netzeitung: Haben Sie Idole?

Cicero: Frank Sinatra, Stevie Wonder, George Benson, Al Jarreau, Al Green. Alles Amerikaner. Diese Musik hat mich immer am meisten angesprochen. Wobei ich auch Udo Jürgens für einen nach wie vor grandiosen Sänger halte.

Netzeitung: So viele deutschsprachige Sänger, die Soul und Jazz machen, gibt es ja nicht...

Cicero: Das stimmt. Dieser Swing aus den Sechzigern verbunden mit deutschen Texten, das gab es so noch nicht. Das war auch schwierig. Denn es gab halt beim Aufnehmen nichts, an dem ich mich orientieren konnte, um es zum Fließen und zum Swingen zu bringen.

Netzeitung: Sind Sie nach dem Erfolg auf die Musik von «Männersachen» festgelegt?

Cicero: Im Moment macht mir das richtig Spaß, und wir werden auch auf jeden Fall noch ein zweites Album aufnehmen. Deutschsprachig zu singen, war erst gewöhnungsbedürftig, aber jetzt will ich das so weitermachen. Ich glaube aber nicht, dass ich noch fünf davon machen werde.

Netzeitung: Wer kommt zu Ihren Konzerten?

Cicero: Das ist sehr, sehr gemischt. Und es kommen auch sehr viele Pärchen.

Netzeitung: Sie gehen ja auch einigermaßen liebevoll mit den Geschlechter-Rivalitäten um.

Cicero: Genau, Mann stupst Frau, Frau stupst Mann, und am Ende haben sich alle wieder lieb.

Netzeitung: «Schön, dass du da bist» ist ein Fremdgehlied. Haben Sie Udo Jürgens mal getroffen?

Cicero: Das habe ich, ja.

Netzeitung: Haben Sie sich auch über Seitenspringen unterhalten?

Cicero: Nee, wir haben uns eigentlich gar nicht unterhalten. Das wäre aber mal eine Idee. Udo und ich sprechen übers Fremdgehen, hm, wer da wohl mehr zu erzählen hat...?

Netzeitung: Kommen viele Leute und frage Sie um Rat in Beziehungsdingen?

Cicero: Bloß nicht. Ich werde jetzt bestimmt nicht der zweite Doktor Sommer. Im Gästebuch schreiben aber eine Menge Frauen, viel mehr Frauen als Männer. Klar, das ist dann so Schwärmerei. Und ich finde das weder doof noch lese ich mein Gästebuch, wenn ich mal schlecht drauf bin.

Netzeitung: Ihre Freundin muss aber keine Angst haben, dass Sie sie mit Gästebucheintragerinnen betrügen...

Cicero: Fast alle schreiben ohne Fotos. Und das ist ja per se schon mal sehr wenig aussagekräftig. Wollen wir mal gucken, wer nach den Konzerten so in der Hotellobby sitzt...

Mit Roger Cicero sprach Steffen Rüth.