netzeitung.deWechsel zum Film für Roche «echt peinlich»

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Charlotte Roche (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Charlotte Roche
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In «Eden» feiert Moderatorin Roche ihr Schauspieldebüt. Mit der Netzeitung sprach sie über wachsendes Sendungsbewusstsein, das Ende der Sendung «Fast Forward» und Kochen mit ganzen Tieren als Party-Ersatz.

Sie hat den Grimme-Preis, hartnäckige Fans und glänzende Kritiken. Das ist Charlotte Roche, die Moderatorin. Lange hielt sie auf Viva mit «Fast Forward» die Indie-Fahne hoch, dann war sie mit «Tracks» auf Arte zu sehen. Doch ab dem 23. November gibt es auch noch Charlotte Roche, die Schauspielerin. In Michael Hofmanns «Eden», in dem es um die komplizierte Freundschaft zwischen einer verheirateten Kellnerin und einem zurückhaltenden Koch geht, gibt die vermeintliche Leuchtgestalt des deutschen TVs ihr Leinwanddebüt.

Netzeitung: Nun sind Sie auch eine dieser Moderatorinnen, die ins Schauspielfach wechseln...

Charlotte Roche: Ich finde das auch echt peinlich. Natürlich sind mir dieser Film und die Schauspielerei wichtig, aber der genannte Aspekt daran ist schon unangenehm. Dass man überhaupt fragen kann: Was ist mit den Musikfernsehmoderatoren los? Wieso wollen die alle Schauspieler werden? Da könnte man ja erst etwas Schlimmes denken: dass das, was sie davor gemacht haben, nichts Richtiges war. Oder sie haben das als Sprungbrett genutzt. Das ist doch, als wäre man als Zuschauer nur verarscht worden.

Netzeitung: So hatte ich das eigentlich gar nicht gesehen.

Roche: Ich finde das aber schon immer ein bisschen komisch. Ich denke viel darüber nach, und ich glaube, dass es Leute gibt, die ein gewisses Sendungsbedürfnis haben. Und genau das sind dann die Leute, die Castings bestehen. Ob man nun meint, man müsse Songs schreiben oder moderieren oder schauspielern oder singen – man will auf jeden Fall Applaus. Das kommt bestimmt irgendwoher aus der Kindheit. Manche Leute kriegen eben ein Blackout auf der Bühne und andere blühen da richtig auf.

Netzeitung: Aber warum denn nun die Schauspielerei?

Roche: Ich kenne Christian Ulmen privat, mit dem habe ich da mal drüber geredet. Der hat ja jetzt schon viele große Filme gemacht, und ihn fragen auch immer alle im Freundeskreis, warum er sich das antut. Wenn man doch eigentlich Moderator ist und dann auch noch so ein Chefrocker auf seinem Gebiet, wieso will man dann ein masochistischer kleiner Schauspieler sein, der vom Regisseur fertig gemacht wird. Das liegt, glaube ich, daran, dass Film einen größeren Wert hat. Man arbeitet länger an einer Sache und man hat das Gefühl, die Arbeit sei irgendwie bleibend. Zumindest wenn man einen guten Film dreht, der eventuell auch in zehn Jahren noch geguckt wird. Außerdem: Welchen Moderator bewundert man schon?! Aber Schauspieler oder auch Regisseure werden richtig bewundert und geliebt.

Netzeitung: Sie sind doch allerdings das beste Beispiel dafür, dass das auch bei Moderatoren der Fall sein kann.

Roche: Ja, das stimmt. Aber es ist trotzdem nicht so wie bei wirklich großen Schauspielern. Das geht den Leuten schon mehr ans Herz.

Netzeitung: Wie sind Sie überhaupt zu der Rolle gekommen?

Roche: Als erstes gab es natürlich einen Anruf von einer Casting-Firma, die mich einladen wollte und mir das Drehbuch geschickt hat. Da las ich dann den Namen Michael Hofmann und dachte gleich, dass der mir bekannt vorkommt. Nach etwas Überlegen fiel mir dann ein, dass der den «Strand von Trouville» gemacht hat. Das ist sein erster Film und den kannte ich, weil früher ein sehr guter Freund mir den gezeigt hatte, an einem sensationellen Abend mit viel Wodka. Da entstand jedenfalls schon mal Aufregung, denn ich kenne nicht viele deutsche Regisseure, die gute Filme gemacht haben. Also habe ich das Buch gelesen und bin ausgeflippt, weil es der Wahnsinn gewesen ist.

Im Nachhinein weiß ich auch, wie ich zu diesem Casting gekommen bin. Während des Castings ist Hofmann nämlich Bahn gefahren und hat irgendwo ein kleines Foto von mir gesehenen neben einem kleinen Artikel. Da hat er wohl gesagt: «So sieht Eden aus», und hat die Produzenten gebeten, mich einzuladen. Als er dann erfahren hat, dass ich bei Viva bin, war das eher schlecht. Er wusste das nicht und wollte auf keinen Fall, dass die Zuschauer im Kino ans Musikfernsehen denken müssen, wenn sie mich sehen. Deswegen sehe ich in dem Film auch ganz anders aus als früher im Fernsehen: mit braunen Löckchen, ganz wenig geschminkt und in biederen Klamotten.

Netzeitung: Hatten Sie vorher schon viele Drehbücher bekommen?

Roche: Ja, aber die waren alle totaler Mist. Ich war deswegen auch nie beim Casting. Es war also nicht so, dass ich nicht genommen wurde bei einer Sache, die ich gerne gemacht hätte. Ich fand die Bücher einfach alle nicht gut, obwohl ich gerne gespielt hätte. Den Wunsch, Schauspielerin zu werden, gibt es schon seit der Schulzeit. Dann kam allerdings Viva und dann ist man jahrelang abgelenkt. Wenn man dann die Drehbücher geschickt bekommt, rechnet man auch damit, dass irgendwann mal etwas dabei sein wird. Aber so war es nicht. Ich mache mir natürlich auch Druck: wegen «Fast Foward», diesem kleinen und feinen Biotop, halten mich einige Leute für schlau oder cool oder besonders, da kann ich dann nicht in Schrottfilmen mitspielen. Genauso wenig, wie ich einfach irgendwas im Fernsehen moderieren kann, denn schließlich habe ich den Leuten ja immer erzählt, dass ich nur gute Sachen machen will. Das war manchmal ziemlich schwer, weil ich nicht wusste, ob ich vielleicht gerade alle meine Chancen vorbeiziehen lasse.

Netzeitung: Vermissen Sie «Fast Foward» eigentlich?

Roche: Nee. Ich habe aber auch eine andere Wahrnehmung als andere, weil ich viel früher dafür kämpfen musste und viel früher wusste, dass die Sendung immer kurz davor war, abgesetzt zu werden. Das ging dann zwar immer noch ein Jahr und noch ein Jahr, aber es war eine lange Zeit, in der man sich ein bisschen davon verabschiedet hat, damit es nicht mehr so schlimm ist, wenn wirklich mal alles vorbei sein würde. Ich wusste immer, dass ich etwas mache, was ganz schlechte Quoten hat; die Daseinsberechtigung war nur das Prestige. Die wenigen Menschen, die «Fast Forward» regelmäßig gesehen haben, haben das geliebt und für die war das Ende ganz schrecklich. Aber ich kann damit nichts anfangen, auch wenn es mir natürlich Leid tut. Ich war die ganze Zeit mit diesen Arschlöchern zugange und war sauer, weil die mich schlecht behandelt haben.

Netzeitung: Wie ist es eigentlich mit dem Prestige und dem vielen Kritikerlob? Ist das nicht auch manchmal anstrengend für Dich?

Roche: Der Druck diesen Erwartungen auch immer gerecht zu werden, mache ich mir meistens gerne selber. Ich habe immer so einen imaginären Indie-Typen als Zuschauer vor Augen, der mein Kritiker ist. Der findet «Fast Foward» gut und denkt daher, dass Charlotte schon keinen Scheiß bauen wird. Dieser Typ soll nicht enttäuscht werden, und das ist dann mein Druck. Aber im Großen und Ganzen bin ich ja auch so streng mit anderen und bin wirklich jemand, der solche Maßstäbe dann noch strenger an sich selber anlegt: In welche Sendung darf man gehen und wo darf man erscheinen? In sieben Jahren Fernsehen kam ein guter Kinofilm, so ist bis jetzt die Rechnung. Also wer weiß, wie lange es dauert, bis ich wieder einen drehe.

Netzeitung: Noch eine Frage zum Kochen, worum es in «Eden» ja auch geht. Ist das privat auch Ihr Ding?

Roche: Kochen kam bei mir irgendwann als Ersatz fürs Feierngehen. Wenn Du einem Jugendlichen Geld in die Hand drückst, kauft der wahrscheinlich Drogen damit und geht tanzen. Das habe ich ja früher auch gemacht, und dazu passt es dann nicht, vorher noch lecker zu essen. Essen ist ja auch etwas Betuliches, und das wollen Jugendliche natürlich nicht. Aber durch Arbeit und Kind gibt es bei mir jetzt einfach immer weniger Feiern und Ausflippen und dafür mehr Kochen. Ich habe nicht einmal mehr Angst, ganze Tiere zu kochen und traue mich mittlerweile auch an komplette Enten oder Lammkeulen ran.

Das Interview führte Patrick Heidmann