«Mir ist egal, was am 11. September passiert ist»
Bushido: Ich war ein bisschen unterwegs und habe das Master von meinem ersten Album «King of Kingz» abgegeben. Dann bin ich nach Hause gefahren.
Netzeitung: Wissen Sie noch, wie spät es war?
Netzeitung: Sie haben nicht weiter ferngesehen?
Bushido: Doch, ich habe Computer gespielt und hinter mir lief der Fernseher. Das habe ich am 11. September gemacht.
Netzeitung: Was haben diese Bilder in Ihnen ausgelöst?
Bushido: Ich habe nicht getrauert, aber ich habe auch nicht gefeiert. Ich habe das sozusagen als neutraler Zuschauer mitbekommen.
Netzeitung: Haben Sie das Gefühl, dass die Leute auf der Straße Sie aufgrund Ihres arabischen Aussehens nach diesem Tag anders angeguckt haben?
Bushido: Nein, gar nicht. Aber mittlerweile merken wir ja, dass genau das manche Leute gestört zu haben scheint, dass nicht anders geguckt wurde. Also wurde noch eine Menge Öl ins Feuer geschüttet. Wie gerade wieder, als aufgedeckt wurde, dass die beiden Typen in Köln Libanesen sind, [die im Kofferbombenfall festgenommen wurden,] dass nach den Verhaftungen in London auch einer wieder in Deutschland, wieder in Hamburg war, wieder bei derselben Frau... ...Alles passt mal wieder.
Netzeitung: Weil es Ihnen egal ist, oder weil Sie sich falsch informiert fühlen.
Bushido: Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Mir ist es völlig egal, was am 11. September in New York passiert ist. Genauso egal ist mir, ob jemand in Afrika hungert oder in Südamerika im Ghetto abgeknallt wird. Ich bin da nicht, ich lebe da nicht. Mir geht es gut. Ich brauche nicht aufgrund meines angeblich schlechten Gewissens so zu tun, als hätte ich mit irgendeinem gottverdammten Menschen auf dieser Welt Mitleid.
Netzeitung: Sie haben keine Angst, in Deutschland selbst Opfer eines Anschlags zu werden?
Bushido: Ich glaube ans Schicksal. Nach meinem Glauben steht bereits im Augenblick meiner Geburt der Augenblick meines Todes fest. Und es kann auf Millionen verschiedene Arten passieren: Ich stürze mit nem Flugzeug ab, ich habe nen Autounfall, oder ich werde an irgendeinem U-Bahnhof in die Luft gesprengt.
Netzeitung: Haben Sie sich nach dem 11. September stärker mit dem Islam beschäftigt?
Bushido: Nein, absolut nicht. Wie gesagt: Der 11. September war für mich ein ganz normaler Tag wie jeder andere auch. Jeden Tag passiert irgendwo irgendwas. Aber es kommt dabei immer auf die Definition an. Und anscheinend werden andere Sachen, die eigentlich genauso schlimm sind, derzeit als weniger schlimm definiert, als zwei Flugzeuge, die ins World Trade Center fliegen.
Netzeitung: Naja, es ist der vermeintlich sichere Grund, das, was wir als unsere eigene Umgebung kennen. Selbst im Sudan oder in Gaza zu leben, liegt für die meisten außerhalb ihrer Vorstellungskraft...
Bushido: Wer sagt denn, dass Amerika ein sicheres Land ist?
Netzeitung: Der letzte Krieg war lange her, lange Zeit ist nichts passiert...
Bushido: Und was ist mit dem Schulmassaker von Columbine? Kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Zahlenverhältnis, wenn ein Mensch stirbt, ist das schon zu viel. Nur dass bei 3000 eben mehr trauern. Diese ganze Scheiße, diese ganzen durchgeknallten Leute, das passiert alles in Amerika. Jeder Krüppel hat da ne Waffe.
Netzeitung: Auf Ihrem neuen Album «Von der Skyline zum Bordstein zurück» sagen Sie in dem Song «Bloodsport» «Ich bin ein Osama Freund/ und denke du kackst ab George». Sechs Songs später, in «Blaues Licht», heißt es «Ich bin Antiterrorkampf/ Selbstmordkommando»...
Bushido: Und im Song «September» sage ich sogar «Ich bin Cowboy»...
Netzeitung: Der Song, den Sie vom Album nehmen mussten... Wo steht denn Bushido?
Bushido: Überall, ich tanze auf vielen Hochzeiten. Damit sehen Sie, dass ich eigentlich nur auf meiner eigenen Seite stehe. Es ist doch so: Niemand hätte sich hingesetzt und nach dem Hören von «September» gesagt «Bushido, kann es sein, dass du mit Amerika gar kein Problem hast? Du nennst dich Cowboy...»
Netzeitung: Im Songtext stürzen Sie auch selbst mit einer Passagiermaschine ab...
Bushido: ...und «ficke mit der Stewardess»...
Netzeitung: Na immerhin...
Bushido: Damit will ich demonstrieren, wie egal es mir ist! Ich stürze ab, aber ich ficke mit der Stewardess. Das ist auf jeden Fall das Letzte, was ich in meinem Leben machen wollen würde, wenn es denn so weit kommen sollte... [lacht]
Netzeitung: Als Sie den Song gemacht haben, wussten Sie doch um die Reaktionen auf das Thema...
Bushido: Ja, und gucken Sie sich mal an, wie billig das ist. Genau wie ne Olle, die in die Disco geht, sich an die Bar setzt, ein bisschen Titten zeigt und alles umsonst bekommt. Die weiß einfach, wie sies machen muss. Ich krieg zwar nicht alles umsonst, aber ich weiß auch, wie ichs machen muss. Ich habe den Song gemacht mit dem Wissen darum, was damit passieren könnte. Aber die Konsequenzen hätte ich gerne auch getragen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass er runterfliegt. Ich habe damit gerechnet, dass viele Leute sich daran stoßen werden. Ich habe mich aufgeregt darüber, dass der Song runtergeflogen ist, ich hätte mich nicht darüber aufgeregt, wenn die Leute mich einen Terroristen genannt hätten. Das kenne ich ja schon.
Netzeitung: Wenn jemand auf Sie zukommen und über den Djihad reden würde, sagen würde, dass man sein Leben dafür geben muss, wie würden Sie reagieren?
Bushido: Ich würde sagen: Bruder, ich bin der falsche Mensch, um darüber zu reden, denn ich bin ganz anders aufgewachsen. Ich würde mich niemals in die Luft sprengen. Niemals.
Mit Bushido sprach Sophie Albers.

