netzeitung.deThe Killers: «Ehrlich, ich will gar keinen Sex»

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The Killers (Foto: Universal Music<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe The Killers
Foto: Universal Music
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Mit «Sam's Town» ist endlich das zweite Album von The Killers erschienen. Die Netzeitung sprach mit Bandgründer David Keuning über Las Vegas, Regisseur Tim Burton und Paarungs-Probleme von Popstars.

The Killers war eine der ersten US-Bands, die es mit britischen Tönen ganz oben in die Charts geschafft hat. «Hot Fuss» aus dem Jahr 2004 erreichte in Großbritannien vier Mal Platin-Status, daheim in den USA drei Mal. «Mr. Brightside» war ein Sommerhit, doch konnte man genauso gut mit geschlossenen Augen einen der Songs des Debüts anwählen. Keiner war nur Durchschnitt.

Zwei Jahre später ist nun mit «Sam's Town» der Nachfolger erschienen. Dafür sind die Musiker Brandon Flowers, David Keuning, Mark Stoermer und Ronnie Vannucci in ihre Heimat Las Vegas zurückgekehrt. Allerdings nicht in den Glamour, sondern in die Wüste.

Ein Gespräch mit Gitarrist und Bandgründer David Keuning.

Netzeitung: Wer ist Sam?

David Keuning: Niemand Besonderes, wir wollen auch gar nicht, dass es jemand Bestimmtes ist. Jeder soll sich etwas Eigenes darunter vorstellen. Der Spitzname meiner Mutter ist manchmal Sam. Dann ist Sam für mich mein Zuhause, Sams Haus. Es könnte die Vereinigten Staaten sein, Uncle Sam. Sam’s Town ist auch ein nicht so gebräuchlicher Name für Las Vegas, einer der Gründerväter hieß Sam Boyd. Es ist definitiv keine Ode an ein schäbiges Casino gleichen Namens! Das möchte ich betonen. Damit hat es nichts zu tun, ist ein wenig glamouröser Ort. Es soll offen bleiben, wer Sam ist. Es kann alles sein.

Netzeitung: Wie dieses Bild von Miró, das «Der Frosch» heißt. Man steht davor, sucht den Frosch, dabei gibt es gar keinen...

Keuning: Genau, die Leute sollen sich ihre Gedanken machen. Ich habe keine Ahnung, was «Head on the Door» heißt, aber es ist mein Lieblingsalbum von The Cure.

Netzeitung: Könnte man sagen, dass «Sam’s Town» für The Killers die Rückkehr in die Wüste ist nach all dem Glitzer der Großstädte?

Keuning: Das stimmt! Das habe ich bisher nicht gehört, aber es stimmt. Wir waren zwei Jahre lang auf Tour, dann sind wir zurück gekommen nach Vegas und haben diese neue Art Album in der Wüste gemacht. Es hat ein bisschen was von Western, von Americano, Classic Rock, New Wave. The Killers haben viele Gesichter, die die Leute noch gar nicht kennen. Und um ehrlich zu sein, die Leute verstehen uns selten richtig. Ob wir nun Rock sind oder ein Abwandlung von irgendwas... Ich denke wir sind in jedem Genre zuhause. Jeder Song ist irgendwie anders.

Netzeitung: Wie ist es eigentlich, in Las Vegas zu leben?

Keuning: Ich bin vor sieben Jahren dorthin gezogen. Es gibt Leute, die, wenn sie erfahren, dass du in Vegas wohnst, allen Ernstes fragen, in welchem Casino du lebst! Ehrlich, so dumme Leute gibt es. Vegas kann all das sein, was du möchtest. Das mag ich so an der Stadt. Einmal ist es dieser dreckige, schmierige Ort und dann dieser saubere Flecken Erde, wo du in einem Haus in den Bergen wohnst umgeben von Bäumen.

Netzeitung: Ich dachte, da ist hauptsächlich Wüste...

Keuning: Es gibt einerseits die Sanddünen, dann wiederum läufst du 20 Minuten, und es sieht plötzlich aus wie in Colorado. Was immer du willst. Die Geschäfte sind rund um die Uhr geöffnet. Das mag ich auch sehr, weil ich nachts aktiv bin.

Netzeitung: Gehen Leute, die in Vegas wohnen, überhaupt auf den Strip oder hält man sich von den ganzen Touristen fern?

Keuning: Man meidet ihn wegen des Verkehrs. Es nervt, da rumzufahren. Andererseits ist es das Herz der Stadt, wenn es um Unterhaltung geht. Selbst für Einheimische gibt es da viel zu sehen. Wenn du dort lebst, findest du eben deine eigenen, geheimen Ecken, die Touristen nie zu sehen kriegen. Ich verlasse allerdings das Haus nicht mehr gerne aus vielerlei Gründen. Ich gehe zum Thailänder um die Ecke und dann nach Hause. Das war’s.

Netzeitung: Warum haben Sie keine Lust rauszugehen?

Keuning: Ich mag die Leute nicht, den ganzen Verkehr, ich kann Clubs nicht leiden. Da geht man hin, denkt, man hat den Spaß seines Lebens, und dann ist es nur laute Musik, und man steht in der Gegend rum. Man kann sich nicht unterhalten...

Netzeitung: Und alle warten darauf, dass irgendetwas passiert...

Keuning: Ich würde gerne mal wieder jemanden kennen lernen, aber es ist schwierig. Schwieriger als man denkt. Selbst wenn man ein Popstar ist.

Netzeitung: Wahrscheinlich gerade wenn man ein Popstar ist...

Keuning: Leute sagen zu mir, du kannst jede Frau haben, die du willst. Aber ich habe gerade eine traumatische Beziehung hinter mir.

Netzeitung: Mit jemandem, den Sie aus der Zeit vor dem Erfolg kannten?

Keuning: Aus der Zeit, als wir angefangen haben zu touren, vor dem ersten Album. Sie hat mitbekommen, wie wir berühmt wurden. Das ist jetzt alles so kompliziert. Ich habe einen Sohn, aber die Mutter will nicht mehr mit mir zusammen sein, weil ich eh nie da bin.

Netzeitung: Es ist ja Ihr Job, unterwegs zu sein.

Keuning: Ich mag die Musik, und mit dem ganzen Geld kann ich meinem Sohn ein gutes Leben bieten. Aber ich weiß nicht, was ich machen soll, sie ist kein besonders guter Mensch. Das können Sie schreiben. Jetzt versuche ich, andere Leute kennen zu lernen, und das ist anstrengend.

Netzeitung: Vielleicht weil Sie denken, die Leute hätten immer schon ein Bild von Ihnen, wenn sie Sie treffen. Das, was in den Magazinen steht...

Keuning: Ja, ich bin ein bisschen seltsam, aber ich bin kein schlechter Mensch. Wenn Leute The Killers treffen, wollen sie zu allererst Brandon kennen lernen, dann erst interessieren sie sich für den Rest der Band. Mark und ich sind eher die schüchternen Typen. Wir werden übersehen. Die Leute, die am meisten reden, bekommen die meiste Aufmerksamkeit.

Netzeitung: Das gilt aber nicht nun für Popstars.

Keuning: [lacht] Aber ich habe gedacht, Popstarsein hilft. Doch ganz im Gegenteil, schließlich bin ich jeden Tag in einer anderen Stadt. Es fühlt sich an wie dieser Film «Und täglich grüßt das Murmeltier». Kennen Sie den?

Netzeitung: Mit Bill Murray.

Keuning: Ich muss es schaffen, an einem Tag alles richtig zu machen, um jemanden ins Bett zu kriegen. Ehrlich gesagt, will ich gar keinen Sex. Warten wäre ok, aber ich sehe die Person wahrscheinlich eh nie wieder. Was soll man da machen?

Netzeitung: Irgendwann nach Vegas zurückkehren und ein bisschen runterkommen. Es bleibt ja nicht für den Rest Ihres Lebens so.

Keuning: Sie haben Recht, aber es ist hart.

Netzeitung: Und da wollen alle Popstars werden...

Keuning: Die Leute sagen «Hey, hast du nicht ein tolles Leben?» Und ich antworte: «Ja super, ich mache mir Sorgen um meinen Sohn, die Mutter mag mich nicht mehr und lebt mit einem anderen Mann zusammen. Das tut weh.»

Netzeitung: Ok, zurück zur Musik!

Keuning: Oh ja, die Musik...

Netzeitung: Ich habe ein lustiges Zitat gefunden, vielleicht hilft das...

Keuning: Ich will ja nur, dass die Leute da draußen wissen [beugt sich über das Aufnahmegerät]: Ich bin zu haben... Das wird nur in Deutschland erscheinen oder? Verdammt, so oft sind wir nicht hier.

Netzeitung: Ja, wäre wohl besser, das noch mal für die US-Medien zu wiederholen...

Keuning: Ach egal, Sie können das übrigens alles aufschreiben, ist mir egal. Ok. Stellen Sie mir jetzt ein paar Fragen, damit ich Ihr Interview nicht total ruiniere.

Netzeitung: Ok, das lustige Zitat: Vor The Killers haben Sie in einem Klamottenladen gearbeitet, und Sie hätten gekündigt, weil Sie die ganzen Hüte nicht ertragen konnten...

Keuning: Hüte? Ich kann mich nicht mal daran erinnern, ob es da Hüte gab. Vielleicht war ich bei dem Interview betrunken. Es gab eine Menge, was ich da nicht mochte, aber an Hüte erinnere ich mich nicht. Es war einfach ein Scheißjob. Ich habe im Lager Kleidung gefaltet. Dabei habe ich immer geträumt, da raus zu kommen. Ich habe bei der Arbeit Musik gehört. Das war das einzig Gute da. Radio hören, CDs hören, ich habe Mix-CDs aufgenommen mit The Cure, den Beatles, Elton John und so was, um mich bei Laune zu halten. Eines Tages kam ein neuer Manager und hat mir verboten, im Lager Musik zu hören. Nach eineinhalb Jahren. Ich hätte ihn am liebsten umgebracht.

Netzeitung: Was hatte er von dem Verbot?

Keuning: Ich habe mich zu wohl gefühlt. Man soll bei der Arbeit keinen Spaß haben.

Netzeitung: Das hört sich deutsch an.

Keuning: Es war ein neuer Manager, der seine Macht demonstrieren wollte. Ich habe zwei Wochen später gekündigt. Und weitere zwei Wochen später hatten wir einen Plattenvertrag! Ganz ehrlich: Am Besten gefällt mir an unserem Erfolg, dass ich nie wieder da arbeiten muss.

Netzeitung: Mir gefällt auf dem neuen Album «Uncle Johnny» am besten. Ein Song zum Thema Kokainsucht. Gibt es eine wahre Geschichte dazu oder sind das nur die üblichen Popstar-Drogenerfahrungen?

Keuning: Ja, der ist gut. Es geht um Brandons Onkel, der tatsächlich kokainabhängig war, und es hat ihn kaputt gemacht. Wir haben den Song in Frankreich während eines Soundchecks für einen TV-Auftritt geschrieben. Das war wirklich ein besonderer Moment: Mark spielte etwas auf dem Bass, ich spielte dazu dieses seltsame Riff auf der Gitarre. Es kam aus dem Nirgendwo.

Netzeitung: Und wie ist das mit den Drogen im Popstar-Alltag?

Keuning: Sie werden dir angeboten, aber sie zwingen dich nicht. Es ist da, wenn du es willst. Ich nehme nur Drogen, wenn wir in Amsterdam sind, das ist meine eigene Regel. Sonst nirgends.

Netzeitung: Das ist eine gute Regel.

Keuning: Da habe ich nicht das Gefühl, das Gesetz zu brechen. Ich fand Drogen nie so toll.

Netzeitung: Stimmt es, dass Tim Burton das Video zu «Bones» gedreht hat?

Keuning: Ja, und es ist sogar schon fertig.

Netzeitung: Wie ist es geworden?

Keuning: Wir haben keine Ahnung, wie es aussehen wird. Wir spielen auf einem Spielplatz, irgendwann werden wir zu Skeletten und spielen weiter. Der Song heißt ja auch Knochen. Wir waren so glücklich, dass er ja gesagt hat. Dabei hat er noch nie ein Video gedreht. Wir hatten die Idee und haben ihn einfach gefragt.

Netzeitung: Und wie ist Burton so?

Keuning: Großartig, intelligent, seltsam, einzigartig, kreativ. Es gibt sonst niemanden wie ihn. Er hat einen eigenen Stil. Das war einer der Höhepunkte unserer Karriere. Ich habe mir sogar extra eine besondere Gitarre für das Video gekauft.

Netzeitung: Was für eine?

Keuning: Eine weiße Gretch.

Netzeitung: Und was ist das besondere daran?

Keuning: Sie sieht cool aus. [lacht]

Netzeitung: Der Legende nach haben Sie per Anzeige nach einem Sänger gesucht, und Brandon sei der einzige nicht durchgeknallte Typ gewesen, der sich gemeldet hat.

Keuning: Die anderen waren wirklich etwas seltsam. Drei andere waren vor ihm da. Der eine hat sich nur gemeldet, weil wir beide die Beatles mögen! [Lacht] Er wollte Gitarre spielen, und weil ich auch Gitarre spiele, ist er wieder gegangen. Dann war da so ein Punker, der überall tätowiert war und Rockabilly spielen wollte, das passte nicht. Der nächste war so morbide, das er die Leute, die er geliebt hat und die gestorben sind, mit einem Tattoo auf seinem Arm verewigt hat. Das fand ich traurig, das erinnert einen doch dauernd daran. Da draußen gibt es eine Menge seltsamer Menschen.

Netzeitung: Ich könnte mir vorstellen, in Vegas noch mehr als anderswo...

Keuning: Wenn man perspektivlos ist in seinem Leben und nicht weiß, was man tun soll, dann geht man nach Vegas. Das machen viele Leute so. Ich war auch irgendwie verloren. Ich stamme aus Iowa. Ich hatte keinen Job, ich hatte nicht einen Freund in Vegas, als ich ankam.

Netzeitung: Warum Vegas?

Keuning: Keine Ahnung. Ist ein interessanter Ort. Ich hatte Iowa satt. Da habe ich die ersten 20 Jahre meines Lebens verbracht. Also wollte ich etwas anders ausprobieren. Und ich habe mir gedacht, ich probiere es in Vegas. Wenn es nicht klappt, dann gehe ich eben wieder zurück. Dann wäre es nur wie ein langer Urlaub. Doch aus einem Monat wurden zwei, dann sechs, dann habe ich Leute kennen gelernt und bin geblieben. Eineinhalb Jahre später habe ich die Anzeige aufgegeben, auf die Brandon sich gemeldet hat. Und ehrlich gesagt, wäre ich zurückgegangen, wenn die Anzeige nichts gebracht hätte.

Netzeitung: Was stand da eigentlich drin?

Keuning: Ganz simpel: Lust eine Band zu gründen? Einflüsse: Beck, Oasis, Beatles, U2. Brandon mochte Oasis.

MIt David Keuning sprach Sophie Albers.