netzeitung.deTokio Hotel: «Wir taugen nicht zum Vorbild»

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Lupe Tokio Hotel: «Wir taugen nicht zum Vorbild»

Die Tour geht zu Ende, die neue Single ist da. Die Netzeitung sprach mit Tokio Hotel über Fans, AC/DC und Terrorismus.

In einer Suite im Berliner Ritz Carlton sitzen die Zwillinge Bill und Tom Kaulitz und Gustav Schäfer von der Band Tokio Hotel. Der Boden ist übersät von Kekskrümeln, der Tag neigt sich dem Ende zu, und die Jungs sind entspannt. Gute Voraussetzungen für ein lockeres Gespräch über Gott, die Welt und Heidi Klum.

Netzeitung: Fühlen Sie sich eigentlich ernst genommen angesichts dieser Fan-Scharen schreiender Mädchen?

Tom Kaulitz: Wir sind auch noch jung - und machen Musik. Wir haben die Liebe dazu schon früh entdeckt. Junge Leute haben auch das Recht, Musik zu hören, genauso wie Ältere.

Bill Kaulitz: Mir ist egal, ob auch dreijährige Kinder unter unseren Fans sind. Es gibt niemanden, der keine Musik hört. Gerade im Teenie-Alter fängt es ja an, dass man die Liebe zur Musik entwickelt. Deshalb halte ich es für besonders wichtig, in diesem Alter Musik zu hören.

Netzeitung: Im Video zu «Schrei» zertrümmern Sie ein Zimmer. Haben Sie das jemals wirklich getan?

Bill: Bis jetzt war es uns zu teuer. Im Video haben wir einen alten Bungalow in Berlin genommen und dazu olle Lampen aus dem Sperrmüll. Es hat schon richtig Spaß gemacht.

Tom: Wenn das Hotel uns das erlauben würde, dann würde ich schon gerne mal ein Zimmer richtig zerlegen. Grade nach einer Show mit Adrenalin im Blut...

Netzeitung: Neben all dem Lob gibt es auch immer wieder Kritik oder Häme zu hören. Berührt Sie das?

Tom: Wir sind alle sehr tolerant. Wir respektieren es, wenn Leute verschiedene Musikrichtungen nicht mögen. Auch bei uns gibt es große Unterschiede. Ich zum Beispiel höre als einziger HipHop. Manche Kritik über uns klingt zwar ein bisschen dumm, aber manche ist auch angebracht, und das finden wir wirklich okay.

Bill: Wir haben das Glück, dass sich jeder mit unserer Musik befasst, auch die, die sie nicht mögen...

Netzeitung: Haben Sie eine Vorbildfunktion?

Bill: Gerade weil wir so jung sind, sollte man uns nicht als Vorbild nehmen. Es gibt Sachen an uns, die schlecht sind. Wir machen genauso viel Mist wie andere Jugendliche auch. Aber manche schreiben uns und sagen, sie haben eine Band gegründet und fangen an, Musik zu machen. Ich finde es cool, dass es Menschen gibt, die sich an uns orientieren und sehen, dass man mit Musik etwas erreichen kann.

Netzeitung: Wie kommen Sie eigentlich mit dem Ruhm und der Welt des Showgeschäfts zurecht? Das bringt ja auch Pflichten mit sich...

Gustav Schäfer: Man muss auf jeden Fall lernen, damit umzugehen. Das Showbusiness ist hart. Wenn es uns zuviel wird, dann nehmen wir uns einfach mal eine Woche frei. Wir sind nicht gezwungen, 24 Stunden am Tag durchzuarbeiten.

Bill: Es gibt viele Leute, die an einem etwas verändern wollen. Das fängt bei vielen schon bei der Plattenfirma an. Bei uns war das zum Glück nicht so. Da muss sich einfach jeder treu bleiben! Wir haben von Anfang an gesagt: Wir machen die Musik, und wir sehen so aus – entweder so oder gar nicht. Wir haben nichts verändern lassen. Dadurch, dass wir schon seit sechs Jahren befreundet sind, achten wir auch selbst aufeinander und schauen, dass es uns immer gut geht.

Tom: Wir legen auch viel Wert darauf, dass wir weiterhin Kontakt haben mit unseren Freunden, der Familie und so weiter. Alle behandeln uns noch wie früher. Dann spielt das Showbusiness keine Rolle mehr, da sind wir immer noch die Jungs aus Magdeburg.

Netzeitung: Sie bekommen unzählige Liebesbriefe von weiblichen Fans – sind auch welche von Jungs darunter?

Bill: Jungs schreiben eher wenig, die kommen lieber zu Konzerten. Ich hätte zum Beispiel nie Fanpost irgendwohin geschrieben. Uns schreiben eher kleinere Jungs, aber nicht sehr viele. Liebesbriefe haben wir von Jungs noch nicht bekommen, aber Fanpost schon.

Netzeitung: Um ein paar Gerüchte geradeheraus zu klären: Gibt es Männer, die Sie erotisch finden?

Gustav: Mit dem Geschlecht Mann habe ich nichts am Hut. Wir sind alle nicht homosexuell.

Bill: Einige Frauen kann ich aufzählen, zum Beispiel die Olsen-Zwillinge oder Angelina Jolie. Und Heidi Klum ist richtig geil – obwohl sie schon vergeben ist. Leider haben wir sie noch nicht getroffen.

Netzeitung: «Der letzte Tag» heißt die neue Single von Tokio Hotel. Der letzte Tag von was?

Bill: In dem Song geht es um einen letzten Tag, dem Ende von irgendetwas, was man gar nicht wissen möchte. Darum, den letzten schönen Moment zu genießen. Es gibt so viele tolle Sachen im Leben, und das wird total zerschlagen, wenn du weißt, dass es morgen zu Ende ist. Es kann jedes Ende gemeint sein – von einer Freundschaft, einer Beziehung oder einfach einer schönen Zeit. Zum Beispiel auch von einer schönen Tour. Wir waren traurig, als wir unsere Drei-Monate-Tour beendet haben. Werden wir die ganzen Leute je wieder sehen? Manchmal ist es einfach besser, nicht zu wissen, dass es bald vorbei ist.

Netzeitung: So wie das Ende der Welt. Wie stellen Sie sich das vor?

Bill: Ich kann mir nicht vorstellen, dass von einer Sekunde zur anderen alles vorbei ist. Ich hoffe, dass das niemand erleben muss. Ich wünsche das auch der Generation nach mir nicht.

Netzeitung: Schon einmal über Kinder nachgedacht?

Bill: Vielleicht später irgendwann, aber ich kann mir das nicht vorstellen. Ich bin nicht der Typ dafür, glaube ich. Doch wer weiß, was die Zukunft bringt...

Netzeitung: Gibt es irgendetwas, das Sie richtig bereuen und wofür Sie in der Hölle schmoren werden?

Tom: Ich finde, jeder Mensch muss Fehler machen, um daraus zu lernen. Ich würde niemals etwas rückgängig machen, wenn ich könnte.

Bill: Natürlich haben wir viel erlebt. Klar hätten wir vieles anders machen können. Aber es gibt nichts, was ich konkret ändern würde.

Netzeitung: Und für was kommen Sie in den Himmel?

Bill: Wir haben einen Hund aus dem Tierheim. Klar haben wir einige Sachen gemacht, die ganz toll waren – aber ob wir dafür in den Himmel kommen? Da gehört ja schon einiges dazu.

Netzeitung: Gibt es etwas, das Sie an Bill besonders stört?

Tom: Ich kenne Bill ja schon seit 16 Jahren. Wenn mich etwas an ihm stören würde, dann hätte ich es ihm gesagt, und er hätte es geändert. Er macht ja sonst auch immer alles für mich. Wir als Band kennen uns seit sechs Jahren und wissen, wie der andere in gewissen Situationen reagiert. Wenn es etwas gebe, womit wir nicht leben könnten, dann würde es so einfach nicht mit uns als Band gehen.

Netzeitung: Aber jeder hat doch bestimmt so seine Macken...

Tom: Georg zum Beispiel kommt immer zu spät und ist eine extreme Schlampe. Andauernd vergisst er Sachen. Eine andere Schlampe wäre er vielleicht auch gerne, aber das klappt nicht so ganz. Gustav ist ein Frühaufsteher – ich würde das gerne sein, ich bin ein extremer Langschläfer. Wenn mich niemand jeden Morgen aufwecken würde, dann würde ich mein ganzes Leben verpennen.

Bill: Und ich bin ziemlich egoistisch. Das muss man leider sagen.

Netzeitung: Sind Sie käuflich, egal wofür?

Bill: Ich würde nie mit jemandem für Geld schlafen.

Tom: Ich würde mich auch nie für Geld verstellen und zum Beispiel Volksmusik spielen oder mich erpressen lassen.

Netzeitung: Sie sind viel unterwegs. Angesichts der anhaltenden Terror-Panik: Mit welchem Gefühl steigen Sie in ein Flugzeug?

Bill: Ich habe sowieso ein bisschen Flugangst. Ich mache mich deswegen nicht heiß, aber es ist schon komisch. Gerade wenn es am selben Tag eine Warnung in den Nachrichten gibt. Wir fliegen aber jeden Tag und haben uns schon daran gewöhnt.

Gustav: Momentan habe ich auch mehr Angst vor Zugfahren als vorm Fliegen, weil zurzeit mehr Bahnhöfe gesperrt sind.

Netzeitung: Sie fahren noch Zug?

Gustav: Ich bin kein Freund davon. Es dauert viel länger als Fliegen.

Tom: Im Zug hast du mehr Beinfreiheit, kannst nebenbei arbeiten und auch mal herumlaufen. Der einzige Vorteil am Fliegen ist, dass es schneller geht. Oft fahren wir auch mit dem Auto.

Bill: Wir sind ja teilweise zwei Wochen unterwegs, und wenn ich dann mit zehn Koffern anrücke, dann weiß ich gar nicht, wie ich die alle in den Zug bekommen soll. Im Flugzeug ist das einfacher.

Netzeitung: Haben Sie sich schon einmal Gedanken über mögliche Soloprojekte gemacht?

Bill: Wir werden auf jeden Fall immer zusammen spielen. Aber vielleicht gibt es ja irgendwann mal einen Song, wo viele Künstler singen, und wenn das dann noch für eine coole Sache ist, würde ich bestimmt auch mitmachen. Ein Soloalbum ist aber nicht in Planung. Ich könnte mir überhaupt nicht vorstellen, eine Soloplatte aufzunehmen, und Tokio Hotel gebe es auf einmal nicht mehr. Wenn, dann höchstens parallel zur Band.

Netzeitung: Es gibt doch sicher Künstler, mit denen Sie gerne mal arbeiten würden...

Tom: Es muss natürlich immer jemand sein, mit dem wir uns identifizieren können. Ansonsten wären wir ja käuflich...

Gustav: Wenn Green Day, Metallica, AC/DC oder die Rolling Stones anfragen würden, könnten wir sicher nicht Nein sagen. Die passen einfach zu uns.

Netzeitung: Und wie sieht es bei US5 aus?

Tom: Ich wüsste nicht, wo wir uns da musikalisch treffen könnten. Für US5 müssten wir uns einfach nur verbiegen. Das sind ja keine Musiker, sondern nur Sänger.

Bill: Ein Duett machen wir sicher noch irgendwann einmal mit jemandem. Aber dann muss das menschlich und künstlerisch total stimmen. Du musst eine Musik finden, die dich total berührt, und das geht normalerweise nur mit unseren eigenen Sachen. Ich müsste mich auf jeden Fall mit der Person gut verstehen und die Musik mögen. Ansonsten funktioniert das gar nicht.

Netzeitung: Gibt es eine Zeit nach Tokio Hotel?

Bill: Ich könnte mir keinen anderen Beruf vorstellen als Musiker. Ich mache das, solange ich Bock darauf habe. Was sollte ich denn sonst machen? Vielleicht benennen wir uns irgendwann um, aber solange wir musikalisch in dieselbe Richtung wollen, werden wir auf alle Fälle zusammen bleiben.

Netzeitung: Gibt es noch irgendetwas, das Sie in Ihrem Leben unbedingt erreichen wollen?

Bill: Wir wollen jetzt ins Ausland gehen, Deutschland kennen wir ja mittlerweile schon. Ansonsten werden wir immer weiter neue Alben produzieren, solange es uns Spaß macht.

Mit Bill, Tom und Gustav sprachen Karsten Breitig und Robert Meyer.