Ice Cube: «Sie haben ihre Hirne ausgeschaltet»
21.07.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Mitte der achtziger Jahre gründete er mit Eazy-E, Dr. Dre, DJ Yella und MC Ren die Gruppe N.W.A. - und schrieb Musikgeschichte. Mit harten, politischen Texten über den Alltag im Viertel, die sich um nichts und niemanden zu scheren schienen, wurde N.W.A. berühmt berüchtigt. Das Debütalbum «Straight Outta Compton» brachte ihnen nicht nur eine große Fangemeinde, sondern auch die Aufmerksamkeit aufgebrachter Elterngruppen und sogar des FBIs ein.
Doch mit seinem neuen Album «Laugh Now, Cry Later» meldet sich der Musiker in altbekannter Manier zurück. Er nenne es «Vintage Ice Cube» sagte er im Interview mit der Netzeitung und zeigte sich enttäuscht vom unpolitischen Nachwuchs im Rap.
Netzeitung: Gleich im ersten Song «Why We Thugs» (Warum wir Verbrecher sind) geht es um Waffen und Drogen... «20 years for what» heißt es da...
Ice Cube: «Why We Thugs» gibt Menschen eine Stimme, die in diesem System aus Waffen und Drogen gefangen sind, einem Leben als thugs eben. HipHop hat dieses thug-life ja für sich angenommen. Ich wollte ihnen zeigen, was das eigentlich alles soll, wo es herkommt. Warum ist das Leben im Viertel so wie es ist? Wo kommen die Probleme her?
Hier geht's um Unternehmen, die mit Millionen-Dollar-Maschinen Waffen für 100 Dollar bauen, und die packen sie dann in eine Umgebung, die wirtschaftlich verzweifelt ist, mit allen möglichen sozialen Problemen. Das macht uns zu Verbrechern. «20 years for what» meint die Strafe, die bestimmte Menschen beispielsweise für Drogendelikte bekommen. «20 years for what/ breaking these laws/ that are so corrupt» - die Gesetze sind schon korrupt. Ich kriege 20 Jahre, weil ich sie gebrochen habe. Das ist der Schrei eines Mannes, der für den Rest seines Lebens hinter Gittern sitzt für kleinere Vergehen...
Netzeitung: ... während die großen Fische davonkommen.
Ice Cube: Ja, die großen Fische vertreiben die Drogen, vertreiben die Waffen und werden nie erwischt.
Netzeitung: Macht Sie das Waffengerassel eines 50 Cent eigentlich wütend? Es gab ja Aufruhr wegen seines Films...
Ice Cube: Nein, ich weiß ja, wo es herkommt. Das Gute am HipHop ist, dass wir hier von The Good, the Bad and the Ugly reden. Es hat genauso wenig nur eine hübsche Seite wie es nicht nur eine hässliche Seite hat. Es schließt alles mit ein. Und du weißt nie, was du kriegst. Das ist für mich die Schönheit des HipHop, dass du nie weißt, was dabei rauskommt. Nichts ist unmöglich.
Netzeitung: In dem Song «Child Support» beschweren Sie sich allerdings darüber, was aus HipHop geworden ist...
Ice Cube: Wissen Sie, ich benutze gerne diese Unterhaltsmetapher. Damit haben schließlich viele Leute im Viertel zu tun. Ich wollte die Analogie ziehen, dass ich als Old-School-MC der Vater des Gangsta Rap bin, und dann gucke ich mir diese ganzen Monster an, die ich geschaffen habe...
Netzeitung: «I brought you in the world/ I'll take you out» (Ich habe euch in die Welt gebracht/ Ich werde euch von ihr nehmen
Netzeitung: Sie sind enttäuscht vom Nachwuchs?
Ice Cube: Irgendwie schon, denn es ist einseitig geworden. Es geht nur noch um den materialistischen Lebensstil. Es geht nicht mehr darum, etwas zu verändern, sondern darum, so viel Geld wie möglich zu machen. Das ist auch cool, ich unterstütze das, denn es war immer Teil des Rap. Aber es sollte eben nicht 90 Prozent ausmachen. Es muss ausgewogener sein, nicht nur Geld, Autos, Schmuck, Frauen. Das ist der lustige Part im Rap, aber man sollte eben auch über die Probleme reden, die das Publikum hat, vor allem wenn du sie selbst kennst. Du musst dir überlegen, wie du es den Leuten mit deinen Texten rüberbringst. Auch das ist Teil des HipHop. Ich bin enttäuscht, dass die Leute ihre Hirne ausgeschaltet haben, nicht mehr nachdenken, nicht mehr versuchen, dem System voraus zu sein.
Netzeitung: Wie ist es denn zu dieser Einseitigkeit gekommen?
Ice Cube: In den Massenmedien gibt es bewusste Bestrebungen, eben diesen harmlosen HipHop über Partys und den ganzen Mist zu fördern und den Rap, der die gesellschaftliche Veränderung thematisiert zu unterdrücken. Als die G-Funk-Ära begann mit Snoop und Dre das ist großartige Musik keine Frage - gab es bewusste Bemühungen, das zu unterstützen und eben nicht Public Enemy und KRS One. Diese Art Rap sollte ausgeblendet werden. Seitdem ist der Materialismus das größte Thema im Rap, da stürzen sich alle drauf. Spaß Spaß Spaß, kümmer dich nicht um die Rechnungen, kümmer dich nicht um deinen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Status. Kümmer dich um nichts, hab einfach nur Spaß. Ist ja dein Geld.
Netzeitung: Wurde der HipHop also gekauft, geschluckt, um ihm die Zähne zu ziehen?
Ice Cube: Wir haben einfach keine Öffentlichkeit bekommen, sondern die Materialisten des HipHop. Die machen der Regierung ja auch weniger Ärger, den Unternehmen. Wenn man nicht über gesellschaftlichen Wandel spricht, wird es ihn auch nicht geben. Also tut man die Rapper, die darüber singen als veraltet, verrückt, old school ab.
Netzeitung: Gibt es darüber eine Diskussion in den USA?
Ice Cube: Es gibt nur noch sehr wenige MCs, die politisch vernetzt sind. Eigentlich redet niemand darüber, weil die meisten eben der anderen Richtung angehören. Die kennen nicht mal die Auseinandersetzung, die kümmern sich nicht um das Politische, also wird es gar nicht erst Thema. Die Diskussion findet nur unter Rappern statt, die schon immer politisch waren. Meist sind es eher lokale Künstler, die politische Themen ansprechen.
Netzeitung: Wenn Sie auf Ihre Zeit mit N.W.A. Mitte, Ende der achtziger Jahre zurückblicken, auf das, was sie mit ihrer Musik ändern wollten, sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?
Ice Cube: Oh ja. Denn das, was wir verändert haben, ist mehr als wir jemals erwartet haben. Wir wollten auf das aufmerksam machen, was passiert, was in South Central L.A. los ist, in Compton. Wir dachten, die Welt interessiert das überhaupt nicht. Das war ja alles vor den Filmen über South Central wie «Boyz in the Hood» (Jungs im Viertel). Niemand hat sich darum geschert, was in South Central passiert.
Wir wollten den Leuten sagen: Hey, guckt euch das mal an, das ist der Wahnsinn. Es ist verdammt hart, hier aufzuwachsen. Als ich dort aufgewachsen bin, gab es die Gang-Kämpfe, dann kam das Marihuana, das Kokain - so wurde es zu einem katastrophalen Ödland. Wir wollten so etwas wie ein SOS senden, damit die Welt uns sieht. Nicht dass wir damit gerechnet hätten, dass sie hingucken würde, eigentlich war die Musik für die Leute in unserer Nachbarschaft bestimmt. Wir dachten wir geben dem Viertel unsere Platten, denn diese Leute wissen, wovon wir reden in unserer eigenen Sprache. Dafür waren die Platten gedacht. Just for the hood. Doch schließlich landeten sie sonst wo.
Netzeitung: Unter anderem in Deutschland...
Netzeitung: Hat diese plötzliche Verantwortung Ihnen auch Angst gemacht?
Ice Cube: Klar, wird haben ja nicht damit gerechnet. Wir waren Westcoast-Künstler. Haben Sie 86, 87 irgendwelche Westcoast-Künstler gekannt? Nein, da waren nur die New Yorker. Wir wussten nicht, dass wir überhaupt eine Chance haben würden. Ich dachte, wir werden vielleicht Lokalhelden...
Netzeitung: Hat das Feedback sie erschreckt?
Ice Cube: Nein, es war wie eine Welle zu reiten. Wir hatten keine Zeit, erschrocken zu sein. Wir haben's einfach gemacht.
Netzeitung: Hat sich Ihre Wut je gelegt? Sind Sie ruhiger geworden?
Ice Cube: Nein! [entschieden] Auch wenn ich heute finanziell zufrieden bin, stecken viele Leute aus meinem Umfeld - Familie, Freunde, Nachbarn - noch immer in diesem Höllenloch. Und es ist noch schlimmer geworden. Es frustriert mich, dass ich nicht allen helfen kann, aber immerhin habe ich eine Stimme. Und ich kann darüber sprechen, ich kann mit den Leuten reden...
Netzeitung: Sie können noch zurückfahren, und die Leute schicken Sie nicht weg? Sie sagen nicht: Was willst du hier, du bist reich, du gehörst hier nicht mehr her?
Ice Cube: Sie lieben mich. Ich weiß, dass ich es geschafft habe, aber ich spreche noch immer für diese Leute, für die ich immer gekämpft habe. Sie können ja nicht wirklich für sich selbst sprechen. Ich habe eine Plattform, um es der Welt mitzuteilen. Ich kann mich mit Ihnen hinsetzen und darüber reden, was in South Central L.A., was in der black community los ist. Das ist wertvoll für die Leute, die da leben. Wer soll sonst für sie sprechen. Deshalb bin ich den Mächten hinter den Massenmedien auch ein Dorn im Auge. Sie geben mir nie die volle Anerkennung, die ich von der HipHop-Community bekomme, schließlich passe ich mich ja nicht dem Mainstream an.
Netzeitung: Nach Ihrem Ausflug nach Hollywood wurde Ihr Album unter anderem mit «Rückkehr zur alten Form» beschrieben...
Netzeitung: Hatten Sie das Gefühl, zurückkehren zu müssen?
Ice Cube: Ich bin immer am Boden geblieben. Ich bin immer ich selbst geblieben, die Welt hat mich nicht verändert. Ich schlage mir nicht selbst auf die Schulter, ich trete mir aber auch nicht in den Arsch. Dieses Album habe ich für Ice-Cube-Fans gemacht. Es ist meine Produktion. Ich musste mich nicht um Plattenfirmen scheren, kein A&R, keine Charts. Ich wollte einfach nur HipHop machen für Leute, die mich meine ganze Karriere lang schon begleitet haben.
Mit Ice Cube sprach Sophie Albers.

