netzeitung.deSchmid: «Dämonen gibt es nicht»

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Hans-Christian Schmids «Requiem» erzählt von einer tödlichen Teufelsaustreibung. Im Interview spricht der Regisseur über seinen eigenen religiösen Hintergrund und die Reaktionen der «echten» Hinterbliebenen.

Die Jugendkomödie «Nach 5 im Urwald» bedeutete 1996 nicht nur den Durchbruch für Franka Potente, sondern auch für Hans Christian Schmid. Das Hacker-Drama «23» und die Bestseller-Verfilmung «Crazy» festigten seinen Ruf als einer der talentiertesten Regisseure des jungen deutschen Films, dem er auch 2003 mit seinem Berlinale-Beitrag «Lichter» gerecht wurde.

Mit «Requiem», der beklemmenden Geschichte einer jungen Frau, die glaubt vom Teufel besessen zu sein, ist er in diesem Jahr erneut im Wettbewerb der Berliner Filmfestspiele vertreten und stand dort Rede und Antwort. Hans-Christian Schmids Film ist der vierte deutsche Beitrag im Wettbewerb der Berlinale. Inspiriert wurde der Streifen über eine junge Frau (Sandra Hüller gibt ihr Filmdebüt als Michaela Klingler), die mit einer schweren Krankheit und ihrem Glauben kämpft, von einem bekannten Exorzismus-Fall in den Siebzigern.

Netzeitung: Ihr Film nimmt sich viel Zeit für die Beschreibung von Ort und Zeit, bevor er konkret bei seinem eigentlichen Thema, Michaelas vermeintlicher Besessenheit, ankommt. War das von Anfang an so geplant oder entstand diese Entwicklung erst im Schneideraum?

Hans-Christian Schmid: Das stand schon von Beginn an so im Drehbuch. Im Gegenteil, da wurde im Schnitt eher noch die eine oder andere Szene gekürzt. Es erschien mir einfach so schwer, dem Zuschauer klar zu machen, dass wir hier die Geschichte einer jungen Frau erzählen, die in einer recht modernen Zeit – nämlich den Siebzigern – lebt, dass es aber am Ende eben doch darum gehen wird, dass sie glaubt, dass sie besessen ist. Dafür braucht man schon einen gewissen Anlauf, damit der Zuschauer das mitmacht. Außerdem wollten wir uns genug Zeit nehmen um zu schildern, dass Michaela trotz allem eine durchaus kräftige, fröhliche und dem Leben zugewandte Person ist. Dennoch bin ich der Ansicht, dass wir uns nicht zu lange damit aufhalten, denn kaum ist sie an der Uni in Tübingen angekommen und beginnt sich einzuleben, geht die Geschichte ja schon in ihre letztliche Richtung.

«Aberglaube hoch im Kurs»
Netzeitung: Sie haben Recht, man ist als Zuschauer in der Tat irritiert und wundert sich, dass dieses Mädchen tatsächlich glaubt, vom Teufel besessen zu sein.

Schmid: Ja, aber das ist genau die Geschichte, die der Drehbuchautor Bernd Lange und ich erzählen wollten. Uns ging es eben nicht um zwei Pfarrer, die ihr das womöglich aufdrängen, sondern sie bittet ja im Grunde darum, dass man ihr hilft. Ich erkläre mir das ganz stark mit ihrem Elternhaus, ihrer Herkunft und der Erziehung. Ich selbst komme aus dem Wallfahrtsort Altötting, da steht Aberglaube in manchen Kreisen durchaus hoch im Kurs. Dieses fortgeschrittene Gottesbild, das unsereins vielleicht hat, wo man Gott für eine Idee und nicht für eine Personifikation hält, ist da nicht unbedingt weit verbreitet. Außerdem hat Michaela ja eine schwere Krankheit, und ich glaube, dass Menschen sich in solchen Situationen allen möglichen, durchaus auch abenteuerlichen Erklärungs- und Heilversuchen zuwenden, wenn die Schulmedizin aus irgendeinem Grund versagt.

Netzeitung: Die religiöse Erfahrung, die Michaela macht, würden Sie also schon als Aberglauben bezeichnen? Oder ist das eher eine Spielart von Religion, die man als Außenstehender vielleicht nicht versteht?

Schmid: Natürlich ist das eine Spielart von Religion, aber als solche würde ich auch Aberglauben bezeichnen. Um noch einmal kurz auf Altötting zurückzukommen: der ganze Reichtum dieser Stadt beruhte darauf, dass Leute abergläubisch sind. Die Blütezeit der Stadt war zur Zeit des Ablasshandels, als man noch ernsthaft dachte, man könne sich mit der Spende einer bestimmten Summe Zeit im Himmel kaufen. In Michaelas Fall ist die Angelegenheit sicherlich wesentlich komplexer, aber ich persönlich habe einfach eine so rationale Herangehensweise an dieses Thema, dass ich nur sagen kann: Dämonen gibt es nicht. Zumindest nicht diese «handfesten», um die es bei einer Besessenheit geht. Die Dämonen in unseren Köpfen sind natürlich ein anderer Fall, und genau damit hat Michaela zu tun. Ihre Probleme kommen aus ihr selbst heraus, nicht durch den Teufel.

Netzeitung: Die gleiche Einstellung hat im Film Michaelas Freundin, die sie ins Krankenhaus bringen will. Wäre das also die Rettung gewesen?

Schmid: Nun, es wird zwar im Film nur am Rande erzählt, aber wir zeigen natürlich schon, dass das, was von den Ärzten an Hilfe kam, für Michaela nicht gereicht hat. Ich glaube, dass es eine starke Tendenz bei Medizinern gibt, nicht auf die Patienten einzugehen und ihnen zumindest nicht auf der menschlichen Ebene weiterzuhelfen. Michaela hätte vermutlich jemanden gebraucht, der ihr anders hilft als ein Arzt, der in ihr bloß einen Fall sieht. Daran hat sich sicherlich auch heute nichts geändert. Ich möchte nicht wissen, was los wäre, wenn ein Patient seinem Arzt sagt, er sei auch ein sehr gläubiger Mensch und würde gerne seinen Seelsorger in die Behandlung mit einbeziehen.

«Geschichte fürs Kino erzählen»
Netzeitung: Sie sprechen jetzt immer von Michaela. In wie vielen Fällen könnte man da auch Anneliese Michel einsetzen – also wie sehr haben Sie sich für den Film an dem realen Fall orientiert?

Schmid:: Wir beziehen uns schon auf den Fall Michel und wollen das auch nicht verleugnen, deswegen steht ja auch im Vorspann: frei nach einer wahren Begebenheit. Diese Formulierung ist entscheidend, denn wir wollten unsere Geschichte fürs Kino erzählen, Dinge verändern und uns Freiheiten nehmen. Deswegen haben wir irgendwann auch alles, was wir recherchiert hatten, in die Schublade gelegt. Aber «Requiem» entspricht durchaus dem Geist der Zeit und auch der Konstellation der Familie. Annelieses Schwester kennt ja auch unser Drehbuch und fand es treffend.

Netzeitung: Sie hat das stellvertretend für die Familie gelesen?

Schmid: Ich denke dass es mittlerweile alle gelesen haben werden, aber eine der Schwestern war einfach meine Kontaktperson. Natürlich ist die ganze Familie nicht sonderlich erpicht auf Aufmerksamkeit. Nach allem, was die erlebt haben, sind sie froh, wenn sie in Ruhe gelassen werden, denke ich.

Netzeitung: Aber sie haben doch in ihrem Heimatort eigens eine Kapelle für Anneliese errichtet, zu der Pilger kommen können...

Schmid: Ja, das ist richtig, es gibt diese Kapelle, die der Vater gebaut hat. Ich weiß nicht genau, wie die Familie heute zu dieser Kapelle steht, aber damals war es für den Vater ein Anliegen, der Tochter ein Denkmal zu setzen. Oder zumindest eine Stätte, zu der Menschen hingehen können, denen das etwas bedeutet hat. Denn das ist ja der letzte und irgendwie fürchterliche und absurde Twist dieser Geschichte, dass es im katholischen Glauben so etwas gibt wie Sühneopfer und Sühneleiden. Da sagt man eben wirklich, dass es schon für etwas gut sein wird, wenn jemand besessen zu sein glaubt.

Das ganze Martyrium endet erst mit dem Tod, und dadurch wird es noch bedeutender und sie wird im Grunde fast zu einer Heiligen. Das Wort «Märtyrerin» fällt ja auch im Film, denn es war Michaelas Überzeugung, dass Gott ihr eine Prüfung geschickt hat. Dieses Prinzip ist selbst in Altötting – um noch einmal darauf zurückzukommen – zu beobachten. Da nimmt ein Wallfahrer, der zu Fuß kommt, denjenigen, der mit dem Auto bis in die Tiefgarage unterm Kapellplatz fährt, nicht ganz ernst, weil man ja leidend dort ankommen muss. Und für Michaelas Familie machen die schrecklichen Erfahrungen nur durch den Glauben an dieses Märtyrer-Prinzip Sinn und sind so zu verkraften.

«So gespielt, wie sie dachte»
Netzeitung: Haben Sie eigentlich einen Schreck bekommen, als Sie von dem Film «Der Exorzismus der Emily Rose» erfuhren, der ja auch auf dem Fall Michel basiert?

Schmid: Einen Schreck nicht, weil sich das ja über Monate hinzog. Als wir noch mitten in den Dreharbeiten waren, tauchte die erste Meldung im Internet auf, damals sogar noch unter dem Titel «The exorcism of Anneliese Michel». Da fragte man sich schon, was da wohl kommen würde und was die planen. Im Laufe der Monate konkretisierte sich das dann immer mehr, und als der Film in den USA so ein sensationelles Startwochenende hatte, wurde mir schon ein wenig mulmig. Aber als ich ihn dann gesehen habe war mir gleich klar, dass das doch zwei sehr verschiedene Ansätze sind.

Netzeitung: Warum haben Sie eigentlich darauf verzichtet, die kirchliche Seite eines Exorzismus zu zeigen, die Hierarchien, die Entscheidungsträger?

Schmid: Das hat mit der Erzählstruktur des Films zu tun. Man muss sich während der Drehbucharbeit festlegen, ob die Kamera irgendwo sein darf, wo die Hauptfigur nicht ist. Wir haben uns dafür entschieden, dass die Kamera immer nur bei Michaela bleibt. Das bringt einem die Figur nahe und gibt auch eine Erzählstruktur vor.

Netzeitung: Wie viel Einfluss hatten Sie als Regisseur auf Ihre Hauptdarstellerin Sandra Hüller? Eine solche Rolle ist vermutlich nicht leicht zu inszenieren, oder?

Schmid: Man kann in der Tat im Vorfeld schwer festlegen, wie solche Besessenheitsszenen zu spielen sind. Also fragte ich sie, ob sie eine Vorstellung habe, wie sie das spielen wolle, und sie sagte ‚ja’ und hat das einfach so gespielt, wie sie dachte. Solche Szenen sind nicht oft wiederholbar und man kann als Regisseur wenig eingreifen oder irgendwelche kleinen Gesten korrigieren. Aber als wir am letzten Tag die letzte Szene in Michaelas Elternhaus gedreht hatten, war Sandras Spiel so überzeugend und echt, dass das dem ganzen Team sehr nahe gegangen ist.

Netzeitung: Möchten Sie mit dem Film eigentlich auch eine Aussage darüber machen, wer Schuld ist am Tod dieser jungen Frau?

Schmid: Wahrscheinlich sollte man am ehesten sagen: die Umstände. Ich finde es mit Schuldzuweisungen in diesem Fall sehr schwierig. Auf jeden Fall muss man einem aufgeklärten Publikum heute nicht mehr klarmachen, dass Exorzismus nicht das Mittel der Wahl ist, wenn es um eine solche Krankheit geht. Wenn es hier ein Versagen gibt, dann vielleicht am ehesten, dass sich nicht alle Beteiligten an einen Tisch gesetzt haben und erkannt haben, was da passiert.

Und wahrscheinlich gibt es auch eine Schuld der Eltern, die sogar schon vor der Zeit beginnt, die wir im Film schildern, weil sie ein Jahr lang nicht bemerkt haben, dass die Krankheit immer schlimmer wird. Gleichzeitig darf man nicht außer Acht lassen, dass sowohl Michaela als auch Anneliese Michel sich sehr gegen medizinische Hilfe gewehrt haben, was die Sache natürlich nicht leichter gemacht hat.

Netzeitung: Wir leben heute in einer sehr säkularen Welt, gerade in Deutschland. Was für ein Publikum stellen Sie sich also für Ihren Film vor?

Schmid: Da habe ich mir bisher keine Gedanken drüber gemacht, das kommt jetzt erst langsam, wo der Filmstart vor der Tür steht. Auf welches Publikum dieser Film nun stößt, ist ziemlich kompliziert zu sagen. Aufgeschlossenen Großstadtbewohnern wird die Geschichte sicherlich exotisch und mittelalterlich vorkommen. Aber Menschen, die die Zeit miterlebt haben und aus ländlichen Gegenden kommen, werden sie dagegen vielleicht nachvollziehen können.

Es gibt ja momentan durchaus, nicht nur in den USA, neue Wellen von Religiosität, die sicherlich Gegenbewegungen gegen das Komplizierte und Technische dieser Welt sind. Aber ich wundere mich schon, wie man gedankenlos einem Papst zujubeln kann, als sei der einfach ein netter, älterer Herr. Immerhin vertrat der sehr extreme Thesen, und ich glaube nicht, dass er von denen abgewichen ist.

Das Gespäch führte Patrick Heidmann