netzeitung.deDieter Kosslick: «Du bist Berlinale»

 Herausgeber: netzeitung.de

Dieter Kosslick (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Dieter Kosslick
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Am Donnerstag startet die Berlinale. Die Netzeitung sprach mit Festivalchef Dieter Kosslick über starke deutsche Filme, den Einfluss der WM, Bestechungsversuche und die Hoffnung auf eine neue «Berli-Nackte».

Am 9.Februar beginnen die 56. Berliner Filmfestspiele, seit Mai 2001 steht das wichtigste deutsche Filmfest und eines der drei Top-Festivals weltweit unter der künstlerischen und organisatorischen Verantwortung von Dieter Kosslick.

Netzeitung: Worin besteht der Sinn eines Filmfestivals?

Dieter Kosslick: Es geht um die Demonstration von Kultur und dem Marketing für eine der populärsten Kunstformen der vergangenen 100 Jahre, dem Kino. Ein Festival soll Menschen zusammen bringen, die Filme lieben und die Filme machen.

Netzeitung: Wie haben Sie die Jury besetzt?

Kosslick: Es ist nicht ganz einfach, eine Jury zu komponieren. Die Besetzung muss international sein und die Personen müssen zusammenpassen. Wichtig ist uns auch eine interessante Mischung der verschiedenen Professionen, die in der Jury vertreten sind. Die Jury-Tätigkeit ist natürlich undotiert, die Juroren werden von uns eingeladen und schauen sich in zehn Tagen mehr als 20 Filme an. – für viele ist das auch eine spannende Gelegenheit, in kurzer Zeit einen Überblick über das aktuelle internationale Filmangebot zu bekommen.

Bai Ling ist nicht zu toppen
Netzeitung: Im Vorjahr haben die Boulevard-Medien gejubelt über die freizügigen Auftritte von Jury-Mitglied Bai Ling - wer macht Ihnen in diesem Jahr die «Berli-Nackte»?

Kosslick: Auch wenn sie meistens topless war, ist Bai Ling nicht zu toppen (lacht). In diesem Jahr wird sich wohl kaum jemand von der Jury ausziehen... Vergessen Sie nicht, wir sind im Februar.

Netzeitung: Von der berüchtigten Schlachtbank wandelt sich das Berliner Filmfestival zur Hochburg des Deutschen Films. Gilt «Du bist Deutschland» nun auch auf der Berlinale?

Kosslick: Absolut. Wobei ich den Spruch ‚Du bist Deutschland’ abwandeln würde zu ‚Du bist Berlinale’. Das deutsche Kino hat jedenfalls den stärksten Auftritt, den es auf diesem Festival je hatte. Drauf kann man sich auch freuen, denn es gibt derzeit sehr viele gute deutsche Filme.

'Requiem' weggeschnappt
Netzeitung: Der Festival-Konkurrent Venedig hat bedauert, dass Sie ihm das «Requiem» weggeschnappt haben. Zudem hätte Cannes die «Elementarteilchen» gewiss mit Kusshand genommen. Umgekehrt fehlt «München» auf dem Plan – wie viele Körbe bekommt eine Berlinale pro Wettbewerb?

Kosslick: Dieses öffentliche Bedauern von Venedig hat mich etwas gewundert. Manche Filme wollen dort laufen, andere eben lieber woanders. Wir freuen uns, dass sich «Requiem» und «Elementarteilchen» für die Berlinale entschieden haben: Das Buch ist von einer Art französischer Punk-Philosoph, die Besetzung ist prominent deutsch, der Regisseur sehr begabt – besser geht es kaum. «München» hatten wir gar nicht auf dem Plan. Zur Berlinale-Zeit starten viele große Filme, schon wegen der Oscar-Verleihung.

Netzeitung: Apropos Oscar – die Verschiebung der Verleihung auf den März macht viele US-Stars unabkömmlich für die Berlinale, weil sie lieber in Hollywood die Werbetrommel rühren...

Kosslick: Einfacher wird das für uns sicher nicht. Auch diesmal gibt es während der Berlinale, ausgerechnet am Valentinstag, das Mittagsessen für alle Oscar-Nominierten in Hollywood. Dennoch bin ich guter Dinge, dass wir wieder Oscar-Kandiaten auf dem roten Teppich haben werden. Einige Oscarpreisträger sind bestimmt da: Sie sitzen in der Jury.

Die Schmerzgrenze...
Netzeitung: Für einen erstklassigen Star spielt man bisweilen auch seinen drittklassigen Film - wo liegt die Schmerzgrenze? Im Vorjahr entpuppte sich der Eröffnungsfilm als ziemlicher Flop...

Kosslick: Wenn ich großartige Filme zeige, und keine Stars habe, ist der Protest genauso groß wie bei weniger guten Filmen mit Stars. Das ist ein unlösbares Problem. Wo die Schmerzgrenze liegt, hängt von der Entscheidung des Festivalleiters ab. Wie das extern gesehen wird, erfahre ich erst am Tag nach der Vorstellung aus den Zeitungen. Ich bin der Direktor des Festivals und nicht der Berlinale-Papst.

Netzeitung: Die bloße Teilnahme am Wettbewerb eines A-Festivals bringt bereits fördergeldwichtige Pluspunkte – gab es je den diskreten Charme der Bestechung? Bagels, Groupies, Geldumschläge?

Kosslick: Unser Bestreben ist es, dass künftig nicht nur die deutschen Filme im Wettbewerb, sondern deutsche Filme in allen Sektionen solche Punkte bekommen. Der Druck ist natürlich enorm, weniger wegen des Geldes, sondern weil man sich international messen möchte. Wenn es Bestechung gäbe, hätte ich ja bereits nach meinem ersten Jahr als Festivalleiter mit vollen Taschen aufhören können. Groupies und vor allem meine geliebten Bagels hat mir noch niemand angeboten. Schade eigentlich.

Netzeitung: Eine kontroverse Dokumentation über die Kaufhauskette Wal-Mart läuft in der Nebenreihe «Panorama» – wäre es nicht an der Zeit, den Wettbewerb dem Dokumentarfilm zu öffnen?

Kosslick: Ich würde jederzeit einen Dokumentarfilm in den Wettbewerb nehmen, wenn es einen passenden gäbe. Wir haben in der Vergangenheit schon einige Doku-Fiction-Filme gezeigt, z.B. «Bloody Sunday», «In this World» oder «Hotel Ruanda». Das Panorama und der Wettbewerb arbeiten sehr eng zusammen, wenn eine Dokumentation im Panorama läuft, geht das also nicht gegen dieses Genre.

Keine WM-Berlinale
Netzeitung: Im Vorjahr klang es so, als würde die Berlinale fußballverrückt – welche Rolle spielt die WM im Programm?

Kosslick: Es wird keine WM-Berlinale, aber es werden durchaus einige Fußball-Filme auf dem Festival laufen, sogar einer aus dem Iran. Zudem werden die 35 Fußball-Kurzfilme, die im Vorjahr beim Talent Campus des Festivals ausgewählt und als DVD veröffentlicht wurden, mit Hilfe des Goethe-Instituts rund um die Welt zu sehen sein.

Netzeitung: Traditionell wird von den Medien gerne ein roter Faden im Programm gesucht. Gibt es diese Art von Programmlinie tatsächlich. Oder herrscht eher Prinzip Zufall als Notwendigkeit?

Kosslick: Erstmal haben wir einen roten Teppich, das ist ja auch schon mal etwas. Von einem roten Faden würde ich nicht sprechen. Ich kann nur sagen, dass die Filme sehr realistisch und sehr persönlich sind. Man wird im Wettbewerb mit Themen konfrontiert, die man kennt. Es ist gut, dass es derzeit viele Filme gibt, die mit unserer Wirklichkeit zu tun haben, auch wenn die Themen hart und politisch oder beides sind.

Netzeitung: Was ist die beste Methode, einen schlechten Film zu überstehen?

Kosslick: Am besten mit dem Motto: Augen zu, und durch!

Mit Dieter Kosslick sprach Dieter Oßwald