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Richard Ashcroft: «Kreativität kann töten»

30. Jan 2006 07:43
Richard Ashcroft
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Richard Ashcrofts drittes Album ist da. Die Netzeitung sprach mit dem Briten über das Lebensrisiko Rock'n'Roll, Pete Doherty, gelungene Comebacks und sein Rezept für eine lange, glückliche Beziehung.

Bald ist es zehn Jahre her, dass Richard Ashcroft mit seiner damaligen Band The Verve und dem Song «Bittersweet Symphony» Popgeschichte schrieb. Nun veröffentlicht der 34-Jährige sein drittes Soloalbum «Keys to the world». Wir sprachen mit ihm in London.

Netzeitung: Sie haben gerade eine Stadiontour mit Coldplay gemacht. Wie war das?

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Richard Ashcroft: Toll. Nur ich und der Pianist auf der Bühne. Wenn du Songs hast, dann ist es völlig egal, ob 200 Leute kommen oder 200.000. Es findet dann einfach eine Kommunikation statt, die geil ist. Mir tun die Bands leid, die nur einen guten Song haben und dann als Headliner bei einem Festival auftreten müssen.

Netzeitung: Denken Sie da an jemand Bestimmtes?

Ashcroft: Na, es würden mir viele Musiker einfallen, deren Karriere auf dem Fundament von vielleicht zwei oder drei Hits steht. Es ist ja wirklich schwer, einen weltweiten Hit zu haben.

Netzeitung: Was muss man tun?

Ashcroft: Vieles liegt nicht in deinen eigenen Händen. Natürlich bist du selbst der Verantwortliche für deine Musik. Aber ob der Zeitgeist gerade passt, ob das Publikum gerade aufnahmebereit ist für deine Art von Musik – all das kannst du nicht richtig steuern. Miles Davis hat Platten gemacht, die über zehn Jahre lang niemand verstand. Heute leben wir aber im Zeitalter der Popkultur, alles ist viel schneller und unmittelbarer. Wenn also jemand sagt, dieses oder jenes passe gerade nicht in die Zeit, dann kann sich so etwas sehr schnell herumsprechen. Umgekehrt natürlich auch. «Urban Hymns» hat sich in Amerika zum Beispiel von dem Tag nicht mehr verkauft, als «Nike» den Werbespot mit unserer Musik vom Bildschirm nahm. Zack, waren wir vergessen. Okay, ein paar Verve-Fans waren vorher da und sind nachher da. Aber die flüchtigen Leute, die kannst du nicht halten, die sind eben flüchtig und unberechenbar. Es ist unglaublich schwer, deinen Status zu behalten, wenn du ihn mal erreicht hast. Coldplay machen das gerade vorbildlich.

Netzeitung: Wer fällt Ihnen sonst noch ein?

Ashcroft: U2, REM, die Red Hot Chili Peppers. Die waren kaputt, am Boden. Haben sich dann wieder hochgekämpft und machen bessere Musik als je zuvor. Die sind das beste Beispiel für eine Band, die zurückgekommen ist.

Netzeitung: Ist es wieder angesagt, Richard Ashcroft gut zu finden?

Richard Ashcroft
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Ashcroft: Keine Ahnung. Aber es heißt, «Keys to the World» wäre eine Rückkehr zu meiner alten Bestform. Bei The Verve war es doch genauso. Wir hatten eine Fanbasis, und plötzlich kamen wir als dritte große Britband mit «Urban Hymns». Ältere Brüder erzählten jüngeren Brüdern von uns und plötzlich kamen alle.

Netzeitung: Oasis haben es auch wieder weit nach oben geschafft.

Ashcroft: Ja, und es ist wirklich nicht einfach, kreativ zu bleiben, wenn du durch diese erste Berühmtheits-Phase gehst. Du säufst zu viel und rauchst zu viel Pot, ist mir doch auch passiert. Dann kommen die ganzen hungrigen Hunde und überholen dich mit ihren Ideen und ihrem Fleiß. Dann dauert es seine Zeit, wieder zurückzukommen, das kannst du bei den Oasis-Alben hören. Ich fand mich zwar nie unkreativ oder ausgebrannt, aber auch bei mir kannst du wohl hören, dass mein Leben heute harmonischer ist als vor einigen Jahren.

Netzeitung: Kann der Rock’n’Roll, wie wir ja gerade bei Pete Doherty sehen, Menschen zerstören?

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Ashcroft: Das kann er. Vor allem, wenn dein Ruhm nur zum Teil auf deiner eigentlichen Arbeit basiert. Dann fällt dir auf, wie leer dieses Leben doch ist und du suchst nach Mitteln, um diese Leere zu füllen. Wenn der Erfolg ein Nebenprodukt von Substanz und Qualität ist, dann kannst du dich wirklich nicht beschweren. Wenn mich Leute auf der Straße ansprechen, dann fragen sie mich meist nach konkreten Songs von mir, das finde ich herrlich. Dann stehen da 30-jährige Männer und sagen, sie hätten ihrer Frau zu «Lucky Man» ihren Heiratsantrag gemacht und weinen fast vor Freude. Was den Erfolg angeht: Klar mag ich das. Wir haben ein schönes Haus und mein Sohn geht auf eine gute Schule.

Netzeitung: In «Break the night with colour» singen Sie darüber, wie man aus einer Depression wieder herausfindet.

Ashcroft: Stimmt. Krankheit verkauft sich und macht manchmal gute Kunst, aber sie ist nicht berechenbar. Darüber singe ich hier. Schau dir die Todeslisten des Rock’n’Roll an. Kurt Cobain nur mal so als Beispiel. Kreativität kann auch töten. «I don’t wanna know your secrets» singe ich in dem Lied, jeder offenbart sich bis auf die Haut. Das ist keine gute Sache für unsere Gesellschaft. Ich zumindest habe genug von armseligen Existenzen, die mir via TV auf die Couch geblasen werden.

Netzeitung: Sie hatten auch Drogenprobleme, heute sind Sie ein glücklich verheirateter Vater von zwei Kindern. Wie kam der Wandel?

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Ashcroft: Du musst vorsichtig sein mit solchen Pauschalisierungen. Klar bin ich glücklich, seit zehn Jahren mit Kate verheiratet zu sein und zwei tolle Söhne zu haben. Aber wie jede andere Familie haben auch wir unsere Probleme. Du beendest nicht dein Konzert, öffnest die Haustür und alles verwandelt sich in eine bunte Walt-Disney-Welt. Ich bin ein Ehemann, ich erziehe Kinder, das ist das Leben. Klar ist das die größte Sache, die mir je passiert ist, eine Familie zu haben. Aber dein Gehirn verändert sich trotzdem nicht. Ich kann nicht so leben wie John Lennon, der sechs Jahre lang seinem Sohn die Brote geschmiert hat. Mein Ältester ist 5, und ich habe drei Alben gemacht seitdem. Wunderbarerweise war ich in fünfeinhalb Jahren nur zwei Tage nicht mit meinem Sohn zusammen. Er kam immer mit auf Tour, wir reisten als Familie zusammen. Trotzdem besteht das Leben eben auch aus Scheiße. Okay, ich bin eine Art Lotteriegewinner. Aber ich tanze und jubele nicht jeden Tag vor mich hin.

Netzeitung: Sie behandeln all die großen Fragen auf der Platte: Leben, Sterben, Liebe, Gott. Drunter machen Sie es wohl nicht, was?

Ashcroft: Es fasziniert mich, wie solche Fragen oft nicht diskutiert werden, selbst unter Freunden nicht. Dann heißt es gleich, du bist ein Hippie, sobald du mal philosophisch werden willst. Die großen Themen werden schnell trivialisiert, weil viele sich davor fürchten, darüber zu sprechen. «Why not nothing» ist so ein Statement: Kein Nihilismus, sondern ein konstruktives Auseinandersetzen mit dem Nichts, der Lücke. Wir sind doch von Politikern umgeben, die uns belügen, die gesetzlos sind und die Religion und Rechtsextremismus verquicken. Als Autor fällt es mir schwer, diese Dinge komplett zu ignorieren, auch wenn «Keys to the world» alles andere als ein politisches Album ist.

Netzeitung: Was für ein Statement ist «Music is power»?

Ashcroft: Ich wollte niemanden mit «Why not nothing» allein und ungetröstet lassen. Ohne Musik, wie auch ohne Sport, finden die Menschen eben nicht ihr Glück und ihre Erfüllung.

Netzeitung: In «Why do lovers» singen Sie über ein Paar, das seit einer Weile zusammen ist. Recht ungewöhnlich.

Ashcroft: Ich weiß. Aber ich wollte eben nicht über zwei Leute schreiben, die sich gerade kennen gelernt haben und nun wild im Regen herumvögeln, sondern über zwei Menschen, die sich kennen. Die nackt sind, die die Dämonen des anderen kennen. Wie schafft man es dann? Wieder: Das ist das Leben. Es fängt doch schon morgens an, wenn der eine noch im Bett liegt und der andere aufstehen muss, um zu seinem Job zu gehen. Da ist eben nichts mit Champagner und Lachs und hemmungslosem Sex.

Netzeitung: Besprechen Sie Ihre Songs mit Ihrer Frau?

Das neue Album
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Ashcroft: Schon. Aber es geht nicht immer nur um Kate und mich. Ich bin 34 und habe Freunde, die auch ihre Erfahrungen machen. Da wundert man sich manchmal

Netzeitung: Sehen Sie es Paaren an, ob sie zusammenbleiben oder nicht?

Ashcroft: Ehrlich gesagt ja. Und meist habe ich Recht. Andererseits schweißt es die Menschen oft zusammen, wenn alle sagen, das hält nicht.

Netzeitung: Gibt es eine Goldene Regel für das Zusammenbleiben?

Ashcroft: Kompromisse. Und das Wissen, dass es Höhen und Tiefen gibt. Erwartet keinen Hollywoodfilm. Und vor allem: Versprich am Anfang der Beziehung keine hundert Sachen, von denen du keine einzige halten wirst.

Das Gespräch führte Steffen Rüth

 
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