Senait: «Ich habe mich befreit»
2002 hatte sich die mittlerweile 30-Jährige im deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest beworben und unterlag nur knapp. Ihr ungewöhnlicher Auftritt, mehr aber noch ihre bewegende Lebensgeschichte wurde von vielen Medien aufgegriffen. Mehari wurde als Kind in einem Koffer ausgesetzt, wuchs im Heim auf und wurde später vom eigenen Vater in eine Rebellenarmee Eritreas gegeben. Ihr Buch «Feuerherz», das 2004 veröffentlicht wurde und in dem sie ihre Lebensgeschichte und ihre Erlebnisse als Kindersoldatin erzählt, wurde mit mehr als 300.000 verkauften Exemplaren zum Bestseller. Der Netzeitung erzählt sie, was ihr im Leben wichtig ist.
Mehari: Also das Feedback ist bisher sehr gut. Wie es sich verkauft, muss ich abwarten - schließlich ist es gerade erst erschienen.
Netzeitung: Sie haben «Mein Weg» fast im Alleingang eingespielt und produziert. Wie kam das?
Mehari: Ich mache ja - was nicht viele wissen - schon sehr lange Musik und habe für viele erfolgreiche Künstler Songs geschrieben, wie jetzt zuletzt etwa für Joanna Zimmer. Eigentlich hat es sich aber so ergeben, dass ich viel allein gemacht habe. Außerdem wusste ich genau, wie sich alles anhören soll. Und schließlich ist es mein Album, ich muss es ja vertreten.
Netzeitung: Sie selbst sprechen bei Ihrer Musik vom «Senait Style» - was zeichnet den denn aus?
Netzeitung: Bekannt geworden sind Sie in Deutschland, als Sie im Vorentscheid zum Eurovision Song Contest antraten. Ihr Auftritt - zierlich, barfuß, im langen weißen Kleid - war anrührend und auffällig zugleich. Haben Sie sich selbst dort fremd gefühlt?
Mehari: Ich habe dort mein Land vertreten, und darauf war ich sehr stolz. Ich wollte der Welt zeigen: Ich bin schwarz, und ich trete für Deutschland an. Die große Bühne allerdings, ja, da war ich schon sehr aufgeregt. Vorher war ich als Songwriterin erfolgreich, mich selbst kannte niemand. Und dann war da dieser Riesen-Hype um mich, Senait hier, Senait da - das war mir alles eine Nummer zu groß.
Mehari: Eigentlich ist es ein Song Contest, bei dem der beste Song gewinnen soll, und ich bin dort als Musikerin hingegangen. Auch die Konstellation mit der linksalternativen «taz» [die Berliner «tageszeitung» unterstützte damals Senaits Bewerbung] fand ich sehr interessant. Geschockt hat mich dann, wie oberflächlich die ganze Sache war. Dieses Trara, wer ist am besten gekleidet und so weiter, blablabla ... das war mir zu heftig. Ich kannte die ganze Sache halt nicht und habe mich leiten lassen. Wenn jetzt nochmal eine Anfrage käme - ich würde nicht mehr mitmachen.
Netzeitung: Während die «taz» vor allem auf Ihre Lebensgeschichte abhob, versuchte Ihr Label damals, Sie als eine Art «schwarze Michelle» zu vermarkten...
Netzeitung: Und, haben Sie zugesagt?
Mehari: Ja. Aber ich habe auch gesagt: Hört zu, ich muss das machen, was aus dem Herzen kommt, dann ist es auch glaubwürdig. Versucht nicht, mir etwas anzudrehen, was ich niemals vertreten werde. Die Leute merken doch sowieso, wenn ich nur eine Rolle spiele. Bei meinem Album hat sich dann auch niemand in die Produktion eingemischt. Später waren sie dann von dem Produkt begeistert. Jetzt sind alle zufrieden, jetzt muss es nur noch funktionieren.
Mehari: Als das Buch herauskam, gab es wieder einen Mega-Hype, aber auf einer anderen, gesünderen Ebene. Nach drei Monaten Pressearbeit allerdings war ich unendlich müde und sehr depressiv, ich konnte kaum schlafen und essen. Einige Termine und Lesungen musste ich absagen, weil es einfach nicht ging, weil ich einfach so leer war.
Netzeitung: Wie kamen Sie da wieder raus?
Mehari: Durch die Musik. Ich habe mich im Studio eingesperrt und wieder angefangen zu singen. Jetzt, ein Jahr später merke ich aber auch, wie stark mich das alles gemacht hat. Ich habe keine Angst mehr, und ich merke auch, dass ich mit meiner Geschichte etwas bewegen kann. Die Leute, die das Buch gelesen haben, setzen sich mit dem Thema Kinderrechte viel mehr auseinander. Außerdem engagiere ich mich selbst sehr gezielt und mache Projekte. Ich bin also noch einmal in die Hölle gegangen - um dadurch etwas zu bewegen.
Mehari: Nein, nein, nein! Weder ich noch der Verlag haben das erwartet. Wir wären schon über 30.000 verkaufte Exemplare froh gewesen. Nun sind es über 300.000 geworden.
Netzeitung: Hat es auch Filmangebote gegeben?
Mehari: Ja, und meine Geschichte wird nun auch im kommenden Jahr verfilmt. Der Film, eine Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm, basiert aber nur auf «Feuerherz». Daneben geht es auch um die Natur und die Geschichte Afrikas. 2007 soll er auf Festivals und im Kino zu sehen sein.
Netzeitung: Treten Sie auch selbst auf?
Mehari: Nein, aber ich werde an den Drehort reisen. Regisseur ist übrigens der Kameramann Luigi Falorni, der für den Film «Die Geschichte vom weinenden Kamel» für den Oscar nominiert war.
Netzeitung: Sie haben auf dem Album auch zwei Songs auf Tigrigna, in ihrer Muttersprache aufgenommen. Wie wichtig war Ihnen das, und wie eng ist der Kontakt zu Eritrea noch?
Netzeitung: Apropos Familie - wie ist denn das Verhältnis zu Ihrem Vater?
Mehari: Nicht vorhanden. Wir haben keinen Kontakt. Ich habe ihn vergangenes Jahr noch einmal besucht [Meharis Vater hat schon vor Jahren Asyl beantragt und lebt in Deutschland, die Red.], um ihm zu sagen, dass ich ein Buch über mein Leben schreibe. Das war mir sehr wichtig, schließlich kommt auch er mit seinen Taten darin vor. Er hat einfach nur gesagt: Mach das. Es ist dein Leben.
Netzeitung: Ihr Album, so sagen Sie selbst, dreht sich vor allem um eines: um die Liebe. Dafür finden Sie eine sehr direkte, oft rührende Sprache. Ist das ein Stück gelebtes Leben, über das Sie da singen?
Mehari: Ja, ich bin ein Mensch, der sehr viel Liebe zu geben hat. So war ich schon als Kind, so bin ich noch heute. Ich liebe die Liebe! Und ich muss meine Gefühle so aufschreiben, wie meine Seele sie fühlt. Jeder Song auf dem Album ist eine Geschichte für sich, aber sie passen alle zusammen. Es ist eine Art Liebeserklärung an mich selbst. Ich bin stark, ich habe mich von meinen Ketten befreit.
Mehari: Ich feiere diesen Tag immer! Ich habe mich daran gewöhnt, und ich möchte genau wie alle anderen Menschen auch Geburtstag feiern. Ob der Tag stimmt oder nicht, das ist mir ganz egal.
Mit Senait Mehari sprach Kerstin Rottmann.

