Depeche Mode: «Man eckt nirgendwo mehr an»
Martin Gore: Hartes Leben.
Netzeitung: Mit Zigarette und Weizenbier scheint es ja auszuhalten zu sein...
Gore: Ja, das ist meine Bedingung. Ich musste mir bei der Plattenfirma erst die Erlaubnis holen, Bier trinken zu dürfen.
Gore: Genau. Um mit der deutschen Effizienz mithalten zu können. Jede halbe Stunde kommt hier ein neuer Journalist rein, und jede halbe Stunde bekomme ich ein neues Bier. Das ist der Deal. Ich werde weitertrinken, bis ich heute Abend ins Bett falle. Morgen muss ich fit sein, weil wir bei «Top of the Pops» auftreten.
Fletcher: Wir waren, glaube ich, 38 Mal in dieser Sendung in England. Aber in Deutschland ist es nun eine Premiere.
Netzeitung: Macht es Ihnen was aus, nach 25 Jahren Karriere in einer Show aufzutreten, wo das durchschnittliche Alter der Interpreten ungefähr 17 ist?
Gore: Nee, aber außer uns ist niemand in der Show. Nur wir und unser Publikum. Die anderen Acts müssen ein anderes Mal kommen. Was ein bisschen schade ist, denn es hat uns immer gut gefallen, andere Bands zu treffen. Wir sind sogar richtig sauer, dass wir diesmal nicht Nena über den Weg laufen.
Netzeitung: Jetzt brauche ich auch gleich ein Bier: Sie sind scharf auf Nena?
Gore: Vor 20 Jahren war sie ganz niedlich.
Fletcher: Sie hat vier Kinder, eins mehr als Du, Martin. Und außerdem rasiert sie sich jetzt die Achseln.
Netzeitung: Wie aufregend ist das mit dem ersten neuen Album seit fünf Jahren?
Gore: Wir finden das Album vorzüglich, ja großartig. «Ultra» und «Exciter» waren auch klasse, aber dieses klingt wieder etwas mehr nach «Violater» und «Music for the Masses». Es ist eine sehr fröhliche Zeit bei Depeche Mode. Wir kommen zudem alle drei ausgezeichnet miteinander aus.
Fletcher: Ben Hillier, unser Produzent, hat einen guten Job gemacht. Es ist dunkel, aber auch voller Energie und Optimismus.
Gore: Alle Journalisten, die hier rein kommen, sagen «Ich mag das Album».
Netzeitung: Das gebietet doch die Höflichkeit...
Fletcher: Heutzutage haben uns ja sogar die Rockjournalisten gern. Man eckt echt nirgendwo mehr an.
Gore: In den Achtzigern wurden wir wenigstens noch gehasst. Nun akzeptiert jeder Elektromusik, und wir sind längst in den Popregalen gelandet. Wir sind furchtbarer Mainstream.
Netzeitung: In welchem Regal wollen Sie denn liegen?
Gore: In allen. Techno, Pop, Heavy Metal, Johnny Cash alle diese Musiker aus allen möglichen Bereichen mögen uns. Das ist schon sensationell.
Netzeitung: Sind Sie nicht selbst mit dafür verantwortlich, dass die Grenzen zwischen Pop, Rock und Elektro so verwischt sind?
Gore: «Songs» ist das große Stichwort hier. Bei uns war es nie der Sound, sondern die eigentlichen Lieder. Die House-oder Techno-Leute interessierte es zwar mehr, wie wir die Elektroik einsetzen, aber die Rock- und Heavymetal-Fans fahren immer mehr auf unsere Songs ab. Das zeigt mir, dass Depeche-Mode-Musik ziemlich universell und allumfassend ist.
Fletcher: Naja, ein paar Leute gibt es schon noch, die uns hassen. Muss ja auch. Keine Band hat eine Zustimmungsquote von 100 Prozent.
Netzeitung: Auf mich wirkt es so, als ob Depeche Mode nicht älter werden. Sie sind nun in den Vierzigern, aber die Musik ist immer noch frisch und jung, und selbst die alten Songs klingen nicht so richtig altmodisch.
Gore: Wir würden keine Alben machen, wenn wir nicht sicher wären, sie sind wichtig und relevant, auch über ihren Zeitrahmen hinaus. Es wäre wirklich traurig, so zu sein wie die Rolling Stones. Jeder will die sehen, die Konzerte sind immer ausverkauft, aber die Leute wollen ausschließlich «Paint It Black» oder «Satisfaction» hören. Zu uns kommen die Leute, weil sie Nummern aus unserem neuen Album hören wollen.
Fletcher: Martin, sie kommen aber auch wegen «Just Can't Get Enough». Bei uns ist das gesamte Bild interessant. Die Leute freuen sich und sind aufgeregt, dieses neue Album zu bekommen.
Netzeitung: Woran liegt das?
Fletcher: Wir sind nie in die Retro-Schiene geraten. Wir haben uns immer davor gehütet, nur alte Erfolge zu verwalten und aufzuwärmen. Solche Bands wie The Human League oder ABC tingeln heute über Schützenfeste, das wäre für uns nie in Frage gekommen. Wir sind nie eine «80ies-Band» gewesen. Kann sein, dass das auch mit Talent zu tun hat.
Netzeitung: Nur?
Gore: Auch mit einer gewissen Paranoia und einem nicht zu unterschätzenden Druck. Wir sind eine Band, die im Grunde nie gescheitert ist. Wir haben nie erleben müssen, wie es ist, in halb oder zu einem Drittel gefüllten Hallen aufzutreten. Da haben wir immer hart gegen angearbeitet. Unsere Karriere ging immer nach oben, was fantastisch ist. Den wirklichen Grund dafür kann ich Ihnen nicht nennen.
Netzeitung: Tun die Stones Ihnen leid?
Fletcher: Nein, gar nicht. Alles, was man hört ist, dass die Herren Spaß haben an dem, was sie tun. Die sind aber mehr als 15 Jahre länger zusammen als wir. Ich hätte 1981 nie gedacht, dass wir länger als ein paar Jahre zusammenbleiben würden. Ich hätte es ausgeschlossen, dass uns eine 25 Jahre lange Karriere bevorsteht.
Gore: Nun haben wir seit vier Jahren kein Album rausgebracht und schon wieder zig Zehntausende von Konzertkarten verkauft. Ein bisschen wundert uns das selbst...
Netzeitung: Wie war das, als Sie sich zusammengesetzt haben, um mit der neuen Platte anzufangen?
Fletcher: Unser Manager rief an und meinte «Jungs, es ist an der Zeit». Wir haben uns dann ein paar Mal getroffen und dann losgelegt.
Gore: Ich hatte in der Zwischenzeit schon einige Songs geschrieben, Dave auch. Wir fingen an, uns gründlich mit der Idee auseinanderzusetzen, ein neues Album zu machen.
Netzeitung: Und erfüllte Sie der Gedanke daran eher mit Freude oder mit Grausen?
Gore: Wir hatten nie gesagt, dass wir keine Band mehr sein wollten. Uns war immer klar, dass es weitergeht mit Depeche Mode. Es ist nur so, dass wir nicht mehr jedes Jahr ein Album machen. Klar, jeder war mit Soloprojekten beschäftigt, aber das heißt ja nicht, dass wir uns nicht mehr lieb haben und nicht mehr Depeche Mode sein wollen.
Netzeitung: Hat die Soloarbeit Sie beflügelt?
Gore: Erfüllter. Zufriedener. Deshalb war auch die Atmosphäre viel besser bei der Arbeit.
Netzeitung: Als wir über sein Soloalbum sprachen, meinte er, es wäre seine Bedingung fürs Weitermachen, dass er mitkomponieren dürfe.
Gore: Jaja, er nannte mich einen «totalitären Diktator». [lacht] Was ein wenig unfair war, denn so einer bin ich nicht. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich kein totalitäter Diktator bin.
Fletcher: Doch, er hat diese Momente. Aber Dave, ja, er hat ein paar Sachen in seinen Interviews vom Stapel gelassen... Aber so ist Dave. Interviews sind für ihn wie Therapiesitzungen beim Psychiater. Er sagt immer das, was er denkt.
Gore: Sogar in Depeche-Mode-Interviews bringt er manchmal Sachen, bei denen ich denke «Was?» Aber wir wissen ja, wie er ist. Nicht immer sagt er das, was er auch wirklich meint.
Netzeitung: Ist Songschreiben für Sie Therapie, Mr. Gore?
Gore: Ja. Ich bin ein Mensch, der nicht so gut mit seinen Emotionen zurechtkommt. Der Schwierigkeiten hat, seine Gefühle auszudrücken. Deshalb kommen meine Emotionen in der Regel am besten und ehrlichsten in meinen Songs zur Geltung.
Netzeitung: Kommen Sie damit gut klar?
Gore: Ach, schon in Ordnung. Es hilft im Leben, wenn du irgendetwas Kreatives kannst. Wenn dann noch die Leute rund um die Welt deine Gefühle akzteptieren und verstehen, dann ist das noch erfüllender als wenn du zu einem einzelnen Menschen redest.
Netzeitung: In «The Sinner In Me» geht es um Schmerz, um Leid, um die Sünde. Dieser düstere Grundton zieht sich durch die ganze Platte...
Gore: Ja, das ist verdammt typisch Depeche Mode! [lacht] Was sollen wir denn sonst machen? Also ohne nun trivial, blöd oder arrogant klingen zu wollen - wir machen unsere Musik immer so realistisch wie möglich. Und das Leben ist eben kein Kinderkarussell. Weiß Gott nicht.
Netzeitung: Was läuft bei Ihnen schief?
Gore: Nun ja, meine persönliche Lebenssituation ist ziemlich beschissen. Ich bin dabei, mich von meiner Frau scheiden zu lassen, die Angelegenheit zieht sich nun schon seit 16 Monaten hin. Mein Leben ist also bestimmt kein Kindergeburtstag. Ich habe auch drei Kinder. Und «Precious», die Single, ist ein Song, der genau diese Situation beschreibt. Aber es gibt noch weitere Scheidungslieder auf «Playing The Angel».
Netzeitung: Und wo ist dann der vorhin beschworene Optimismus?
Gore: Naja, nehmen wir «Precious». Es geht darum, wie meine Kinder mit der Scheidung zurechtkommen - halt nicht besonders gut. Aber das Lied endet mit dem Vers «I know you learned to trust/ keep faith in both of us». Alle unsere Songs, selbst die allerdepressivsten, beinhalten Hoffnung.
Netzeitung: Haben Sie mit ihren Kindern über die Scheidung gesprochen?
Gore: Ja, mit der Ältesten, sie ist 14. Sie hat es verstanden. Unser Verhältnis bleibt gut.
Netzeitung: Wer ist denn «Lilian»? Nicht der Grund für die Trennung, oder?
Gore: Sie müssen wirklich nicht wissen, wer Lilian ist. [lacht]
Fletcher: Ich weiß es auch nicht. Der Song ist jedenfalls super, wenn du ihn morgens um acht hörst, während du eine Portion Pasta aufwärmst.
Netzeitung: Ist «Playing the Angel» absichtlich so anders als «Exciter»?
Fletcher: So kalkuliert arbeiten wir nicht. Es wird dann eben so, wie es wird, wenn wir zusammen kommen.
Gore: Vielleicht ist die Platte unbewusst ein bisschen mehr in Richtung Uptempo gewandert. Andy und ich haben oft Platten aufgelegt in den letzten Jahren, Techno, House, alles mögliche, ich mag vor allem harte, elektronische Musik. Deshalb sind deutlich mehr flotte Songs auf dem Album als auf «Exciter».
Netzeitung: Gab es schon eine offizielle Feier zum 25-jährigen Jubiläum?
Gore: Wir sind zusammen Abendessen gegangen, mit Frauen. Und wir hätten den Tag total verpennt, hätte ein Freund uns nicht dran erinnert. Weißt du, wir sind einfach keine besonders nostalgischen Menschen.
Mit Depeche Mode sprach Steffen Rüth

