netzeitung.deMs Dynamite: «Ich habe mich nicht verkauft»

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Ms Dynamite (Foto: Universal<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Ms Dynamite
Foto: Universal
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Ms Dynamites zweites Album «Judgment Days» ist da. Die Netzeitung sprach mit der britischen R&B-Queen über Muttergefühle, die schwierige Lage von Underground-Künstlern und ihr Engagement gegen Rassismus.

Anfang 2003 schaffte die Britin Niomi Daley alias Ms Dynamite sensationell den Sprung vom Underground-MC zum umjubeltem Popstar – ohne sexy Posen, dafür mit politisch engagierten Texten.

Das Debüt «A Little Deeper» räumte einen Haufen Preise ab, die Single «Dy-Na-Mi-Tee» lief im Dauereinsatz in Radio und Musik-TV. Nun untermauert sie mit dem zweiten Album «Judgement Days» ihre Ausnahmestellung in der europäischen Musikszene - und muss, nach längerer Pause, auch ein bisschen um ihre Karriere kämpfen.

Netzeitung: Sind sich die Privatperson Niomi Daley und ihr künstlerisches Alter Ego Ms Dynamite in den vergangenen beiden Jahren näher gekommen?

Ms Dynamite: Absolut. Früher war ich im Privatleben eher schüchtern und ruhig. Die Rolle der Ms Dynamite erlaubte mir, auf die Bühne zu gehen und deutlich selbstbewusster und kontroverser auftreten als im Privaten. Heute, als 24-Jährige, muss ich in keine Rolle mehr schlüpfen: Niomi und Ms Dynamite sind mehr und mehr zu ein und derselben Person verschmolzen.

Netzeitung: In welcher Form ist dieses gestiegene Selbstbewusstsein in das zweite Album eingeflossen?

Ms Dynamite: Es geht um ähnliche Themen wie beim Debüt, aber aus einer anderen Perspektive. Auf das Ergebnis bin ich sehr stolz. 99 Prozent der Texte habe ich selbst geschrieben. Ich denke, «Judgement Days» zeigt, dass ich gewachsen bin – sowohl als Mensch als auch als Künstler. Ich lebe meine sanftere Seite aus und schöpfe mehr aus persönlichen Erfahrungen, zum Beispiel bei «When I Fall In Love Again» – einem Song mit Reggae-Elementen, der hoffentlich als nächste Single ausgekoppelt wird. Insgesamt sind die neuen Songs ruhiger und weniger aggressiv...

Netzeitung: Was nicht zuletzt an der Geburt Ihres Sohnes Shavaar liegt, dem Sie einen der neuen Songs gewidmet haben?

Ms Dynamite:Auf jeden Fall! So etwas verändert das Leben von Grund auf, man hat eine enorme Verantwortung und lernt besser zwischen wichtigen und unwichtigen Dingen zu unterscheiden.

Netzeitung: Seit Ihrem Debüt haben nur sehr wenige Musiker den Sprung vom Underground in die Pop-Charts geschafft. Woran liegt das?

Ms Dynamite: Künstler, die über das wahre Leben singen, sind bei den Plattenbossen nicht gefragt. Die überschwemmen den Markt lieber mit einem gesichtslosen Pop-Act nach dem anderem. Was zählt, ist der kurzfristige Verkaufserfolg, nicht das künstlerische Potenzial. Das ist schlimm. Insgesamt ist der Markt für Underground-Künstler sehr viel schwieriger geworden. Zum Glück habe ich es geschafft, ohne meine Seele verkaufen zu müssen. Meine Karriere basiert auf dem wahren Leben, und ich kann mit meiner Musik ausdrücken, was ich denke und fühle

Netzeitung: Warum haben gerade Sie es geschafft?

Ms Dynamite: Ach, es gibt da draußen so viele Girls, die tausendfach besser singen und performen als ich. Ich glaube, es war einfach das richtige Timing für den Typ, den ich verkörpere. Die Themen der Songs von «A Little Deeper», der Gesangsstil – das hat einfach gepasst.

Netzeitung: Sie sind bekannt dafür, dass Sie den inszenierten Glamour der R&B- und HipHop-Szene nicht mögen...

Ms Dynamite:...weil ich es leid bin, in Black-Music-Videos immer wieder diese megateuren Autos zu sehen. Die Hälfte der Leute, die sich so in Szene setzen, müssen sich die Autos ausleihen. Mit dem Soul, der Leidenschaft und der Originalität von echtem R&B hat das rein gar nichts zu tun. Genau so nervend ist es natürlich, dass die Plattenlabels solchen Müll unter Vertrag nehmen und das Publikum ihn kauft. Und am schlimmsten ist, dass viele solcher Künstler eigentlich viel mehr zu erzählen hätten als das, was sie nach außen hin darstellen möchten.

Netzeitung: Sie gelten als «Conscious Artist», traten zum Beispiel bei einem der Live-8-Konzerte auf, mit denen die Teilnehmer des G8-Gipfels auf die Armut in Afrika aufmerksam gemacht werden sollten. Haben Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, eine soziale Verantwortung?

Ms Dynamite: Ich denke, dass es die ganz eigene Verantwortung jedes Künstlers ist, soziale Probleme anzusprechen oder nicht. Es steht mir nicht zu, anderen zu sagen, was sie zu machen haben. Auf einer persönlichen Ebene, ganz besonders als junge Mutter, würde ich mir allerdings sehr viel mehr Künstler wünschen, die etwas Positives zu sagen haben und damit den Durchbruch schaffen. Ich glaube fest daran, dass Musik die Kraft hat, etwa zum Guten hin zu verändern.

Netzeitung: Möchten Sie ein Vorbild sein?

Ms Dynamite: Wenn das bedeutet, jemand zu sein, zu dem junge Leute aufschauen und der sie inspiriert, fühle ich mich geehrt und bin stolz darauf. Wenn Vorbild-Sein aber heißt, dass jedes einzelne Wort auf die Waagschale gelegt wird, ist das zu viel. Ich möchte das Hauptaugenmerk meiner Karriere nicht auf allein diesen Punkt legen. Ich möchte ein guter Einfluss sein, kein schlechter, aber letztendlich bin ich doch nur ein Mensch, der nach seinen Instinkten handelt.

Netzeitung: Haben Sie noch Vertrauen in den Instinkt von Politikern?

Ms Dynamite: Ich glaube, dass die Politiker ihrer Rolle in den meisten Fällen nicht gerecht werden. Ich habe den Eindruck, dass sie sich weniger um die Probleme der Menschen kümmern, sondern eher um Dinge, die in erster Linie ihren persönlichen Interessen nutzen.

Netzeitung: Sie kommen aus London – einer Stadt, die als Schmelztiegel der Kulturen gilt. Was war ihr erster Gedanke, als sie von der Anschlagserie islamischer Fundamentalisten britisch-asiatischer Herkunft gehört haben?

Ms Dynamite: Ich konnte es nicht glauben und war total geschockt. So viele unschuldige Menschen sind getötet worden. Ein sehr merkwürdiges, sehr trauriges Gefühl. Leider vergessen viele Briten, dass ihre Landsleute asiatischer Herkunft genau so wütend auf die Bomber sind wie jeder andere normale Mensch auch. Verallgemeinerungen nach dem Schema «Die haben´s gemacht, also seid ihr alle wie sie» sind dumm und ignorant. Wenn ich erlebe, dass Briten mit pakistanischen Wurzeln nun verstärkt Opfer von Diskriminierungen werden, so macht mich das wirklich krank, und ich schäme mich für mein Land.

Netzeitung: Sie engagieren sich in der Kampagne «Love Music, Hate Racism» (www.lmhr.org.uk) gegen die rechtsradikale British National Party. Wie rassistisch ist England?

Ms Dynamite: Leider ist England ein sehr rassistisches land. Damit meine gar nicht so sehr einen offensichtlichen, im Alltag auftretenden Rassismus, sondern eher einen institutionalisierten: Das multikulturelle London ist auf oberflächlicher Ebene ein wunderbarer Ort, an dem weiße, afrokaribische, chinesische und pakistanische Briten friedlich auf einer Straße zusammen leben können. Erst wenn man sich die Gesellschaftsmechanismen genauer anschaut, wird der Rassismus sichtbar. Schauen Sie sich zum Beispiel die Statistik der Schüler an, die von der Schule fliegen: Schwarze und Asiaten sind absolut überproportional vertreten.

Netzeitung: Wo sehen Sie Lösungsansätze?

Ms Dynamite: Wir müssen beim Bildungssystem ansetzen, denn da liegt die Wurzel allen Übels. Die Kids in britischen Schulen müssten viel mehr über asiatische und schwarze Kultur erfahren. Jemand, der über den anderen Bescheid weiß und an ihn gewöhnt ist, lernt die Unterschiede zu schätzen. Ich habe als junge schwarze Britin in der Schule alles mögliche über britische Eroberungsfeldzüge gelernt, das einzige, was ich über Schwarze gehört habe, war die Sklaverei. Zum Glück hatte ich eine sehr offene Mutter, die viel Positives über Black History an mich weitergegeben hat.

Netzeitung: Sind Sie eine Optimistin in Bezug auf die gesellschaftlichen Probleme?

Ms Dynamite: Ich muss optimistisch sein! Andererseits könnte ich ja gleich aufgeben. Gleichzeitig bin ich aber auch sehr realistisch, es ist noch viel harte Arbeit nötig. Ich versuche alles zu tun, was in meinem bescheidenen Möglichkeiten steht.

Das Gespräch führte Sebastian Brück