Röyksopp: «Wer raucht schon einen Pilz?»
28.06.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Knapp vier Jahre später haben sie nun mit «The Understanding» das «schwierige zweite Album» veröffentlicht und ihren Fans ganz neue Töne gebracht. Während Brundtland an einem sonnigen Tag in Berlin Unterwäsche kaufen gegangen ist, weil er beim Packen abgelenkt war, so sein Kollege, hat sich Berge darin versucht, über Musik zu sprechen, aber dabei möglichst wenig zu sagen.
Netzeitung: Bei Ihrem letzten Album haben Sie gesagt, Röyksopp sei der Name für einen Atompilz oder dafür, Schokolade mit einem Hamburger zu essen. Was heißt es diesmal?
Netzeitung: Ah, ich glaube im Deutschen heißen die Bovisten. Der Staub ist grün...
Berge: Genau. Und dann ist Röyksopp auch noch eine blöde, durchgedrehte Anspielung auf Drogen. Denn es geht um Rauch und Pilze, und wer raucht schon einen Pilz. Vor allem aber hat uns gefallen, dass es eigentlich gar nicht als Bandname taugt. Es ist schwer auszusprechen, es ist nicht sehr ästhetisch. Sieht einfach ulkig aus.
Netzeitung: Und Sie wollen ulkig sein?
Berge: Keine Ahnung, was wir sind oder sein wollen, aber es hat sich richtig angefühlt.
Netzeitung: Das neue Album heißt «The Understanding» (Das Verstehen). Um welches Verstehen geht es denn?
Berge: Gute Frage, aber wir sind doch immer ein bisschen geheimniskrämerisch... Eine Sache haben wir vom Vorgängeralbum «Melody A.M.» über Musik im Allgemeinen gelernt: Die Leute verstehen sie auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Welche Emotionen sie auslöst und so. Über «The Understanding» zum Beispiel haben Leute gesagt, es sei sehr leicht und fröhlich, sommerlich. Andere finden es melancholisch, dunkel und ein bisschen traurig, fast introvertiert. Es gibt eben nicht eine Wahrheit, nicht die eine Beschreibung, wie jemand Musik versteht. Es ist ganz individuell. Es kommt immer darauf an, wie man sich gerade fühlt, wo man gerade ist. Selbst die gleiche Person hört es immer wieder anders. Und der Titel «The Understanding» stellt das eben alles in Frage. Es kann aber auch heißen, dass es eine Absprache, eine Vereinbarung zwischen mir und Torbjörn gibt. Oder dass es ein Einverständnis zwischen mir Torbjörn und einer dritten Person gibt. Alles etwas vage, was... [lächelt entrückt]
Netzeitung: Sie haben einmal gesagt, dass Musik machen die Suche nach Wahrheit sei. Haben Sie bisher irgendetwas gefunden?
Berge: Wir machen ja immer noch Musik! [lacht] Musik zu machen ist der Ausdruck der Gefühle, die man zu einem bestimmten Zeitpunkt hat. Ohne jetzt pompös klingen zu wollen, vielleicht hat es etwas mit Sehnsucht zu tun. Zumindest auf diesem Album. Wenn wir Musik machen, versuchen wir, nicht allzu rational zu sein, vernünftig an die Sache heran zu gehen. Wir fragen nicht dauernd, warum wir das machen. Wir machen es einfach.
Netzeitung: Sehnsucht nach was?
Berge: Nach einem besonderen Gefühl, das wir vor allem hatten, als wir auf Tour waren mit «Melody A.M.». Aber vielleicht auch nach etwas anderem. Wir waren nicht in Schmerzen oder so, aber wir haben einen Großteil des neuen Albums im Herbst und Winter aufgenommen und die ganze Zeit drinnen gesessen. Also vielleicht die Sehnsucht nach besseren Zeiten, Sommer, Sonne. Vielleicht ist es ja so einfach.
Netzeitung: Hatten Sie nach dem Erfolg von «Melody A.M.» und der Tournee Angst, sich beim zweiten Album zu wiederholen?
Berge: Wir haben das Glück, zu zweit zu sein. Es ist fast wie eine Beziehung, denn es geht auch um Sicherheit und Vertrauen. Da ist Angst nicht wirklich ein Thema. Man sagt, das machen wir, und der andere sagt, du hast Recht.
Netzeitung: Keine Angst vor Redundanz?
Berge: Natürlich versuchen wir, uns künstlerisch von dem zu entfernen, was wir vorher gemacht haben! Natürlich wollten wir verhindern, «Melody A.M.» Teil 2 zu machen. Das wäre amerikanisch: Nach «Police Academy 1» kommt «Police Academy 2»...
Netzeitung: Gab es Druck von Seiten der Plattenfirma? Die hat doch bestimmte Erwartungen...
Netzeitung: Also kein Erwartungsdruck...
Berge: Wir haben ein gutes Management und haben von vornherein gesagt, was wir wollen und was nicht. Wir wollten nie auf der Bühne stehen, die Welt rocken und in den Charts sein. Das sieht man auch schon an der Musik, die wir vor Röyksopp gemacht haben. Natürlich freuen wir uns über die finanzielle Sicherheit. Wir können uns jetzt völlig auf unsere Musik konzentrieren, ohne uns fragen zu müssen, wie wir am nächsten Morgen Brot kaufen können.
Netzeitung: Nachdem der Computerkonzern Apple den gleichnamigen Röyksopp-Song für das neue Betriebssystem Panther benutzt hat, haben viele gedacht, Sie würden sich jetzt zurücklehnen und ihr Leben genießen, ohne je wieder arbeiten zu müssen.
Berge: So ist es natürlich nicht. Klar gibt es viel Geld, aber nicht in so unglaublicher Höhe wie vielleicht angenommen. Man darf nicht vergessen, wie es der Musikindustrie derzeit geht. Sie schwächelt. Das passt Firmen wie Apple natürlich gut, denn so müssen sie für Musik nicht so viel Geld ausgeben. In den Achtzigern wäre das noch was anderes gewesen.
Netzeitung: Finden Sie es in Ordnung, mit Ihrer Musik für ein Produkt zu stehen?
Berge: Mit Macs in Verbindung gebracht zu werden, stört uns nicht. Dabei arbeiten wir gar nicht auf Macintoshs. Das ist etwas seltsam. [lächelt] Aber es ist für uns eine Möglichkeit, unsere Musik zu verbreiten. Im Radio gesendet zu werden, ist hartes Geschäft. Vor allem in den USA. Das ist ein sehr, sehr dreckiges Geschäft. So ist es etwas sauberer. Da geht es einfach nur um die Musik, nicht um den Schein.
Netzeitung: Was meinen Sie damit?
Berge: Um im Radio gespielt zu werden, muss man allerhand Kompromisse eingehen. Das Format, das Songs haben sollen, damit sie im Radio gespielt werden, stammt glaube ich aus den fünfziger Jahren, als Bill Haley «Rock Around the Clock» gesungen hat. Bestimmte Länge, bestimmter Gesang, bestimmte Struktur. Wir sind aber nicht aus den 50ern.
Mit Svein Berge sprach Sophie Albers.

